Warten auf eine weitere Offensive
Während verschiedene christliche Religionen Ostern feiern, müht sich die sogenannte Frühjahrsoffensive in der Ukraine weiter ab, ohne bemerkenswerte Landgewinne zu verzeichnen. In Russland lautet die Standardphrase zur Beschreibung der bitteren Kämpfe inzwischen „Fleischwolf“. Anders als letztes Weihnachten gab es diesmal keine falschen Aufrufe, die Kämpfe aufzuschieben, wie Putins plötzliches Angebot für einen Waffenstillstand in der Ukraine während des orthodoxen Weihnachtsfests. Kreml-Pressesprecher Peskow erkannte an, dass das Konzept einer Waffenruhe während des Osterfests „von niemandem angeboten wurde“.
Die letzte Woche analysierte Belagerungsmentalität wird den Hauptschlagzeilen der russischen Staatsfernsehkanäle gut wiedergegeben:
– Kiew bereitet Provokationen vor
– Bereitet sich die Ukraine auf eine Gegenoffensive vor?
– Die Geheimdokumente – wirklich eine undichte Stelle oder Desinformation?
– Offengelegte Geheimdokumente des Pentagons könnten die Ukraine zur Umplanung zwingen
– Die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen hält an
Eine ukrainische Offensive und offengelegte Dokumente?
Nachrichten über offengelegte US-Geheimdokumente zogen die Aufmerksamkeit der russischen Öffentlichkeit auf sich und warfen viele Fragen auf. Sind die Dokumente authentisch oder gefälscht? Sind die Informationen vertrauenswürdig? Handelt es sich um eine Falschmeldung? Ein finsterer Plan des Pentagons zur Täuschung der russischen Truppen, wie Kreml-Unterstützer Sergei Markow in seinem Telegram-Kanal mitteilte? Oder enthüllen die Dokumente tatsächlich geplante ukrainische Operationen?
Es gab viele Kommentare, doch ein gemeinsames Gefühl machte sich scheinbar beim Publikum breit: Es braut sich etwas zusammen, auch wenn Zeit, Ort und Richtung der Feindeinwirkung nicht sicher sind. Dieses Gefühl verstärkte sich, als der Kreml-Pressesprecher auf die Worte des US-Außenministers Blinken zur ukrainischen Gegenoffensive hinwies.
Einige der zentralen russischen Politik-Talkshows unterstützten die Ansicht, dass Desinformationen so weit verbreitet seien, dass sie sich mit glaubwürdigen Informationen die Waage hielten. Wurden sie Opfer ihrer eigenen Methoden? Das Kreml-Ökosystem wird auf jeden Fall mit großer Wahrscheinlichkeit die Geschichte über die undichte Stelle für ihre eigenen Lügenmärchen nutzen, unter anderem für manipulierte Opferzahlen oder Geschichten auf Grundlage ihrer eigenen verdeckten Operation namens WarOnFakes. Lesen Sie hier unseren Bericht dazu.
Erbsenzählen: Wie spaltet man den Westen am besten?
Der Kreml schenkte auch dem China-Besuch des französischen Präsidenten Macron und der Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen Aufmerksamkeit. Russische Kommentatoren griffen Macrons Äußerungen gegenüber der Presse bezüglich der strategischen Autonomie Europas auf und spekulierten, dass seine Worte die Kluft zwischen Europa und den USA verbreitern würden.
Kremlfreundliche Kommentatoren erwähnten so gut wie gar nicht die internationalen Berichte über Macron und Von der Leyen, die China dazu bringen wollen, Russland zu überzeugen, den Krieg in der Ukraine zu beenden und Verhandlungen einzuleiten. Stattdessen konzentrierten sich russische Staatskanäle auf die Worte von Präsident Xi, laut denen er zu nichts gedrängt wird. In Moskau behauptet ein zentrales Narrativ: Von der Leyen wendete China nicht gegen Moskau. Der Westen konfrontiert Russland, das sich lediglich selbst verteidigt. Was für eine Erleichterung!
Auch das chinesische Positionspapier zur Ukrainekrise wird in Russland kaum erwähnt oder diskutiert. Nach der Verstärkung und verbalen Unterstützung des Papiers durch kremlfreundliche Kanäle in den ersten Tagen – lesen Sie dazu unseren Bericht hier – ist es nicht mehr beachtet worden. Das überrascht wahrscheinlich wenig, denn es war kein Friedensplan und es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass sich China stärker für das Beenden des Kriegs einsetzen würde.
Belarus: Schall und Rauch bei Lukaschenkos Forderungen, dass Russland Belarus bei einem Angriff durch Polen oder Litauen verteidigen soll
Am 10. April traf sich der russische Verteidigungsminister Schoigu mit dem belarussischen Machthaber Lukaschenko zur Besprechung der Sicherheitsoperation in Minsk. Laut offiziellen belarussischen Medienberichten lobten sie die Ausbildung der russischen Soldaten in Belarus. Lukaschenko nutzte die Gelegenheit, um Russland für den Sicherheitstrupp zu danken und imaginäre Ängste vor externer Aggression zu schüren, eine Reihe belarussischer Staatspropagandamethoden seit den beliebten Protesten im Jahr 2020. Er sagte: „Wir müssen auf der Hut sein. Es ist offenkundig, dass Polen und Litauen dabei sind, Maßnahmen gegen uns ergreifen.“
Während Lukaschenko die Souveränität von Belarus immer mehr verliert, ist die Behauptung, von Polen und Litauen bedroht zu werden, vermutlich ein Vorwand, um keine belarussischen Soldaten in den Kampf gegen die Ukraine schicken zu müssen. Viele Menschen in Belarus und der Ukraine haben enge Beziehungen, darunter Familienverbindungen, und die Mehrheit ist gegen eine direkte Beteiligung am Kampf, so das Ergebnis dieser unabhängigen Umfrage im März. Unabhängige belarussische Beobachter schätzen, dass viele belarussische Soldaten sogar auf Meuterei oder Fahnenflucht zurückgreifen könnten, wenn ihnen befohlen wird, sich Russlands Invasion in der Ukraine anzuschließen.
Lukaschenko tut in Belarus alles Mögliche, um eine Atmosphäre der Angst aufzubauen. Die Repressionen haben sich sogar noch mehr beschleunigt, wie wir kürzlich hier dokumentierten. Verschärfen zusätzliche russische Soldaten und die Aussicht auf das Aufstellen russischer Atomwaffen die angespannte Stimmung im Land, sodass Lukaschenkos Apparat die Gesellschaft noch mehr säubern kann?
Finnlands NATO-Mitgliedschaft: ein offensichtliches Ziel
Desinformation ist manchmal sehr vorhersehbar. Finnlands NATO-Mitgliedschaft wurde selbstverständlich zu einem Thema für Panikmache, Spott oder Denunziation aus Moskau. Im Moment liegt der Fokus auf Panikmache, um die öffentliche Unterstützung für Russlands Streitkräfte und deren Aufstellung in der Region Karelien an der finnischen Grenze zu stärken.
Kremlfreundliche Kanäle behaupteten weiterhin, dass Finnland als NATO-Mitglied „versucht, einen Weltkrieg auszulösen“, oder dass es „zu einem antirussischen Sprungbrett werden wird“. Dieses „Sprungbrett“-Bild basiert auf der Analogie, die Putin und russische Politiker nutzten, um die illegale Annexion der Krim mit der Behauptung zu legitimieren: „Die Krim kann keine NATO-Flottenbasis aufnehmen und somit kein Sprungbrett nach Russland werden.“
Eine weitere Behauptung: „Finnlands NATO-Mitgliedschaft soll Russland in die Enge treiben“. Hier müssen wohl grundlegende Geografiekenntnisse aufgefrischt werden. Ist Russland mit seiner über 22 000 km langen Landgrenze und Pazifik- und Arktisküstenlinie wirklich umstellt oder umzingelt?

Diese Woche auch auf dem Radar von EUvsDisinfo:
Diese Woche beleuchten wir drei typische Bespiele aus dem Kreml-Handbuch für Manipulation und Desinformation.
Paradebeispiel 1: Schwerpunkt verlagern und eine lange Geschichte erfinden. Polen möchte sich die Ukraine einverleiben. Wie bereits berichtet ist Polen einer der Hauptsündenböcke im Kreml-Universum. Polen taucht in unserer Datenbank in über 1 236 Beispielen für kremlfreundliche Desinformation auf. In Kürze werden wir einen längeren Artikel über die vielen Behauptungen gegen Polen veröffentlichen. Die Unterstellung, Polen hätte imperialistische Ambitionen, ist die Lieblingswaffe zum Angriff auf Warschau und soll die Aufmerksamkeit von Moskaus eigenen Ambitionen, die Ukraine, ihre Kultur und ihre Stellung in der Welt auszulöschen, ablenken. Wer daran zweifelt, muss sich nur die regelmäßigen Aussagen des ehemaligen Präsidenten und heutigen stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrats, Dmitri Medwedew, ansehen, der letzte Woche erneut davon sprach, dass die Ukraine allmählich verschwände, „weil sie niemand braucht“. Seit dem 24. Februar 2022 sprach er sich ständig für die Auslöschung der Ukraine aus – sie zu vernichten, dem Erdboden gleich zu machen, die Neonazis zu beseitigen und so weiter und so fort.
Paradebeispiel 2: Wiederholen und mit Emotionen ködern. Die USA führen ihr Biolaborprogramm unter dem Deckmantel der „Doppelverwendung“ fort. Dieses Narrativ ist wie ein hoch oder runter gestellter Lautstärkeregler, der jedoch nie ausgeschaltet wird – es gibt ständig irgendwelche Hintergrundgeräusche. Dieses Beispiel zeigt eine häufige Manipulationstaktik: Wiederholung mit einigen neuen kleinen Nuancen. Wiederholung funktioniert von selbst. Ein Narrativ, das auf vielen Plattformen verbreitet wird, verstärkt den Eindruck, dass, „wenn es in mehreren Quellen erwähnt wird, etwas dran sein muss“. Das Hinzufügen kleiner Nuancen, selbst wenn sie frei erfunden sind, erweckt den Eindruck, dass „investigativer Journalismus neue Wahrheiten aufdeckt“. Dies nährt die Neugier der Menschen und die Wörter „Biolabor“/„biologische Waffen“ sind genau wie „Atomwaffen“ ein guter Klickköder. Die Fakten sind jedoch einfach. Es gibt keine US-Laboratorien in der Ukraine, die biologische Waffen entwickeln. Zahllose Fachleute, auch von UN-Organen, haben sich mit dieser Frage beschäftigt, und es gibt keine.
Paradebeispiel 3: Erfinden und übertreiben. Rumänen möcht kein NATO-Mitglied sein. Dieses Beispiel wurde ausgewählt, weil es einen grundlegenden Trick veranschaulicht: Einfach eine kleine Lüge ausspucken, üblicherweise eine mit Zahlen oder Statistiken. Es ist unerheblich, ob sie von leicht verfügbaren Daten sofort widerlegt wird. Manche werden Notiz davon genommen haben, andere haben auf „Teilen“ geklickt und wieder andere haben sie in ihre eigenen Berichte oder Texte aufgenommen. Menschen mögen Zahlen und nur wenige bemühen sich, sie zu recherchieren. Aber nichts leichter als das. Wir haben das für Sie gemacht. Eine öffentliche Umfrage von letzter Woche zeigte, dass 80 % der Rumäninnen und Rumänen nicht möchten, dass ihr Land die NATO verlässt. Rumänien trat der NATO im März 2004 bei. Die Zahlen sprechen für sich selbst – doch in der Welt der Manipulation ist oben unten, Schwarz Weiß und böse gut.
