Lernen

Die Werkzeuge, um Desinformationen zu verstehen und darauf zu reagieren

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Desinformation ist eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Manchmal wirkt es, als sei sie überall: Bei Familienfeiern mit hitzigen Diskussionen über Politik, Gesellschaft oder gar Fragen der persönlichen Gesundheit, bis ins Internet, die sozialen Medien und auch die internationale Politik.

Es sind nicht nur einzelne Personen im Internet, die hin und wieder Desinformation erstellen und verbreiten. Fremde Staaten, insbesondere Russland und China, haben Desinformation und Informationsmanipulation systematisch eingesetzt, um unsere Gesellschaften zu spalten und unsere Demokratien zu schwächen, indem das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit, gewählte Organe, demokratische Werte und die Medien zersetzt wird. Desinformation als Teil ausländischer Informationsmanipulation und Einmischung stellt eine Bedrohung für die Sicherheit der Europäischen Union und ihre Mitgliedstaaten dar.

Was genau ist Desinformation? Wie können wir verhindern, dass wir auf sie hereinfallen, wenn das überhaupt möglich ist? Wie können wir darauf reagieren? Auf der Plattform „Learn“ werden Sie Antworten auf diese und weitere thematische Fragen finden. Diese beruhen auf der Erfahrung, die EUvsDisinfo seit seiner Gründung 2015 gesammelt hat. Sie finden dort einige unserer besten Artikel und eine Auswahl an nützlichen Instrumenten, Spielen, Büchern und anderen Ressourcen, um Ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Desinformation aufzubauen oder zu stärken. Kenne den Unterschied mit EUvsDisinfo, #DontBeDeceived und werde widerstandsfähiger.

Definieren

Falschmeldungen (Fake News)

Falsche, sensationalistische, irreführende Informationen. Der Begriff „Fake News“ übermittelt tiefe politische Konnotationen und reicht viel zu kurz, um die Komplexität dieses Problems zu umschreiben. Daher bevorzugen wir bei EUvsDisinfo präzisere Definitionen des Phänomens (z. B. Desinformation, Informationsmanipulation).

Propaganda

Inhalte, die verbreitet werden, um das eigene Anliegen zu stärken oder das einer Gegenpartei zu schwächen. Oft kommen unmoralische Überzeugungsmethoden zum Einsatz. Es ist ein Sammelbegriff mit bedeutenden historischen Konnotationen, weshalb wir ihn für unsere Arbeit selten verwenden. Wichtig ist, dass der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte, der 1966 von den Vereinten Nationen erlassen wurde, Propaganda für Kriegszwecke gesetzlich verbietet.

Fehlinformationen

Falsche oder irreführende Inhalte, die ohne böswillige Absicht geteilt werden. Sie können dennoch Schaden anrichten, z. B. wenn die Fehlinformationen gutgläubig mit Freunden oder Familie geteilt werden.

Desinformation

Falsche oder irreführende Inhalte, die erstellt, veröffentlicht und verbreitet werden in der Absicht, zu täuschen oder wirtschaftliche bzw. politische Vorteile zu sichern, und die politischen Schaden anrichten können. Fehler, Satire oder Parodien oder klar erkennbare Parteinachrichten und Kommentare gehören nicht zu Desinformation.

Tätigkeiten zur Informationsbeeinflussung

Koordinierte Bemühungen von inländischen oder ausländischen Akteuren, eine Zielgruppe mit einer Reihe von irreführenden Mitteln zu beeinflussen. Dazu zählt die Unterdrückung unabhängiger Informationsquellen in Kombination mit Desinformation.

Ausländische Informationsmanipulation und Einmischung

Ein Verhaltensmuster im Informationsraum, das die Werte, Verfahren und politischen Prozesse bedroht. Diese Tätigkeiten sind manipulativ (wenn auch meist nicht rechtswidrig), werden absichtlich und koordiniert durchgeführt und stehen meist mit anderen hybriden Tätigkeiten in Verbindung. Sie können von staatlichen wie nicht-staatlichen Akteuren und ihren Vertretern ausgeführt werden.

Verstehen

Was ist Desinformation?

Und warum sollte Sie das interessieren?

Manche würden sagen, dass Desinformation oder Lügen ein Teil der menschlichen Interaktion sind. Notlügen, offensichtliche Lügen, Falschangaben, „alternative Fakten“: Propaganda hat die Menschheit im Laufe ihrer gesamten Geschichte begleitet. Sogar die Schlange im Garten Eden hat Adam und Eva belogen!

Andere würden hinzufügen, dass Desinformation, insbesondere zu politischen oder geopolitischen Zwecken, eine viel jüngere Erfindung ist, die von den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts weit verbreitet wurde. Und dass sie vom KGB - dem wichtigsten Sicherheitsdienst der Sowjetunion - perfektioniert wurde, der sogenannte „aktive Maßnahmen“ entwickelte,[1] um Zwietracht und Verwirrung zu säen und auf diese Weise den Westen zu untergraben. Und diese Desinformation wird von Russland bis heute für den gleichen Zweck eingesetzt. (Mehr darüber, wie Russland die Desinformationsmethoden des KGB wiederbelebt hat, erfahren Sie in unserem Interview mit dem unabhängigen russischen Journalisten Roman Dobrokhotov aus dem Jahr 2019).

Es gibt viele Möglichkeiten, die Frage zu beantworten, was Desinformation ist, und bei EUvsDisinfo haben wir ihre philosophischen, technologischen, politischen, soziologischen und kommunikativen Aspekte berücksichtigt. Wir haben versucht, all diese Aspekte in diesem LEARN-Bereich zu behandeln.

Unsere eigene Geschichte begann 2015, nachdem der Europäische Rat, die höchste Entscheidungsebene in der Europäischen Union, Russland als Quelle von Desinformation bezeichnete und uns beauftragte, Russlands laufende Desinformationskampagnen zu bekämpfen. Lesen Sie unsere Geschichte hier.

Im Jahr 2014 – dem Jahr vor der Gründung von EUvsDisinfo – hatte ein europäisches Land zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg militärische Gewalt eingesetzt, um einen Nachbarn anzugreifen und ihm Land zu rauben: Russland hat die ukrainische Halbinsel Krim widerrechtlich annektiert. Russlands Aggression in der Ukraine wurde von einer überwältigenden Desinformationskampagne begleitet, die in einer umfassenden Invasion und groß angelegten genozidalen Gewalt gegen die Ukraine gipfelte. Gegen russische Desinformation anzukämpfen bedeutet, die russische Aggression zu bekämpfen – so die ukrainischen Faktenchecker von Vox Check, die mit uns buchstäblich aus den Schützengräben des Schlachtfelds sprachen, wo sie die Ukraine weiterhin verteidigen.

Die Rolle der russischen Staatsmedien und des breiteren kremlfreundlichen Desinformationssystems bei der Mobilisierung von Unterstützung für die Invasion in der Ukraine kann nicht genug betont werden.[2] Der Zugriff des Kremls auf den Informationsraum in Russland ist auch ein Beispiel dafür, wie autoritäre Regimes die staatlich kontrollierten Medien als Tribüne oder Plattform nutzen, um ihrer Bevölkerung Anweisungen zu geben, wie es zu handeln und was es zu denken hat, und vom Publikum bedingungslose Loyalität zu verlangen. Dies steht in krassem Gegensatz zu dem Verständnis der Medien als einForum , in dem ein freier Austausch von Meinungen und Ideen stattfindet, in dem Debatten, Hinterfragung und Kritik einen öffentlichen Diskurs schaffen, der die Demokratien stärkt. (Wir untersuchen diese Konzepte in unserem Text über Propaganda und Disempowerment.)

Genau wie die Nutzung der Medien als Tribüne wird die kremlfreundliche Desinformation durch ein Megaphon unterstützt – das Megaphon der manipulativen Strategien. Der Einsatz von Bots, Trollen, gefälschten Websites, falschen Experten und weiteren ähnlichen Methoden zielt darauf ab, die echten Diskussionen zu verzerren, die wir für eine demokratische Debatte brauchen. Solche Aktivitäten sind darauf ausgerichtet, möglichst viele Menschen zu erreichen und sie zu verunsichern, ihnen Angst und Hass einzuflößen. Dies beweist, dass es sich nicht um eine Frage der Meinungsfreiheit handelt. Das Recht, etwas Falsches oder Irreführendes zu sagen, ist in unserer Gesellschaft geschützt. Hier geht es jedoch darum, dass der Kreml all diese Manipulationen dazu nutzt, um lauter zu sein als alle anderen. Solche Informationsmanipulationen und Einmischungen, einschließlich Desinformation, möchte EUvsDisinfo aufdecken, erklären und bekämpfen.

Desinformation und andere Informationsmanipulationen zielen darauf ab, den öffentlichen Diskurs zu vergiften. Daher bedeutet ein Vorgehen gegen Desinformation also auch, die Demokratie zu verteidigen und sich gegen Autoritarismus zu wehren.

Scrollen Sie durch diesen Abschnitt und sehen Sie sich auch die anderen an, um mehr zu erfahren über die Desinformationsnarrative und -rhetorik der kremlfreundlichen Desinformation; Desinformations-Strategien, -Methoden und -Abläufe; das kremlfreundliche Medienökosystem, sowie die Philosophie und Desinformation. Was Sie dagegen tun können, erfahren Sie im Abschnitt „Antworten“. Und wenn Sie weiterhin neugierig sind – wir haben auch etwas Besonderes für Sie!


[1] Die New York Times hat dazu 2018 eine hervorragende Dokumentation mit dem Titel „Operation InfeKtion“ gedreht, die Sie sich hier ansehen können: https://www.youtube.com/watch?v=tR_6dibpDfo (auf Englisch verfügbar).

[2] Aus diesem Grund hat die EU mehrere Dutzend russische Propagandisten sanktioniert und die Ausstrahlung von staatlich kontrollierten russischen Sendern wie RT auf dem Gebiet der EU ausgesetzt.

„Den laufenden Desinformationskampagnen Russlands entgegenwirken“: Die Geschichte von EUvsDisinfo

22/04/2020

Mit diesem Artikel laden wir unsere Leserschaft dazu ein, einen Blick hinter die Kulissen der Inhalte zu werfen, die Sie auf EUvsDisinfo sehen. Dazu zählen die öffentliche Datenbank für Desinformationen, unser Auftritt bei Facebook und Twitter sowie unser wöchentlicher Newsletter, der Disinformation Review.

Wir lassen einige wichtige Momente unserer Tätigkeit Revue passieren – angefangen beim Beschluss aus dem Jahr 2015 über die Einsetzung der East StratCom Task Force angesichts des Konflikts in der Ukraine bis hin zur Realität der COVID-19-Infodemie im Frühjahr 2020. Im Zuge dieses Rückblicks informieren wir Sie zudem über die Hintergründe unserer Methoden und Ansätze.

Ein einzigartiges Mandat

Am 19. und 20. März 2015 fand in Brüssel eine Zusammenkunft der Staats- und Regierungschefs der 28 EU-Länder statt. Einer der zu Papier gebrachten Beschlüsse der Beteiligten dieses Gipfeltreffens sah Folgendes vor:

„Der Europäische Rat betont die Notwendigkeit, Russlands laufenden Desinformationskampagnen entgegenzuwirken, und ersucht die Hohe Vertreterin, in Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten und den Organen der EU bis Juni einen Aktionsplan über strategische Kommunikation auszuarbeiten. Die Einsetzung eines Kommunikationsteams ist ein erster Schritt in diese Richtung.“

Mit einem einstimmigen Beschluss, der auf höchster Ebene der Entscheidungsfindung in der Europäischen Union von den 28 Staats- und Regierungschefs getroffen wurde und in unmissverständlichen Worten auf Russland als Ursprungsort von Desinformationen verwies, erhielt die neu ins Leben gerufene East StratCom Task Force ein einzigartiges und starkes Mandat für ihre zukünftige Arbeit.

Im März 2015 fassten die Staats- und Regierungschefs der 28 EU-Mitgliedstaaten den Beschluss zur Einrichtung der East StratCom Task Force.

Im Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD), dem diplomatischen Dienst der EU, wurde ein Expertenteam mit Kompetenzen in den Bereichen Kommunikation, Journalismus und Russistik unter Vorsitz des Hohen Vertreters der EU gebildet.

2015: Russlands Aggression gegen die Ukraine

Bevor wir uns genauer damit befassen, wie dieses Mandat in die Praxis umgesetzt wurde, werfen wir einen Blick auf die Lage im Osten des europäischen Kontinents in dieser Zeit.

Im Jahr 2014, ein Jahr bevor das Team eingesetzt wurde, wandte ein europäisches Land erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg militärische Gewalt an, um Gebiete eines Nachbarlandes zu besetzen: Es geht um die rechtswidrige Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland.

Lügengebäude: Von den „kleinen grünen Männchen“ auf der Krim bis hin zur Tötung von 298 unschuldigen Zivilisten am Himmel über der Ukraine im Juli 2014 arbeiteten russische Behörden und staatlich kontrollierte Medien eng zusammen, um Verwirrung zu stiften und die Wahrheit zu verschleiern.

Durch Russland unterstützte Gruppen bewaffneter Separatisten hatten zudem die Kontrolle über einen Teil der Ostukraine in der Donbas-Region übernommen, die an Russland grenzt. Im Juli 2014 wurde dieser Konflikt für die Europäische Union mit einem Schlag zu einem dringlichen Thema, als Flug MH17 der Malaysia Airlines mit 298 Menschen an Bord, darunter 80 Kinder und 196 Staatsangehörige der Niederlande, durch eine russische Rakete getroffen wurde, die aus dem Gebiet der Ukraine abgefeuert wurde, das unter der Kontrolle der durch Russland unterstützten Separatisten stand.

Die Ukraine und die EU als Ziel von Desinformation

Die russische Aggression in der Ukraine wurde von einer umfassenden Desinformationskampagne begleitet, in der unverhohlene Lügen eine entscheidende Rolle spielten. Durch diese zweigleisige Operation wurde versucht, die Ukraine zu destabilisieren und ihre Stellung zu untergraben – sowohl im direkten Konflikt mit Russland, als auch in den Augen der internationalen Gemeinschaft, um Zweifel zu säen und Verwirrung zu stiften.

Das staatlich kontrollierte russische Fernsehen zeigte einen Beitrag über eine Frau, die behauptete, Augenzeugin der Kreuzigung eines einheimischen Jungen durch ukrainische Streitkräfte in der Ostukraine gewesen zu sein; es stellte sich später heraus, dass diese Frau Schauspielerin war und eine solche Hinrichtung niemals stattgefunden hatte. In einem anderen Fall erfuhr das russische Publikum vom Tod eines kleinen ostukrainischen Mädchens, das einer Bombardierung durch die Ukraine zum Opfer gefallen war. Einem Journalisten der BBC gelang es jedoch, den Produzenten des russischen Fernsehsender NTV das Geständnis zu entlocken, dass sie über diese Geschichte berichtet hatten, obwohl sie wussten, dass sie nicht der Wahrheit entsprach. Durch russische Regierungsvertreter und russische Medien wurden zahlreiche unterschiedliche und widersprüchliche Verschwörungstheorien über das Schicksal von Flug MH17 in Umlauf gebracht. Diese Nebelkerzen sollten Unsicherheit verbreiten und die russische Verantwortung für dieses abscheuliche Verbrechen in Abrede stellen.

Reporter vor Ort und der investigative Journalismus spielten eine wichtige Rolle dabei, kremlfreundliche Desinformationen aufzudecken. Hier sieht man ein Beispiel aus der preisgekrönten Videoreportage der Vice News von der Krim.

Zugleich gerieten die EU und ihre Beziehung zur Ukraine – dem größten Partnerland in der EU-Politik für die östliche Partnerschaft – ins Visier von Desinformationen. Unter anderem wurde die EU in der Berichterstattung beschuldigt, den Bau von „Konzentrationslagern“ in der Ukraine zu finanzieren. Ähnliche Beispiele für kremlfreundliche Desinformationen, die auf die Beziehung zwischen der EU und der Ukraine abzielten, wurden durch die wichtige Arbeit von ukrainischen Faktenprüfern enthüllt.

Dies war die geopolitische Lage und das Informationsumfeld, das die europäischen Staats- und Regierungschefs im März 2015 dazu veranlasste, diesen ersten politischen Schritt im Kampf gegen Desinformationen zu unternehmen.

Drei Maßnahmen gegen Desinformationen

Das Mandat musste als konkrete Aufgabenbeschreibungen umformuliert werden, um es in die Tat umzusetzen. Wie sollte man den Ausdruck „entgegenwirken“ verstehen? Wie ist es möglich, Desinformationen entgegenzuwirken? Kurz gefasst: Was sollte das Team unternehmen?

Nach Rücksprache mit internationalen Experten ermittelte der EAD nicht nur einen, sondern drei Aktionsbereiche, die als politisch vertretbare und wirksame Mittel angesehen wurden, um Desinformationen entgegenzuwirken:

  • Die Task Force soll die Kommunikation der EU wirksamer gestalten und sich dabei insbesondere auf die Länder der östlichen Partnerschaft konzentrieren. Wenn das Publikum also weniger empfänglich für Desinformationen, z. B. hinsichtlich der Beziehung zwischen der EU und der Ukraine, sein soll, wäre es sinnvoll, den Kenntnisstand über die EU und ihre Aufgaben zu verbessern.
  • Die Task Force soll außerdem dazu beitragen, freie und unabhängige Medien in dieser Region zu stärken. Eine der besten Möglichkeiten, die Gesellschaft unempfänglich für Desinformationen zu machen, sind robuste, vertrauenswürdige und unabhängige Kanäle – darunter auch öffentlich-rechtliche Medien –, die grundlegende journalistische Standards einhalten.
  • In ihrem dritten Aktionsbereich soll die Task Force über eine Aufklärungskampagne das Bewusstsein für das Desinformationsproblem erhöhen. Für diese Kampagne sollen Beispiele für Desinformationen gesammelt und in einem Kontext gezeigt werden, durch den diese Desinformationen nicht noch gestützt, sondern ihnen entgegenwirkt wird. EUvsDisinfo ist eben jene Aufklärungskampagne.

Seit die East StratCom Task Force am 1. September 2015 in Brüssel ihre Tätigkeit aufnahm, orientiert sich unsere Arbeit an diesen drei Aktionsbereichen.

Unsere Veröffentlichungen unter dem Namen EUvsDisinfo sind also eine der EU-Maßnahmen gegen Desinformationen und eine Antwort auf die entscheidende Frage: Wie kann man Desinformationen entgegenwirken?

Die EUvsDisinfo-Aufklärungskampagne

Die Website EUvsDisinfo.eu steht im Mittelpunkt unserer Aufklärungskampagne gegen kremlfreundliche Desinformationen. Die Website der Kampagne umfasst eine Reihe verschiedener Inhalte:

  • Eine öffentlich zugängliche Datenbank für Desinformationen: Seit 2016 haben wir einzelne Beispiele für Desinformationen mit Links zum Ursprungstext gesammelt und durch kurze entlarvende Artikel ergänzt. Seit April 2020 verfügen wir über mehr als 8.000 Beispiele. Zu Anfang vertrauten wir auf die Medienüberwachung durch unsere Teammitglieder und ein Netzwerk aus interessierten Freiwilligen, die gefundene Beispiele an uns weiterleiteten. Später wurden uns vom Europäischen Parlament finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt, durch die wir diese Arbeit mithilfe professioneller Medienbeobachtungsdienste systematisieren konnten. Die abschließende Beurteilung, d. h. die Entscheidung, ob wir ein Beispiel für Desinformationen in die Datenbank aufnehmen, obliegt jedoch weiterhin uns.
  • Ein wöchentliche Ausgabe unseres Disinformation Review, in dem die neuesten Beispiele aus der Datenbank für Desinformationen aufgeführt werden, um einen Überblick über die derzeitigen Trends zu geben. Wenn ähnliche Desinformationen in verschiedenen Medienkanälen und manchmal sogar in verschiedenen Sprachen auftauchen, kann dies auf Narrative hinweisen, d. h. den Versuch, mit Hilfe (sozialer) Medien bestimmte Realitätswahrnehmungen in der Öffentlichkeit in Umlauf zu bringen und zu verbreiten.
  • Der Disinformation Review ähnelt eher einer Nachrichtenrubrik, während unsere Feature-Beiträge dazu dienen, die einzelnen Themen und Narrative über einen längeren Zeitraum genauer zu untersuchen. Dieser Bereich enthält verschiedene Ansätze und Sie werden bemerken, dass wir verschiedene Arten der Berichterstattung nutzen: längere analytische Aufsätze, Interviews, eine „Zahl der Woche“ sowie Artikel mit Unterhaltungswert – wenn sich beispielsweise Versuche der Verbreitung von Desinformationen auf peinliche Art und Weise selbst entlarven. Während der Disinformation Review in erster Linie auf Beispielen für Desinformationen basiert, die wir selbst mithilfe professioneller Medienbeobachtung ermittelt haben, werden in unseren Feature--Beiträgen häufig Beispiele beschrieben, wie durch investigativen Journalismus und Faktenprüfung Desinformationen aufgedeckt wurden. Oft stammen diese Artikel, Radio- und Fernsehbeiträge in russischer Sprache von unabhängigen russischen Journalisten, deren wichtige Arbeit wir durch die Veröffentlichung in englischer Sprache einem größeren internationalen Publikum näherbringen.
  • Derzeit haben wir zwei spezielle Themenbereiche: einen Bereich über Wahlen mit den Online-Inhalten einer Kampagne, die wir in Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen im Europäischen Parlament und den Vertretungen der EU-Kommission in den Mitgliedstaaten gestartet haben, um vor den Europawahlen 2019 das Bewusstsein für Desinformationen zu schärfen, sowie einen speziellen COVID-19-Bereich, in dem unsere Reaktionen auf Desinformationen über die Coronavirus-Pandemie gesammelt werden.
  • Wir erstellen zudem Videos, mit denen auf Desinformationen aufmerksam gemacht wird. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Beispielen aus dem russischen Fernsehen. Manchmal ist die effizienteste Lösung für das Problem, die im russischen Fernsehen gezeigten Nachrichtensendungen oder Talkshows mit englischen Untertiteln zu versehen. Diese Videos präsentieren wir auf unserer Facebook-Seite und bei Twitter

https://www.facebook.com/1087491177963859/videos/488694558669038/

Sehen Sie sich unsere Zusammenstellung der Highlights des Jahres 2019 aus dem russischen Fernsehen an.

Terminologie und Methodik auf EUvsDisinfo

Die Ergebnisse unserer Arbeit hängen natürlich in hohem Maße von unseren Definitionen und Ansätzen ab. Einige Grundsätze verdienen es, als besonders wichtig hervorgehoben zu werden:

  • Wir sprechen bevorzugt von kremlfreundlichen Desinformationen, da unser Fokus auf der Botschaft liegt. Es ist zwar bekannt, dass der Kreml Richtlinien für die Nachrichtenübermittlung erteilt, doch es gibt auch Akteure, die mit unterschiedlicher Abhängigkeit, Loyalität oder einfach inspiriert durch die Narrative der russischen Behörden agieren. Im Artikel „Strategie und Taktik der kremlfreundlichen Desinformationskampagne” haben wir dargelegt, wie wir dieses „Ökosystem“ verstehen.
  • Da unsere Arbeit Teil der Außenpolitik der Europäischen Union ist, liegt unser Schwerpunkt auf Desinformationen, die aus Quellen von außerhalb der EU stammen, und aufgrund unseres Mandats müssen diese Quellen eine eindeutige Verbindung zum kremlfreundlichen Ökosystem haben. Das ursprüngliche Mandat ist der Grund dafür, dass EUvsDisinfo insbesondere kremlfreundliche Desinformationen beleuchtet.
  • Wir heben Beispiele für Desinformationen hervor, sofern nicht eindeutig aus dem Kontext hervorgeht, dass die Behauptung unwahr ist. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir eindeutig gekennzeichnete Satire nicht einbeziehen. Fälle von Desinformationen können jedoch z. B. im Zusammenhang mit einer im Fernsehen ausgestrahlten Diskussion in einer Talkshow, in der auch gegensätzliche Meinungen zulässig sind, auftreten: Wenn der Kontext eine eindeutig desinformative Behauptung als relevante „Meinung“ legitimiert, ist dies ein Fall, der auch dann Bedeutung für unsere Berichterstattung hat, wenn diese Meinung nur ein Teil verschiedener Standpunkte ist.
  • Die EUvsDisinfo-Datenbank umfasst „Gegenbeweise“, die erklären, welche Bestandteile eine bestimmte Behauptung zur Desinformation machen, also zu nachweislich falschen oder irreführenden Informationen, die aufgrund wirtschaftlicher Vorteile oder zur vorsätzlichen Täuschung der Öffentlichkeit erstellt, vorgelegt oder verbreitet werden und öffentlichen Schaden anrichten könnten. Die Desinformationsbeispiele werden durch den wöchentlichen Newsletter, den Disinformation Review und die Feature-Beiträge in einen Kontext gebracht. Unser Fokus auf den Kontext hängt mit der Tatsache zusammen, dass wir Wert auf die wichtige Unterscheidung zwischen Misinformation und Desinformation legen, d. h. den Unterschied zwischen einer falschen Behauptung, die isoliert betrachtet wird, und der Art und Weise, wie eine solche Behauptung absichtlich, systematisch und manipulativ eingesetzt werden kann, um politische Ziele zu verfolgen. Bei einer Sensibilisierung geht es nicht nur darum zu wissen, warum etwas nicht der Wahrheit entspricht. Es geht ebenso darum zu verstehen, wie die Systeme funktionieren, in denen solche Behauptungen zum Vorschein kommen. Bei der Suche in der Datenbank wird der Leserschaft eine Zeitleiste angezeigt, die beschreibt, wie eine bestimmte Desinformation erstmals in Erscheinung tritt und wie sie sich verändert und weiterentwickelt. Diese Erkenntnisse geben der Forschung, dem Journalismus und anderen Beteiligten Hinweise darauf, wo sie zusätzliche Informationen erhalten könnten. Eine ausführliche Aufstellung der von uns verwendeten Terminologie finden Sie in der Terminologie-Tabelle in diesem Artikel.

Ab 2018: Zusätzliche Unterstützung und ein neues Mandat

Seit 2015 bleibt die Ukraine im Fokus, doch wir haben uns auch andere Themenbereiche angesehen, in denen kremlfreundliche Desinformationen Verbreitung finden, unter anderem: Migration; die MeToo-Bewegung; Wahlbeeinflussung; Menschenrechte; die Impfgegnerschaft; der Giftanschlag in Salisbury; Klima; Verschwörungstheorien und viele weitere Themen.

Wir verzeichnen ein steigendes Interesse an unserer Arbeit und erhalten zunehmend Unterstützung unter anderem vom Europäischen Parlament. Ab dem Jahr 2018 wurde uns vom Europäischen Parlament ein Budget zugewiesen, mit dem unsere Arbeit unterstützt wird. Ein Teil dieser Finanzmittel wird aufgewendet, um einen systematischen Medienbeobachtungsdienst zu beauftragen, der das anfängliche Netzwerk aus Freiwilligen ersetzt, denn wir wollten anstatt der reinen Präsentation anschaulicher Beispiele auch einen quantitativen Ansatz verfolgen. Infolgedessen sehen und hören wir mehr und können mehr Sprachen abdecken als zu Beginn. Dank unserem Zugang zu größeren Datenmengen sind wir inzwischen in der Lage, übergeordnete Trends zu erkennen.

Die europäischen Staats- und Regierungschefs trafen sich im Dezember 2018 in Brüssel, um erneut Gespräche über Desinformationen aufzunehmen. Diesmal verabschiedeten sie einen Aktionsplan gegen Desinformation, in dem die Arbeit der East StratCom Task Force gewürdigt wurde. Somit blieb unser ursprüngliches Mandat in Kraft. Mit dem neuen Aktionsplan wurden neue Strategien und Initiativen ins Leben gerufen, darunter ein Frühwarnsystem (Rapid Alert System), in dem sich die EU-Mitgliedstaaten gegenseitig und intern über Desinformationen auf dem Laufenden halten, sowie ein Verhaltenskodex, mit dem soziale Netzwerke und andere Technologie-Giganten verpflichtet werden sollen, mehr Verantwortung für die über ihre Plattformen verbreiteten Informationen zu übernehmen. Im Aktionsplan wurde zudem die wichtige Rolle unserer Kolleginnen und Kollegen in der Task Force Western Balkans und der Task Force South des EAD erwähnt (letztere deckt den Nahen Osten und Nordafrika ab). Die Bedeutung dieser Regionen ist in den auf der EUvsDisinfo-Website veröffentlichten Artikeln nachzulesen, z. B. über Desinformationen von RT in arabischer Sprache und von Sputnik im Westbalkan. Kürzlich haben wir unserem breiteren Arbeitsumfeld ein weiteres interessantes Thema, nämlich Desinformationstätigkeiten mit Ursprung in China, hinzugefügt und unsere Fähigkeiten zur Durchführung einer Datenanalyse verbessert. Ein Beispiel dieser Arbeit ist ein Artikel darüber, wie eine Facebook-Seite, die von sich behauptet, das Europäische Parlament zu repräsentieren, systematisch Veröffentlichungen von RT in Umlauf gebracht hat.

Neben der Fortführung der EUvsDisinfo Online-Kampagne hat die East StratCom Task Force außerdem mit der Ausrichtung von Konferenzen begonnen, um auf Desinformationen aufmerksam zu machen und Experten zusammenzubringen. Bisher wurde eine solche Veranstaltung in Brüssel und eine weitere in Tiflis, Georgien, abgehalten. Darüber hinaus arbeitet das Team mit verschiedenen Akteuren in den Ländern der Östlichen Partnerschaft, unter anderem auch mit Vertreterinnen und Vertretern staatlicher Einrichtungen, zusammen.

Im Jahr 2018 haben die europäischen Staats- und Regierungschefs die besondere Bedeutung des Schutzes der Wahlen vor Desinformationen hervorgehoben. Als Reaktion darauf haben wir vorab eine auf die Europawahlen im Mai 2019 zugeschnittene Sensibilisierungskampagne gestartet.

Ein Bericht über die Arbeit der in St. Petersburg ansässigen „Trollfabrik“ gehörte zu den Inhalten unserer Kampagne zur Sensibilisierung für Wahlbeeinflussung aus dem Jahr 2019.

Inzwischen berücksichtigen wir zudem, dass große Teile unserer Leserschaft es bevorzugen, unsere Inhalte in anderen Sprachen als Englisch zu lesen. Seit Anbeginn haben wir alle unsere Artikel und den Disinformation Review in russischer Sprache veröffentlicht und verbreitet. Ausgewählte Publikationen werden zudem ins Deutsche und allmählich auch ins Französische, Italienische und Spanische übersetzt.

Die üblichen Inhalte von EUvsDisinfo – die Datenbank für Desinformationen, der Disinformation Review und unsere analytischen Artikel – enthalten alle den Vermerk, dass sie „nicht den offiziellen Standpunkt der EU“ wiedergeben. Wir sind der Ansicht, dass eine Prüfung der Kommunikation anderer Akteure nicht als Politik verstanden werden sollte. Unsere Arbeit soll vielmehr als das Ergebnis von Analysen betrachtet werden, das der Öffentlichkeit durch die EU bereitgestellt wird.

Siehe auch:

Fragen und Antworten zur EastQuestions and Answers about the East StratCom Task Force - European External Action Service StratCom Task Force

Strategie und Taktik der kremlfreundlichen Desinformationskampagne

Weitere Informationen

Propaganda und Disempowerment

15/02/2019

Massenmedien folgen zwei Hauptkonzepten: Medien als Forum oder Medien als Tribüne. Dies ist natürlich nur ein theoretisches Modell zur Beschreibung zweier Idealtypen von Beziehungen zwischen Medien und ihren Zielgruppen.

Das Konzept des Forums basiert auf einem horizontalen Austausch von Ideen und Ansichten. Im Allgemeinen bieten die Medien Raum für einen öffentlichen Diskurs. Das Forum ist kein Ort, an dem Entscheidungen getroffen werden, sondern ein Ort für Debatten, Fragen, Überprüfung und Kritik. Ein erfolgreiches Forum kann laut, ruppig und sogar vulgär sein. Es kann moderiert, aber niemals kontrolliert werden.

Das Konzept der Tribüne ist zuerst einmal das einer Plattform, über die die Ideen und Werte derjenigen, die die Plattform kontrollieren, verbreitet werden. Dies ist ein Top-Down-Prozess, bei dem von der Zielgruppe erwartet wird, die Ideen passiv zu akzeptieren und Anweisungen von den Herrschenden darüber zu empfangen, wie sie handeln und was sie denken soll. Grundlage ist unbedingte Treue aufseiten der Zielgruppe.

Das Forum und die Tribüne betrachten das Konzept „Fake“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Für das Forum sind Informationen „fake“, wenn sie nicht auf Fakten basieren. Die am Diskurs Beteiligten erwarten Quellen, sie gehen kritisch an Aussagen heran. Versuche, Bilder oder Dokumente zu fälschen, Details zu verschweigen oder einfach zu lügen, gelangen früher oder später an die Öffentlichkeit.

Für die Tribüne ist alles „fake“, was die Autorität des Senders infrage stellt. Ob eine Aussage auf Fakten basiert, ist nicht so wichtig. Die Wahrheit ist, was gut für den Sender ist. Es ist wahr, weil die Herrschenden das sagen.

Es ist leicht erkennbar, dass die meisten Propagandakanäle alle Merkmale einer Tribüne aufweisen. Die Medien sind ein Instrument, „die schärfste Waffe der Partei“. Eine Waffe, die nur von den Mächtigen eingesetzt wird. Die Zielgruppe ist entmachtet, ihr werden Meinungen und Gedanken aufgezwungen.

Die Zielgruppe hat jedoch noch ein einflussreiches Mittel. Sie kann aufhören, zuzuhören. Der ehemalige tschechische Präsident, Dichter und Dissident Václav Havel nannte dies „die Macht der Machtlosen“. Die Tribüne basiert auf der Akzeptanz einer Reihe ideologischer Rituale, die sich schnell abnutzen, da sie nie in einem fairen Wettstreit der Ideen getestet wurden.

Historisch gesehen entstanden Foren für den öffentlichen Diskurs an unerwarteten Orten, wenn öffentliche Debatten in den Medien nicht möglich waren. Die Menschen fanden anderswo Räume und Möglichkeiten, Fragen zu stellen, zu diskutieren und Autoritäten zu hinterfragen, wenn die Medien zur Verbreitung der Parteilinie degradiert wurden.

Das Forum gehört zur Demokratie, wie die Tribüne zum Autoritarismus gehört. Der Kern von Demokratie ist Dissens, ihre Methode ist kritisches Denken. Der Kern des Autoritarismus ist Unterwerfung, seine Methoden sind Disempowerment und Korruption.

Weitere Informationen

„Unsere Arbeit hilft, die russische Aggression zu bekämpfen, also machen wir weiter.“ Interview mit den ukrainischen Faktenprüfern von VoxCheck

09/03/2022

VoxCheck ist ein unabhängiges, gemeinnütziges Projekt zur Überprüfung von Fakten in der Ukraine. Anfang Februar 2022, als der Kreml noch immer seine Panzer und Soldaten an den Grenzen der Ukraine aufmarschieren ließ, haben wir VoxCheck schriftlich einige Fragen zu ihrer Arbeit und zu kremlfreundlichen Desinformationen in der Ukraine gestellt. Bevor wir das Interview abschließen konnten, marschierte Russland in die Ukraine ein. Am 2. März, dem siebten Tag der Invasion, haben wir die Antworten auf unsere Fragen erhalten und beschlossen, sie in ihrer jetzigen Form zu veröffentlichen, um die Ausdauer und Widerstandskraft des ukrainischen Volkes zu veranschaulichen.

VoxCheck kämpft weiter gegen Desinformation, auch wenn seine Arbeit durch das Heulen von Luftschutzsirenen unterbrochen wird.

Die Sprache wurde zur besseren Lesbarkeit leicht überarbeitet.

Was ist VoxUkraine und was ist sein Auftrag?

VoxUkraine eine unabhängige analytische Plattform. Wir unterstützen die Ukraine auf dem Weg in die Zukunft. Wir konzentrieren uns auf Wirtschaft, Staatsführung, soziale Entwicklungen und Reformen. Wir werden weder von Parteien noch von Oligarchen unterstützt. Die Qualität unserer Artikel wird durch den Redaktionsprozess sichergestellt.

VoxCheck ist eine Faktenprüfungseinheit von VoxUkraine. Wir überwachen und überprüfen die Aussagen von Politikern und Meinungsführern gegenüber einem breiteren Publikum, zum Beispiel in Interviews mit führenden Medien oder politischen Talkshows. Die weiteren Schwerpunkte unserer Arbeit sind Fälschungen aufdecken und russische Desinformation bekämpfen. Weniger Lügen von Politikern und mehr kritisches Denken der Menschen ist Ziel unseres Projektes.

Im aktuellen Kontext der militärischen Eskalation Russlands weisen viele Beobachter darauf hin, dass der Kreml seine Aktivitäten zur Desinformation verstärkt hat

(die Frage wurde bereits vor Beginn der russischen Invasion gestellt – EUvsDisinfo).

Stimmen Sie dem zu, und wenn ja, was sind die hauptsächlichen Desinformationsnarrative, die auf die ukrainische Öffentlichkeit abzielen?

Das allgemeine Narrativ der russischen Desinformation bleibt das gleiche: „Die Ukraine wird von Nazis regiert“; „Die russische Sprache und Kultur werden in der Ukraine unterdrückt“; „Die Ukraine wird von westlichen Handlangern regiert“; „Die ukrainische Armee bombardiert Zivilisten im Donbass“ und viele andere.

Mit der militärischen Aufrüstung Russlands und dem Beginn der groß angelegten Invasion hat die Zahl der irreführenden Behauptungen jedoch zugenommen. Zum Beispiel gab es Behauptungen, dass die Ukrainer einige Orte angegriffen und beschossen hätten (was in Wirklichkeit nicht der Fall war), erfundene Geschichten über ukrainische Soldaten, die sich ergeben und hochrangige Beamte, die die Ukraine verlassen haben, Behauptungen über die Niederlage der Streitkräfte der Ukraine (das Ziel dieser Geschichten ist es, die ukrainische Armee zu demoralisieren).

Weitere Beispiele finden Sie bei Vox Ukraine.

Können Sie die derzeitige Situation im Informationsumfeld mit 2014 vergleichen? Ist das ukrainische Volk resilienter gegen Desinformation geworden?

Eine Sache sollte erwähnt werden: 2014 gab es VoxCheck nicht.

Unserer Meinung nach sind die Ukrainer resilienter als im Jahr 2014. Aber es gibt noch Verbesserungspotential.

Laut einer von „Detector Media“ durchgeführten Umfrage aus dem Jahr 2020 verfügten 15 Prozent der Ukrainer über ein niedriges und 33 Prozent über ein unterdurchschnittliches Niveau an Medienkompetenz (umgekehrt verfügten 52 Prozent über eine überdurchschnittliche oder hohe Medienkompetenz – EUvsDisinfo).

Fast die Hälfte (45 Prozent) des Segments mit geringer Medienkompetenz bildeten Menschen im Alter zwischen 56 und 65 Jahren. Mehr als die Hälfte des Segments mit einer unterdurchschnittlichen Medienkompetenz verfügte über eine berufliche Sekundarausbildung.

Wir sehen daher zwei Schlüsselfaktoren, die die Medienkompetenz beeinflussen: Bildung und Alter. Manche Menschen sind in der ehemaligen UdSSR aufgewachsen, wo angesichts der starken Propaganda und Manipulation von Informationen zu jener Zeit niemand je etwas von Medienkompetenz gehört hatte.

In Ihrer Arbeit beschäftigen Sie sich viel mit Desinformation, die auf den Reformprozess in der Ukraine abzielt. Können Sie ein Thema herausgreifen, das Ihrer Meinung nach besonders hinterfragt werden muss?

Die Reform des ukrainischen Gesundheitswesens ist unserer Meinung nach das Beispiel für die meist betroffene Reform. Da sie viele Facetten hat, gibt es eine Menge Geschichten und Unterthemen, über die man lügen kann.

Was ist die Antwort auf die Herausforderung durch Desinformation? Kann Desinformation gestoppt werden, oder ist sie ein unvermeidliches Merkmal einer modernen Informationslandschaft? Was können andere Länder von der Ukraine lernen?

Auch wenn einige dies als Verstoß gegen die Meinungsfreiheit ansehen mögen, möchten wir das Verbot von pro-russischen Fernsehsendern und Websites, die Desinformationen verbreiten oder als Plattformen für die Sprachrohre der Desinformation fungieren, als empfehlenswerte Maßnahme zur Bekämpfung von Desinformation hervorheben. Wenn eine Desinformationsplattform verboten wird, kostet es Ressourcen, sie wiederherzustellen. Und die mehrfachen Versuche der Wiederherstellung könnten schließlich die Ressourcen der Desinformation erschöpfen.

Auch wenn das Verbot von Fernseh- und Radiofrequenzen die Sender möglicherweise nicht daran hindert, andere Kanäle zu nutzen (z. B. nutzen die in der Ukraine sanktionierten Sender weiterhin die sozialen Plattformen Facebook, Telegram und YouTube), kann dieser administrative Schritt ihre Reichweite verringern. Darüber hinaus kann es zu ihrer völligen Schließung führen, wie es bei einem der in der Ukraine sanktionierten Fernsehsender der Fall war.

Was sind die größten Hindernisse bei Ihrer Arbeit, und was lässt Sie optimistisch in die Zukunft blicken?

Hindernisse:

  • Zufluss von Fehlinformationen. Für das Team ist es schwierig, die vielen eingehenden Nachrichten zu bearbeiten.
  • Psychologische Belastung.
  • Im Moment besteht ein Sicherheitsrisiko. Viele Mitglieder unseres Teams halten sich in ukrainischen Städten auf, in denen die Gefahr von Bombenangriffen besteht. Daher wird die Arbeit oft durch Luftangriffsalarme unterbrochen.

Was uns optimistisch macht:

  • Unterstützung seitens der Leser (sie danken uns und betonen, dass wir eine wichtige Arbeit leisten)
  • Die Hoffnung, dass unsere Gesellschaft in der Lage sein wird, kritisch zu denken.
  • Wir verstehen jetzt besser als je zuvor, dass unsere Arbeit dazu beiträgt, die russische Aggression zu bekämpfen. Also machen wir weiter.

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„‚Informationskrieg‘ ist ein vom Kreml verwendeter Begriff zur Rechtfertigung von Desinformation“

22/10/2019

Roman Dobrochotow ist ein russischer Journalist und Chefredakteur des unabhängigen Mediums The Insider.

Er hat bereits mehrmals von der russischen Regierung unterstützte Desinformationskampagnen aufgedeckt – häufig in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern – und sich dadurch weltweit Anerkennung erworben. The Insider und Bellingcat wurden dieses Jahr bei der European Press Prize-Verleihung für ihre gemeinsame Recherche zum Giftanschlag in Salisbury im März 2018 mit dem Investigative Reporting Award ausgezeichnet.

In diesem exklusiven Interview spricht Roman Dobrochotow aus seiner Sicht über die Desinformationskampagnen in Russland. Außerdem berichtet er über die Auswirkungen seiner Arbeit innerhalb und außerhalb Russlands und darüber, warum er sich keine großen Sorgen um seine Sicherheit macht.

Desinformation vs. Propaganda

F. Zunächst eine terminologische Frage. Welchen Begriff bevorzugen Sie: Propaganda, Fake News, Desinformation oder etwas ganz anderes?

A. Desinformation und Propaganda sind zwei völlig verschiedene Dinge. Durch Propaganda werden Ereignisse hervorgehoben, die für die Obrigkeit positiv sind, während durch Desinformation Unwahrheiten verbreitet werden. In der Regel ist Desinformation beabsichtigt – sie wird gezielt von jemandem verbreitet, der weiß, dass die Öffentlichkeit damit getäuscht wird.

Der Begriff „Desinformation“ verbreitete sich nach dem Kalten Krieg und er stammt aus dem sowjetischen Sprachgebrauch. Er ist ein durch und durch sowjetisches Konzept, das nicht nur im Zusammenhang mit den Medien, sondern auch mit der Arbeit des KGB verwendet wurde. Es gab spezielle Einheiten des KGB, die sich mit professioneller Desinformation befassten. Diese existieren auch heute noch, wenn auch in anderer Form. Es gibt Teile des [russischen Militärgeheimdienstes] GRU, deren offizielle Aufgabe die Durchführung von Desinformationskampagnen ist.


Im Rahmen der European Press Prize-Verleihung 2019 erhielten The Insider und Bellingcat für ihre gemeinsame Recherche „
Unmasking the Salisbury Poisoning Suspects: A Four-Part Investigation“ den Investigative Reporting Award.

Das ideologische Erbe der Sowjetunion

F. Glauben Sie, dass die Situation in Bezug auf Desinformation in Russland besonders ist, oder lässt sie sich mit der Lage in anderen Ländern vergleichen?

A. Sie kann mit der Situation in Ländern verglichen werden, die das sowjetische Erbe teilen – wie China, zum Beispiel, das viel von der UdSSR übernommen hat.

Etwas Ähnliches mag es in anderen autoritär regierten Ländern geben, auch wenn sie keinen Bezug zur Sowjetunion hatten. Das Vorhandensein solcher Staaten im modernen Informationsumfeld erfordert geradezu, dass sie den Zugang der Menschen zu Informationen beschränken sowie Diffamierendes über ihre Feinde und vorteilhafte Informationen über sich selbst verbreiten.

Die belagerte Festung

F. Welchem Zweck oder welchen Zwecken dient die Desinformation Ihrer Meinung nach? Lässt sich das allgemein sagen?

A. Das Hauptziel ist, den Feind zu diskreditieren oder im feindlichen Lager Zwietracht zu säen. Desinformation ist ein militärisches Konzept: Flugblätter mit Propaganda und Desinformation werden im Rahmen eines „Informationskriegs“ hinter den feindlichen Linien verteilt.

Der Kreml spricht gern von einem „Informationskrieg“, um die Militärterminologie zu legitimieren und so die Desinformationskampagnen zu rechtfertigen. Laut dem Kreml geht es nicht nur um aktuelle Themen, sondern um die Teilnahme an einem „Informationskrieg“, in dem alle Mittel erlaubt sind.

Ich möchte das noch einmal mit China vergleichen: Obwohl China ein totalitärer Staat ist, herrscht dort kein Gefühl eines Krieges gegen den Westen, zumindest noch nicht. In China beschreibt die Propaganda die chinesische Position in der Welt nicht als Kriegszustand, es wird nicht behauptet, dass Land sei von Feinden umzingelt. Die Chinesen haben eine andere Agenda: Sie betonen ihre Unterschiede, dass sie eine uralte Kultur haben, dass China ein großes Land ist usw. Mit anderen Worten: Sie präsentieren sich in einem positiveren Kontext.

Die Lage in Russland lässt sich am ehesten mit der in Nordkorea vergleichen, das ebenfalls eine Ideologie der „belagerten Festung“ vertritt. Auch von dort werden Hackerangriffe, Desinformationskampagnen und schamlose Propaganda gestartet.


Im Jahr 2018
erhielt Roman Dobrochotow für seine Recherche zum Giftanschlag in Salisbury den Journalism as a Profession Award in der Kategorie Investigativer Journalismus.

Internationale Recherche

F. Sie betreiben schon lange investigativen Journalismus. Können Sie uns ein Beispiel dafür geben, wie Sie Desinformation und andere Probleme aufgedeckt haben und wozu das geführt hat? Hatten Ihre Enthüllungen schon einmal konkrete Konsequenzen?

A. The Insider beschäftigt sich seit 2013 mit investigativer Berichterstattung. Wir haben eine Vielzahl verschiedener Artikel mit ganz unterschiedlicher Resonanz veröffentlicht.

Als wir über lokale Themen in Russland schrieben, kamen aufgrund unserer Artikel verschiedene Kriminelle vor Gericht. Das geschieht natürlich nur selten, aber es kam vor. Diese Berichte handelten in der Regel von gesellschaftlichen Themen. Als wir beispielsweise über ein Waisenhaus schrieben, nahmen sich die Behörden vor Ort des Problems an.

Es gibt auch politisch sensiblere Themen, aber in diesen Fällen ist klar, dass wir nicht viel ausrichten können. Würde der Staat reagieren, wäre er kein autoritäres Regime mehr.


Im Jahr 2017 erhielten Roman Dobrochotow und The Insider den Innovationspreis für Demokratie des Europarats. Foto: Europarat.

Und dann gibt es noch unsere internationalen Recherchen. Diese haben natürlich den größten Effekt. Wenn wir über Ereignisse in westlichen Ländern schreiben, sind die dortigen demokratischen Regierungen eher bereit, auf den Hype in der Presse zu reagieren. Sie lesen alle Veröffentlichungen sorgfältig und versuchen, die Situation zu verbessern.

Als wir beispielsweise herausfanden, dass einer der an dem Anschlag in Salisbury Beteiligten auch in Polen und Bulgarien war, als der Geschäftsmann Gebrev vergiftet wurde, begannen die Geheimdienste der beiden Länder, zusammenzuarbeiten. Sie tauschten Informationen aus und stellten fest, dass es um eine russische Strategie ging und es sich nicht um zwei voneinander unabhängige Fälle handelte.

Es gibt viele solcher Beispiele. Auch in Spanien haben die Strafverfolgungsbehörden die Informationen verwendet, die wir über die nach Barcelona gereisten GRU-Offiziere zur Verfügung gestellt hatten.

Aber die Reaktion ist nicht immer so ausgeprägt und nicht immer wie erwartet. In Deutschland konnten wir beispielsweise einen Attentäter mit dem russischen Geheimdienst in Verbindung bringen. Die Untersuchung erreichte jedoch nicht die politische Ebene und es wird immer noch versucht, den Fall zu vertuschen und ihn als einfachen Kriminalfall zu untersuchen.

Mit anderen Worten: Auch Demokratien unterscheiden sich und sind unterschiedlich mutig, aber in Bezug auf die Resonanz können wir uns nicht beklagen, obwohl unser Medium eher klein ist. Wenn wir uns allgemein die Erwähnung unserer Arbeit und unseren Einfluss ansehen, sind die Reaktionen ziemlich ausgeprägt.

In der 2018 gedrehten Dokumentation Factory of Lies war Roman Dobrochotow einer von mehreren russischen Journalisten, die über die Aufdeckung der verborgenen Mechanismen von Desinformationskampagnen aus Russland sprachen.

Im Wettstreit mit Desinformation

F. Glauben Sie, dass journalistische Recherche und Enthüllungen eine echte Gefahr für Desinformation sein können? Oder es mit ihr aufnehmen können?

A. Wir haben einen speziellen Bereich auf unserer Website mit dem Titel „Antifake“, in dem wir uns mit Desinformation und Propaganda befassen und Fake News beobachten und entlarven. Das Ziel ist, Propaganda entgegenzutreten und, wenn man so möchte, es mit ihr aufzunehmen.

F. Für welche Zielgruppe schreiben Sie beispielsweise über den Salisbury-Fall? Als Journalist haben Sie vermutlich bestimmte Leser vor Augen. Was können Sie über diese sagen?

A. In demografischer Hinsicht – Geschlecht, Alter und Wohnort der Leser – ist unsere Zielgruppe ziemlich gleichmäßig über Russland verteilt. Das Verhältnis von Männern zu Frauen und alten zu jungen Menschen dürfte dem russischen Durchschnitt ähneln. Natürlich lesen uns mehr Menschen aus Großstädten, aber dort leben auch mehr Menschen, daher sehe ich hier keine Abweichungen. Wir versuchen nicht, für eine irgendwie geartete Kernzielgruppe zu schreiben.

Der Bereich „Antifake“ von The Insider ist der Analyse und Widerlegung von Desinformation gewidmet, die über kremlnahe Medien verbreitet wird. Er wird mehrmals pro Woche aktualisiert.

Natürlich sind Menschen, die The Insider lesen, im Durchschnitt etwas gebildeter, fortschrittlicher und progressiver als die Leser anderer Websites. Warum sollte jemand The Insider besuchen, wenn ihn die Artikel verärgern? Wir konzentrieren uns aber nicht ausschließlich auf liberale Kreise – im Gegensatz zu Grani.ru, zum Beispiel, wo die russische Polizei in Schlagzeilen nur noch als „Bestrafungstruppe“ bezeichnet wird. Wir versuchen, in unserer Ausdrucks- und Arbeitsweise neutral zu sein.

Ich würde daher sagen, dass alle Bürgerinnen und Bürger Russlands unsere Zielgruppe sind. Wenn sie uns ideologisch nicht nahe stehen, können wir nichts machen. Vielleicht lesen sie unsere Artikel und nähern sich dann ideologisch an uns an.

F. Was können Sie uns über die Methoden sagen, die Sie nutzen, um Desinformation aufzudecken?

A. Wir recherchieren beispielsweise, von wem die Propaganda stammt. Morgen werden wir einen Artikel zu dieser Frage veröffentlichen, und zwar über [einen Berater des Kreml, Konstantin] Kostin und darüber, wie die Präsidialverwaltung Provokationen gegen [den Oppositionspolitiker und Antikorruptionsaktivisten Alexei] Nawalny organisiert. Das ist eine Art von Artikel.

Etwas anderes ist die Beobachtung von Fake News und deren Entlarvung. Das machen andere Leute bei The Insider; die Herangehensweise unterscheidet sich fundamental.

https://www.youtube.com/watch?v=PnMhfIlsHjQ

Klicken Sie hier, um sich die Erklärung von Roman Dobrochotow gegenüber Associated Press anzusehen, wie er die Identität eines der Verdächtigen im Skripal-Fall aufdeckte.

„Wie können Sie überhaupt von Russland aus arbeiten?“

F. Die letzte, eher persönliche Frage wird Ihnen vermutlich oft gestellt. Haben Sie keine Angst um Ihre Sicherheit? Haben Sie schon einmal überlegt, Ihre Recherchen einzustellen, Ihr Profil zu ändern?

A. Ich war gerade auf Geschäftsreise in den USA und hatte drei Tage lang durchschnittlich zehn Meetings pro Tag. In diesen drei Tagen wurde eine Frage immer zuerst gestellt, und zwar: Haben Sie Angst um Ihre Sicherheit und wie können Sie überhaupt von Russland aus arbeiten?

Ich denke, Journalisten sind in Russland in einer privilegierten Lage im Vergleich zu Aktivisten und Mitgliedern von NROs. Hier gibt es keine umfangreichen Repressionen gegen Journalisten, wie dies beispielsweise in der Türkei der Fall ist, wo Hunderte Menschen inhaftiert wurden – ganz zu schweigen von Ländern wie China, Iran, Ägypten.

In manchen Regionen Russlands kann es allerdings für Journalisten tatsächlich schwierig sein, ihrer Arbeit nachzugehen. Dort zählt ein Menschenleben weniger. Daher gibt es dort mehr Morde, Angriffe und inhaftierte Journalisten. In Moskau kann man mehr oder weniger unbehelligt arbeiten, daher sehe ich keinen Anlass zur Sorge.

Es ist natürlich immer eine Frage des Vergleichs. Anderswo sind die Risiken anders. Würde ich zum Beispiel in der Schweiz leben, hätte ich mir vielleicht genauer überlegt, ob sich gefährliche Recherchen wirklich lohnen. Aber wir leben in Russland und teilen die Erfahrung des Lebens in der Sowjetunion, die Erfahrung unserer Eltern. Ich erinnere mich auch noch gut daran. Verglichen mit der damaligen Zeit sind die Risiken heute kleiner, also sollten wir uns vielleicht nicht beklagen. Russland ist kein solch totalitärere Staat und selbst wenn die Risiken hoch sind … Manchmal muss man einfach akzeptieren, dass das Risiko Teil des Jobs ist.

Weitere Artikel aus unserer Reihe von Interviews mit russischen Journalistinnen und Journalisten:

Propaganda muss die Sprache der Werte entgegengesetzt werden“: Andrey Arkhangelsky ist einer der aktivsten Kommentatoren Russlands zum Thema Desinformation und Propaganda.

Distracting the audience from the real problems“: Exklusives Interview mit der russischen Journalistin Marija Borsunowa. Sie entlarvt in ihrem wöchentlichen Programm „Fake News“ des unabhängigen Fernsehsenders TV Rain kremlfreundliche Desinformation.

„The Propaganda digs a cultural ditch between Russia and Europe“: Pavel Kanygin hat als investigativer Journalist für die Nowaja Gaseta über den MH17-Fall berichtet. In diesem exklusiven Interview spricht er über seine Erfahrungen im Kampf gegen die vom Staat unterstützte Desinformation.

Erstes Foto: Roman Dobrochotow auf Facebook

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Desinformations-Narrative und -Rhetorik

Im Abschnitt „Narrative“ werden die wichtigsten Narrative vorgestellt, die immer wieder in der kremlfreundlichen Desinformation verbreitet werden, sowie die billigen rhetorischen Tricks, die der Kreml einsetzt, um im Informationsraum die Oberhand zu gewinnen. Dieser Abschnitt befasst sich auch mit den Verlockungen von Verschwörungstheorien und deckt schließlich die Gefahren von Hassreden auf. Wir werden alle kremlfreundlichen Instrumente und Tricks erklären, die dazu dienen, das Vertrauen zu untergraben; die Bürger zu entmutigen, zu verwirren und zu entmachten; demokratische Werte, Institutionen und Länder anzugreifen; sowie zu Hass und Gewalt anzustacheln.

Die wichtigsten Narrative der kremlfreundlichen Desinformation

Ein Narrativ ist eine Gesamtbotschaft, die durch Texte, Bilder, Metaphern und andere Mittel vermittelt wird. Narrative helfen, eine Botschaft zu vermitteln, indem sie Spannung erzeugen und Informationen attraktiv machen. Kremlfreundliche Narrative sind schädlich und Teil der Informationsmanipulation. Sie sollen Misstrauen und das Gefühl des Disempowerments fördern und so die Polarisierung und soziale Fragmentierung verstärken. Letztlich zielen diese Narrative darauf ab, das Vertrauen in demokratische Institutionen und die liberale Demokratie selbst als Regierungsform zu untergraben.

Wir haben sechs wichtige, sich wiederholende Narrative identifiziert, die kremlnahe Desinformationskanäle verwenden, um die Demokratie und demokratische Institutionen, insbesondere im „Westen“, zu untergraben.

Diese Narrative sind: 1) Die Eliten gegen das Volk; 2) Die „bedrohten Werte“; 3) Verlorene Souveränität; 4) Der drohende Kollapse;  5) Hahaganda; und 6) Unbegründeter Vorwurf des Nazismus.

Rhetorische Mittel als billige Tricks des Kremls

Die billigen Tricks des Kremls sind eine Reihe rhetorischer Mittel, die unter anderem dazu dienen, Kritik abzuwehren, Diskussionen zu verhindern und Gegner zu diskreditieren.

Diese rhetorischen Mittel sind darauf ausgerichtet, den Informationsraum zu besetzen, ein Element der Unsicherheit zu schaffen und jeden Widerstand auszuschalten. Sie werden oft in Kombination miteinander verwendet, um eine effektivere Desinformationskampagne durchzuführen.

Zu den rhetorischen Mitteln, die sowohl die kremlfreundlichen Medien als auch die Online-Trolle verwenden, gehören: Strohmann, Whataboutismus, Angriff, Spott, Provokation, Zermürbung und Leugnung.

Der Strohmann ist zum Beispiel ein rhetorisches Mittel, bei dem ein Troll Ansichten oder Ideen angreift, die der Gegner nie geäußert hat. Der Kreml nutzt Angriffe auch häufig als billigen Trick, um die Opposition davon abzuhalten, das Gespräch fortzusetzen. Sarkasmus, Spott und Hohn sind ebenfalls gängige Kreml-Taktiken, um sich in einer Debatte Vorteile zu verschaffen. Schließlich nutzt der Kreml die Leugnung häufig, um Gegner zu diskreditieren und alle Beweise, die Fragen zur russischen Verantwortlichkeit aufwerfen, zurückzuweisen.

Die Verlockung von Verschwörungstheorien für autoritäre Führer

Verschwörungstheorien sind nicht nur ein starkes Element für eine spannende Handlung in Krimis, sondern auch für Propagandazwecke. Eine der vielen Verschwörungstheorien, die ihren Weg ins russische Fernsehen gefunden hat, ist die Verschwörungstheorie der Schattenregierung. Sie basiert auf dem Glauben, dass die Welt von einer kleinen Gruppe von Menschen kontrolliert wird, die sich vor uns versteckt hält.

Aus der Sicht der Propaganda besteht der Anreiz in der Theorie der Schattenregierung darin, dass sie mit allem gefüllt werden kann, was Sie wollen. Katholiken, Banker, Juden, Feministinnen, Freimaurer, „Big Pharma“, Muslime, die Lobby der Homosexuellen, Bürokraten - je nachdem, an wen Sie sich wenden.

Das Ziel des Narrativs der Schattenregierung besteht darin, die Legitimität der Demokratie und unserer Institutionen in Frage zu stellen. Wozu wählen, wenn die Schattenregierung bereits die Welt regiert? Welchen Sinn hat es, gewählt zu werden, wenn der sogenannte Deep State sich allen Reformversuchen widersetzt? Wir, als Wähler, Bürger und Menschen, werden durch das Narrativ der Schattenregierung entmachtet. Letztlich soll uns das Narrativ dazu bringen, nicht mehr zu wählen oder unser Recht auf Meinungsäußerung wahrzunehmen.

Hassrede ist gefährlich

Hassrede ist jede Art von Kommunikation in Wort, Schrift oder Verhalten, die eine Person oder Gruppe aufgrund ihrer Zugehörigkeit angreift oder eine abwertende oder diskriminierende Sprache verwendet. Mit anderen Worten: aufgrund ihrer Religion, Ethnie oder Zugehörigkeit.

Hassrede ist gefährlich, da sie zu weitreichenden Menschenrechtsverletzungen führen kann, wie wir es zuletzt in der Ukraine erlebt haben. Sie kann auch dazu verwendet werden, einen Gegner zu entmenschlichen, indem man ihn als nicht vollwertig menschlich ansieht und daher nicht der gleichen Rechte und Behandlung würdig erscheinen lässt.

Die russische Führung und die Medien haben seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 und mit zunehmender Intensität vor der großangelegten Invasion im Februar 2022 zunehmend Hassreden gegen die Ukraine und ihre Bevölkerung verwendet, die zum Völkermord aufriefen. Indem sie die rechtmäßige Regierung in Kiew und die ukrainische Bevölkerung im weiteren Sinne als Untermenschen darstellen, können sowohl die russische Bevölkerung als auch die russischen Soldaten die Gräueltaten gegen sie rechtfertigen.

SCHLÜSSELNARRATIVE IN PRO-KREML DESINFORMATION

20/09/2022

Ein wesentliches Merkmal von pro-Kreml Desinformation ist Wiederholung. Trotz aller empörenden Behauptungen klingen pro-Kreml Medien oft wie eine kaputte Schallplatte, die nur eine Handvoll grundlegender Botschaften für das Inlands- und Auslandspublikum wiederholt. Dies geschieht nicht zufällig oder aus Versehen, sondern ist bewusst so gestaltet: Wiederholung macht Lügen glaubwürdiger. Pro-Kreml Desinformationskanäle erreichen dies, indem sie sich an eine Reihe wiederkehrender Narrative halten, die als Vorlagen für bestimmte Geschichten dienen.

Ein Narrativ ist eine übergeordnete Botschaft, die durch Texte, Bilder, Metaphern und andere Mittel vermittelt wird. Narrative helfen, eine Botschaft zu übermitteln, sie schaffen Spannung und machen Informationen ansprechend. Sie können kombiniert und je nach aktuellen Ereignissen und vorherrschenden Einstellungen modifiziert werden. Einige von ihnen existieren seit Jahrhunderten – Variationen des Narrativs vom „verfallenden Westen“ sind seit dem 19. Jahrhundert dokumentiert. EUvsDisinfo hat eine Reihe von fünf dominierenden Narrativen identifiziert, die von pro-Kreml Desinformationskanälen genutzt werden, sowie die Schlüsselelemente der Kreml-Erzählweise. Wir haben diese zentralen pro-Kreml Desinformationsnarrative in vielen Fällen beobachtet: bei Versuchen der Wahlbeeinflussung, während der COVID-19-Pandemie und als Rechtfertigung für den unprovozierten Krieg gegen die Ukraine.

Wir präsentieren Ihnen eine aktualisierte Übersicht der häufigsten Desinformationsnarrative, die weiterhin in russischen und pro-Kreml Desinformationskanälen auftauchen.

Das erste zentrale Narrativ der pro-kremlischen Desinformation: Die Eliten gegen das Volk

Die Idee einer Elite, die vom hart arbeitenden Volk entfremdet ist, zieht sich stark durch die politische Geschichte. Mehrere Politiker und politische Bewegungen haben behauptet, die Stimme des einfachen Mannes, des kleinen Bürgers, der schweigenden Mehrheit zu sein – gegen eine korrupte und selbstgefällige Clique, die aus Vertretern politischer Parteien, Konzernen und Medien besteht. Dieses Narrativ ist keine Erfindung des Kremls, wird aber von pro-Kreml Desinformationskanälen häufig instrumentalisiert.

Ein Sammelsurium an Sündenböcken

Dieses Narrativ kann sehr erfolgreich sein, da es dem Zielpublikum einen Sündenbock liefert, dem es für alle Missstände die Schuld geben kann: Banker, Großkonzerne, Juden, Oligarchen, Muslime, Brüsseler Bürokraten – und viele weitere. Russische Desinformationskanäle haben dieses Narrativ während der COVID-19-Pandemie stark ausgeschlachtet und behauptet, Bill Gates habe entweder das Coronavirus erfunden oder nutze Impfstoffe dazu, um Mikrochips zu implantieren.

Das Narrativ ist zudem eng mit verschiedenen Verschwörungstheorien verknüpft. Häufig wird die Existenz geheimer Eliten behauptet: Schattenherrscher, Strippenzieher mit dunklen Absichten. Während der Pandemie erwies sich dies als eine effektive und bequeme Vorlage für Desinformation. Die EUvsDisinfo-Website enthält zahlreiche Behauptungen, dass das Virus menschengemacht ist und die Maßnahmen zu seiner Eindämmung lediglich ein Mittel der Eliten seien, um das Leben der einfachen Menschen zu zerstören.

Jenseits der Pandemie wurde dieses Narrativ vor dem Brexit-Referendum 2016 genutzt, wie diese zwei Artikel von Sputnik zeigen: „Die Bedrohung durch die Eurokratie bedroht Europa“ und „Waffen-EU“.

Angelsachsen und die Ukraine

Das Narrativ „Die Eliten gegen das Volk“ wurde auch im Kontext von Russlands Invasion in der Ukraine verwendet. Pro-Kreml-Kanäle haben versucht, die russische Invasion als eine „angelsächsische“ Verschwörung darzustellen, die Slawen gegeneinander ausspielt.

Im pro-Kreml Sprachgebrauch wird „Angelsachsen“ als Sammelbegriff verwendet, um den Westen zu diffamieren, insbesondere das Vereinigte Königreich und die USA. Die Angelsachsen seien angeblich gerissen und blutrünstig und schmiedeten finstere Pläne zur globalen Vorherrschaft. Der Begriff wird häufig genutzt, um Verschwörungstheorien zu konstruieren, und hat ein Element des „Kampfes der Zivilisationen“, wodurch der Westen als „der andere“ dargestellt und die Idee verstärkt wird, dass Russland zu einer „anderen Zivilisation“ gehört.

Daher haben wir in der Ukraine, laut der pro-Kreml Propaganda, die (angelsächsischen) Eliten gegen das (slawische) Volk: Die Angelsachsen suchen um jeden Preis den Konflikt mit Russland, sie haben den Staatsstreich 2014 organisiert, der als demokratischer Protest getarnt wurde, sie wollen die Ukraine in einen Krieg gegen Slawen hineinziehen und nutzen die Ukraine als einen anti-russischen Außenposten usw.

Lügen der Vernunft

Das Narrativ „Die Eliten gegen das Volk“ hat eine lange, über hundertjährige Geschichte. Seine Verbreiter behaupten, die Stimme der Vernunft zu sein und für entrechtete Bürger zu sprechen – eine Wahrheit zu verkünden, die die Eliten um jeden Preis verbergen wollen.

Diese „Wahrheit“ kann sich auf eine Vielzahl von Themen beziehen, darunter Krieg und Frieden, Migration, Wirtschaft – während die jeweiligen Eliten, die angeblich „schuld“ daran sind, die Wahrheit zu verbergen, strategisch so gewählt werden, dass sie den Unmut der Zielgruppe ansprechen. Tatsächlich kann dieses Narrativ auf scheinbar unendlich viele Themen angewandt werden: „Die Migrationskrise wurde von großen Konzernen verursacht, um billige Arbeitskräfte zu gewinnen“; „Die Klimawandel-Lüge wird von Bankern genutzt, um die öffentliche Aufmerksamkeit von realen Problemen abzulenken“; „Internationale Konzerne, insbesondere Waffenhersteller, sind für den Krieg in der Ukraine verantwortlich“.

Letztlich gibt sich dieses Narrativ auf den ersten Blick als volksnah, hat aber in Wirklichkeit autoritäre Wurzeln. Beweise werden selten zur Untermauerung der Behauptungen geliefert, und gemäß den Prinzipien des Verschwörungsdenkens wird sogar das Fehlen von Beweisen manchmal als Beweis selbst gewertet: „Seht, wie mächtig die Eliten sind, dass sie jede Spur ihrer Verschwörung verbergen können!“ Typischerweise fordert dieses Narrativ den Leser auch auf, sich ausschließlich auf das Wort des Erzählers zu verlassen: „Ich kenne die Wahrheit, vertraut mir!“ Tatsächlich basiert dieses Narrativ, wie alle auf Verschwörungsglauben beruhenden Narrative, darauf, dass das Publikum die Behauptungen eher auf Glauben als auf Fakten hin akzeptiert.

Lesen Sie mehr über „Die Eliten gegen das Volk“ hier. Lesen Sie mehr über die „Angelsachsen“ hier.

Das zweite zentrale Narrativ der pro-kremlischen Desinformation: die ‚bedrohten Werte‘

Das Narrativ über die ‚bedrohten Werte‘ wird auf eine Vielzahl von Themen angewandt und dient typischerweise dazu, westliche Einstellungen zu den Rechten von Frauen, ethnischen und religiösen Minderheiten sowie LGBTQI+-Gruppen infrage zu stellen. Pro-Kreml Kommentatoren machen sich über den angeblichen westlichen ‚moralischen Verfall‘ oder ‚verderbte Einstellungen‘ lustig. Im Gegensatz dazu werden Russland und die orthodoxe Kirche als die wahren Verteidiger traditioneller Werte dargestellt, wie dieses offizielle russische Promotionsvideo veranschaulicht.

Laut diesem Narrativ verfällt der verweichlichte Westen unter der Last von Dekadenz, Feminismus und ‚politischer Korrektheit‘ und zerstört seine Wirtschaft, während Russland für traditionelle väterliche Werte steht. Dieses Narrativ wurde in einer Karikatur der russischen staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti aus dem Jahr 2015 dargestellt, die den vermeintlichen moralischen Verfall Europas illustriert: von Hitler über sexuelle Abweichungen bis hin zu einer Zukunft mit tollwütigen Hyänen.

Die Idee eines verfallenden Westens, der einer Russland gegenübersteht, das als ‚Hüter‘ der Anständigkeit und Moral gilt, stammt direkt aus dem Kreml. Laut einer Analyse des European Council of Foreign Relations(öffnet in einem neuen Tab) hatte Putin bereits 2013 diese Haltung eingenommen und ‚euro-atlantische‘ Länder wegen ihres moralischen Verfalls und ihrer Unmoral verurteilt.

Über Sex reden…

Die pro-Kreml Medien folgten dieser Linie nur allzu gerne. Der russische Staatssender Sputnik bezeichnete die westliche Massenkultur als ‚verschiedene Formen der Pädophilie‘. Pro-Kreml Kanäle in arabischer Sprache behaupteten, der Westen versuche, grundlegende Werte wie Familie und Staat zu zerstören. In Armenien verbreiteten pro-Kreml Desinformationsquellen die Behauptung, der Westen „pflanze“ fremde moralische Prinzipien ein, um die nationale Identität anderer Staaten zu untergraben. In diesem Narrativ gelingt es dem Kreml nicht nur, grundlegende Anständigkeit und Werte zu ‚bewahren‘, sondern sie auch gegen die Welle der Unmoral aus dem Westen zu ‚verteidigen‘.

Laut der Analyse des European Council of Foreign Relations (öffnet in einem neuen Tab):

„Ein cleverer Propagandatrick bestand darin, das Bild des bösen Westens zu verstärken, indem soziale Konservativität mit einer antiwestlichen Haltung verschmolzen wurde. Auf diese Weise wurden der Westen und seine Befürworter, homosexuelle Menschen, Liberale, zeitgenössische Künstler und ihre Anhänger, diejenigen, die der Russisch-Orthodoxen Kirche nicht den gebührenden Respekt erwiesen, und diejenigen, die es wagten, an Russlands makelloser Geschichtsschreibung zu zweifeln, als ein unteilbares ‚Übel‘ präsentiert – als eine Bedrohung für Russland, seine Kultur, seine Werte und seine nationale Identität.“

Homophobie geht dabei Hand in Hand mit der Behauptung, traditionelle Werte zu schützen. Es ist daher nicht überraschend, dass russische Staatsmedien viel Zeit damit verbringen, die Rechte sexueller Minderheiten zu verhöhnen, wie diese Beispiele zeigen. Auch jüngst haben pro-kremlische Kanäle homophobe Stereotype benutzt, um ukrainische Soldaten zu diffamieren.

Pro-kremlische Medien zeigen besondere Genugtuung, wenn sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können: indem sie der allmächtigen EU tyrannisches Verhalten vorwerfen und behaupten, sie zwinge einzelne Staaten, ihre eigenen Werte aufzugeben oder zu zerstören. Ein Beispiel ist die manipulierte und stark verzerrte Geschichte, ‚Das Europäische Parlament verbietet die Wörter Mutter und Vater‘.

Gesunder Menschenverstand

Wertebasierte Desinformationsnarrative konzentrieren sich meist auf bedrohte Konzepte wie ‚Tradition‘, ‚Anständigkeit‘ und ‚gesunden Menschenverstand‘ – Begriffe, die alle positiv konnotiert, aber selten klar definiert sind.

Das Narrativ schafft ein ‚Wir gegen sie‘-Denken, das suggeriert, dass diejenigen, die traditionellen Werten verpflichtet sind, nun von jenen bedroht werden, die sie ablehnen und stattdessen eine moralisch bankrotte Dystopie errichten wollen. Russische und pro-Kreml Desinformationskanäle verbreiteten Varianten dieses Narrativs im Vorfeld der schwedischen Parlamentswahlen 2018, wie hier (öffnet in einem neuen Tab) und hier (öffnet in einem neuen Tab) zu sehen ist. In russischsprachigen Medien, wie der berüchtigten Trollfabrik-Newsagentur RIAFAN aus St. Petersburg, ist die Sprache dieses Narrativs besonders aggressiv: ‚Wie es in einem Land aussieht, in dem die Toleranz gesiegt hat: Diktat von Schwulen und Lesben, Erniedrigung von Männern und Frauen, Russophobie und Angst‘(öffnet in einem neuen Tab).

Im Gegensatz zum westlichen Werteverständnis, das die individuellen Rechte auf persönliche Integrität, Sicherheit und Meinungsfreiheit betont, umfasst das russische Wertesystem eine Reihe kollektiver Normen, denen sich jeder Einzelne zu fügen hat.

Doch das Narrativ der bedrohten Werte wird stets aus einer vermeintlich moralischen Überlegenheit heraus dargestellt: Die schweigende Mehrheit, die für Anstand und Tradition steht, werde von der liberalen ‚Tyrannei‘ unterdrückt. Das Zielpublikum wird eingeladen, sich den heroischen Reihen unter dem Banner des Kremls anzuschließen – im mutigen Kampf für Familienwerte, traditionelle Christenheit und Reinheit.

Lesen Sie mehr über die ‚bedrohten Werte‘ hier.

Das dritte zentrale Narrativ der pro-Kreml Desinformation: Verlorene Souveränität

Russische und pro-Kreml Desinformationsquellen behaupten gerne, dass bestimmte Länder nicht mehr wirklich souverän seien. Bereits 2015 illustrierte ein Karikaturist der russischen staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti diese Idee mit einem Bild:(öffnet in einem neuen Tab) Onkel Sam dreht die Flamme eines Gasherds hoch und zwingt Europäer, auf und ab zu springen, während sie nach Sanktionen gegen Russland schreien.

Originalillustration: RIA Novosti

Seitdem hat sich dieses Narrativ in pro-kremlischen Medien weiter verbreitet: Beispielsweise wird behauptet, dass die Ukraine von Ausländern regiert wird und die baltischen Staaten keine echten Länder sind. Pro-Kreml Desinformationskanäle behaupten außerdem, dass Finnland und Schweden mit ihrem NATO-Beitritt ihre Souveränität verlieren und unter fremdem (US-, NATO-) Druck handeln. Weitere Beispiele für dieses Narrativ gibt es zuhauf: die EU wird von Washington gelenkt, Japan ist ein Vasallenstaat, Deutschland ist ein besetztes Gebiet, Entscheidungen in der Ukraine werden nicht vom Präsidenten, sondern von den USA getroffen und so weiter.

Pro-Kreml Medien verwenden sogar eine spezifische Terminologie für Staaten, die angeblich „nicht souverän“ sind: „Limitrophe“, also Grenzgebiete, die ihren „Herren“ untergeordnet sind. Die polnische Ausgabe der pro-Kreml-Propagandaseite RuBaltica erklärt:

„Es gibt echte Staaten, die in der Lage sind, alle staatlichen Funktionen auszuüben, und dann gibt es geopolitischen Abschaum oder fiktive Länder, die zwar formale Staatlichkeit besitzen, aber keine echten Staaten sind. Zu diesen Ländern gehören die postsowjetischen Limitrophe-Staaten, die Russland vom Westen trennen. Die Pseudo-Eliten dieser Länder sind nicht in der Lage, auf ernsthafte historische Herausforderungen zu reagieren, wie die Bewältigung der Migrationskrise, den Schutz der Grenzen oder die Bekämpfung einer Epidemie. Sie bitten ständig Westeuropa und die USA um Hilfe, weil sie selbst nicht zurechtkommen. Diese Länder werden von Marionetten regiert – sie sind nur in der Lage, über das ‚Stoppen Russlands‘ zu sprechen und für antirussische Resolutionen in der EU und den UN zu stimmen.“

Das Narrativ der „verlorenen Souveränität“ ist letztlich ein Narrativ der Entmachtung, das darauf abzielt, die Grundlagen der Demokratie zu untergraben. Warum sollte sich jemand um demokratische Prozesse und Wahlen kümmern, wenn mächtige externe Kräfte das Land regieren?

Im Gegensatz dazu behaupten pro-kremlische Medien, dass wahre Souveränität nur unter russischer Kontrolle möglich ist.

Kein unabhängiger politischer Wille des Volkes

Eng mit dem Narrativ der „verlorenen Souveränität“ verbunden sind pro-Kreml Desinformationsbotschaften über sogenannte „Farbrevolutionen“. Diese Behauptungen unterstellen, dass soziale Unruhen oder politische Proteste von mächtigen Außenseitern (dem Westen) inszeniert werden und niemals ein echter Ausdruck bürgerlichen Aktivismus oder berechtigter Beschwerden sind. Es gibt zahlreiche Beispiele, die bis zu den Euromaidan-Protesten in der Ukraine 2013–2014 zurückreichen, als pro-Kreml Medien fälschlicherweise US-Beamte beschuldigten, die Proteste inszeniert zu haben.

Die Verachtung des Kremls für den unabhängigen politischen Willen und die Bestrebungen anderer Völker ist arrogant und verdeckt oft eine imperialistische Haltung gegenüber dem jeweiligen Land oder Volk. Da der Kreml das Konzept des freien Willens nicht begreifen kann, greift er auf verschwörungstheoretisches Denken zurück: „Warum sollte sich jemand freiwillig von Russland abwenden? Das kann nur an angelsächsischer Manipulation liegen.“ Wenig überraschend sieht der Kreml auch die EU als von den Angelsachsen kontrolliert.

Untergrabung der Staatlichkeit der Ukraine

Das Narrativ der „verlorenen Souveränität“ zielt darauf ab, das Vertrauen in demokratische Institutionen zu untergraben und sie letztendlich zu korrumpieren. Es spielt auch eine zentrale Rolle in den Versuchen von pro-Kreml Medien, die militärische Aggression gegen die Ukraine zu rechtfertigen. Ein berüchtigtes Beispiel war Putins Behauptung „Lenin hat die Ukraine erschaffen“(öffnet in einem neuen Tab), nur wenige Tage vor der umfassenden Invasion Russlands (eine Behauptung, die bereits in pro-Kreml Desinformationsnetzwerken kursierte).

Im Kontext der Ukraine nimmt das Narrativ der „verlorenen Souveränität“ eine noch perfidere, imperialistische Dimension an. Es leugnet nicht nur die Staatlichkeit der Ukraine, sondern auch ihre bloße Existenz, indem es behauptet, dass „ein Staat Ukraine nie existiert hat“. Dieses Narrativ gehört, zusammen mit dem Mythos der „Nazi-Ukraine“, zu den zentralen Desinformationsbehauptungen, mit denen Russland seine unprovozierte Invasion rechtfertigt.

Lesen Sie mehr über das Narrativ der „verlorenen Souveränität“ hier.

Das vierte zentrale Narrativ der pro-Kreml Desinformation: Der bevorstehende Zusammenbruch

In der aristotelischen Rhetorik bezeichnet das Konzept des kairos das Gefühl einer Dringlichkeit zum Handeln. Die meisten Redner nutzen dieses Konzept, wenn sie behaupten: Handelt jetzt, bevor es zu spät ist! Im Kontext der pro-Kreml Desinformation erfüllt das Narrativ des „bevorstehenden Zusammenbruchs“ genau diese Funktion.

Russische und pro-kremlische Desinformationskanäle verwenden dieses Narrativ regelmäßig. Beispiele sind: Die EU steht kurz vor dem Zusammenbruch, die USA zerfallen, die NATO bricht auseinander, der EU-Beitritt der Ukraine würde den Block zum Einsturz bringen und das Finanzsystem bricht zusammen.

Laut der Kreml-Propaganda beschleunigen verschiedene Faktoren diesen angeblichen Zusammenbruch. So beschreibt ein Karikaturist von RIA Novosti den Terrorismus in Europa als einen tödlichen Skorpion, den die Europäer ahnungslos in ihre Tasche gesteckt haben.

Eine alte Geschichte

Russland prophezeit seit weit über einem Jahrhundert den bevorstehenden Zusammenbruch Europas. Die Darstellung von Europa oder EU-Mitgliedstaaten als „am Rande eines Bürgerkriegs“ funktionierte 2019 genauso gut wie 1919.

Russische Staatsmedien füttern ihr heimisches Publikum mit unzähligen Geschichten darüber, wie schrecklich das Leben in der EU sei: Unruhen, Gewalt, Armut, politischer Extremismus und so weiter. Das Ziel ist es, beim Publikum das Gefühl zu erzeugen, dass das Leben in Russland angenehmer sei – scheinbar weit entfernt von einem drohenden Kollaps, im deutlichen Gegensatz zur Situation anderswo.

Das Narrativ des „bevorstehenden Zusammenbruchs“ ist eine besonders wirksame Strategie, die sowohl bei lokalen als auch internationalen Zielgruppen Anklang findet – trotz der Tatsache, dass es keinen Bürgerkrieg in der EU gegeben hat und Europa nicht zusammengebrochen ist. Nach vielen objektiven Maßstäben gedeiht die EU weiterhin.

Zielgruppen, die – berechtigt oder nicht – bereits Angst vor politischer und sozialer Instabilität in ihren Ländern haben, sind besonders anfällig für dieses Narrativ.

Deshalb funktioniert dieses Narrativ besonders gut in Zeiten echter politischer Herausforderungen, wie während der Migrationskrise im Herbst 2015, während der Pandemie und jetzt während der russischen Invasion der Ukraine.

Originalillustration: RIA Novosti

Der letzte Kampf

Der massive Zustrom von Migranten nach Europa stellte sicherlich eine große Herausforderung für die europäischen Regierungen dar, doch russische und pro-Kreml Kanäle übertrieben die Situation maßlos und stellten sie in apokalyptischen Begriffen dar – als ob sie einen systemischen Zusammenbruch bedeutete. Natürlich hat das System intakt überlebt, aber das Bild eines Zusammenbruchs bleibt im Kreml-Jargon bestehen.

Während der frühen Phase des COVID-19-Ausbruchs im März 2020 genoss es der nationalistische Philosoph Alexander Dugin sichtlich, den Zusammenbruch(öffnet in einem neuen Tab) der westlichen Demokratien zu beobachten:

„Die globale kapitalistische Gesellschaft brach sofort zusammen. Noch hat es nicht jeder begriffen. Aber bald werden es alle verstehen. Das bedeutet, dass die Substanz des liberalen Globalismus zusammengebrochen ist – die Welt der Büroangestellten und Beauty-Blogger, Transgender-Personen und Klimaaktivisten, Menschenrechtsverteidiger und Hipster, Migranten und Feministen.“

Diese Herangehensweise war auch in der russischen und pro-Kreml Berichterstattung über die Gelbwesten-Proteste in Frankreich sichtbar. Das Recht, Unzufriedenheit mit der Regierung und Politik auszudrücken, ist ein integraler Bestandteil der Demokratie, und die Bürger jedes europäischen Staates genießen das Recht, friedlich zu protestieren. Die Gelbwesten-Bewegung und andere Ausdrucksformen des Protests sind Teil der europäischen demokratischen Tradition. Sie sind kein Beweis für den Zusammenbruch des Systems, sondern für dessen Fähigkeit zur Erneuerung.

Trotz ihres mangelnden Erfolgs bei der Vorhersage von Zusammenbrüchen hält das pro-Kreml Fantasieren über den drohenden Zerfall der westlichen Gegner auch nach der russischen Invasion in der Ukraine an. In den Desinformationsberichten pro-Kreml Kanäle wird der Krieg in der Ukraine lediglich als westlicher Trick dargestellt, um den „unvermeidlichen Zusammenbruch des globalen Kapitalismus“ hinauszuzögern.

Das Narrativ des „bevorstehenden Zusammenbruchs“ wird auch genutzt, um den angeblichen Zerfall europäischer moralischer Werte und Traditionen zu beklagen. Russische und pro-Kreml Desinformationskanäle beschreiben beispielsweise regelmäßig Kinderrechte in Europa als Angriff auf Familienwerte. Ihre Quintessenz: Europa stirbt, weil es jeglichen Anstand und jegliche Moral aufgegeben hat.

Allerdings könnten Berichte über Europas Tod stark übertrieben sein. Eine turbulente wirtschaftliche Lage zu bewältigen, eine globale Pandemie zu überstehen oder eine hitzige politische Landschaft zu erleben, sollte nicht mit einem existenziellen Zusammenbruch verwechselt werden.

Lesen Sie mehr über das Narrativ des „bevorstehenden Zusammenbruchs“ hier.

Das fünfte zentrale Narrativ der pro-kremlischen Desinformation: die Hahaganda

Ein letztes Mittel der Desinformation, insbesondere wenn überzeugende Beweise oder unwiderlegbare Argumente vorliegen, besteht darin, das Thema ins Lächerliche zu ziehen oder darüber zu scherzen.

Der Skripal-Vergiftungsfall ist ein hervorragendes Beispiel für diese Strategie. Russische und pro-kremlische Desinformationskanäle versuchen weiterhin, den Mordanschlag mit Sarkasmus zu übertönen, um die gesamte Tragödie zu einem großen Witz zu machen. Eine ähnliche Vorgehensweise wurde im Fall des versuchten Mordes an Alexei Nawalny angewendet, wobei pro-kremlische Medien sich gegenseitig mit „lustigen“ Geschichten überboten, wie man den russischen Dissidenten besser töten könnte.

Die Methoden der „Hahaganda“ beinhalten auch die Verwendung abwertender Begriffe, um das Konzept der Demokratie, demokratische Verfahren und Kandidaten herabzusetzen.

Kreml-Berater Wladislaw Surkow beschreibt das Konzept der Demokratie als „ein Kampf der Bastarde(öffnet in einem neuen Tab)“ und empfiehlt stattdessen die „aufgeklärte Herrschaft“ von Wladimir Putin als Alternative für Europa. Der ehemalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko wurde in pro-kremlischen Medien fast ständig verspottet(öffnet in einem neuen Tab), ebenso wie der gesamte ukrainische Wahlprozess. Laut russischen Staatsmedien gilt eine Wahl mit mehreren Kandidaten und unklarem Ausgang als reines Zirkustheater.

Auch der amtierende ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wurde in pro-kremlischen Desinformationskanälen während seiner Amtszeit mit Spott und Erniedrigung überschüttet. Zu den absurden Behauptungen zählt unter anderem, dass er militärischen Rat von seinem 9-jährigen Sohn erhält, nach der Pfeife der USA tanzt und angeblich auch von der Türkei kontrolliert wird. Keine vom Kreml orchestrierte Erniedrigung wäre vollständig ohne die obligatorischen Nazi- und Soros-Zuschreibungen.

Der Kreml und die Instrumentalisierung von Witzen

Diese Waffe des Spotts und der öffentlichen Demütigung wird vom Kreml so stark favorisiert, dass die staatliche Nachrichtenagentur RIA Novosti eigens zwei Prankster beschäftigte, deren Aufgabe es war, fingierte Telefonate mit Politikern, Aktivisten und Entscheidungsträgern zu führen. Sie gaben sich als Vertreter von Alexei Nawalnys Team, als Umweltaktivistin Greta Thunberg oder jüngst als ukrainischer Premierminister(öffnet in einem neuen Tab) aus, um ihre Gesprächspartner dazu zu bringen, politisch kompromittierende Aussagen zu machen.

Natürlich sind Satire, Humor und Parodie integrale Bestandteile der öffentlichen Debatte. Das Recht, sich über Politiker lustig zu machen oder Bürokraten zu verspotten, ist essenziell für die Vitalität einer Demokratie.

Ironischerweise versuchen russische und pro-Kreml Desinformationskanäle jedoch häufig, ihre antiwestlichen Lügen und Täuschungen hinter einer Fassade der Satire zu verstecken und dies als Recht auf freie Meinungsäußerung zu deklarieren. Gleichzeitig verweigern sie jedoch jede Form von Satire, die den Kreml kritisiert oder seine politische Agenda untergräbt. Ein Beispiel für diese Doppelmoral ist das russische Verbot der britischen Komödie „The Death of Stalin“(öffnet in einem neuen Tab) aus dem Jahr 2018.

Spott und Erniedrigung

In ihrem Bericht von 2017(öffnet in einem neuen Tab) erklärte das StratCom Centre of Excellence der NATO, wie russische und pro-kremlische Desinformationskanäle Humor einsetzen, um westliche politische Führungspersönlichkeiten zu diskreditieren.

Eine der Autorinnen, die lettische Wissenschaftlerin Solvita Denisa-Liepniece, schlug für diese besondere Form der Desinformation den Begriff „Hahaganda“ vor, der auf das gezielte Lächerlichmachen von Institutionen und Politikern abzielt.

Das perfide Merkmal der Hahaganda ist, dass sie sich kaum entkräften lässt. Jeder Widerspruch ist zwecklos. Der Witz soll keine faktischen Informationen vermitteln. „Es ist doch nur ein Witz! Habt ihr keinen Humor? Muss man immer so politisch korrekt sein?“

Das Ziel der Hahaganda ist es nicht, das Publikum von der Wahrheit eines bestimmten Witzes zu überzeugen, sondern vielmehr, die Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit eines bestimmten Ziels – sei es eine Person oder eine Institution – durch ständige Verspottung und Erniedrigung zu untergraben. Manchmal nimmt Hahaganda eine besonders makabre Wendung, wenn die pro-kremlische Desinformationsmaschinerie beschließt, einen politischen Mordversuch ins Lächerliche zu ziehen.

Lesen Sie mehr über Hahaganda hier.

Ein weiteres zentrales Narrativ der pro-kremlischen Desinformation: „Nazis“

Nazis im Osten, Nazis im Westen, vor allem aber in der Ukraine

Seit vielen Jahren behaupten russische staatskontrollierte Medien, dass verschiedene Staaten und Institutionen von Nazis regiert oder von Nazi-Ideologie durchdrungen seien. In ihrer Rhetorik sind „Nazi“ und „Faschist“ zu Synonymen geworden. Die Beispiele sind zahlreich und in der EUvsDisinfo-Datenbank seit 2015 gut dokumentiert: Die Republik Moldau wird von Faschisten regiert, ebenso wie die baltischen Staaten und Polen. Europa „unterstützt“ den Faschismus, ebenso wie das Europäische Parlament. In einer Rede in Wladiwostok, sechs Monate nach Russlands Invasion in der Ukraine, spekulierte Putin sogar, dass der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell „in den 1930er Jahren auf der Seite der Faschisten gestanden hätte“, weil die EU angeblich die Faschisten in Kyjiw unterstützt.

Für den Kreml ist jedoch die Ukraine – ein Land, in dem Millionen Menschen im Kampf gegen den Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg starben, in dem die Nazi-Ideologie verboten ist(öffnet in einem neuen Tab) und das derzeit von einem Enkel eines Holocaust-Überlebenden(öffnet in einem neuen Tab) regiert wird – das „nazihafteste“ Land von allen. Die EUvsDisinfo-Datenbank enthält fast 500 Beispiele für pro-Kreml Desinformationsbehauptungen über das „nazistische/faschistische“ Wesen der Ukraine. Dieses Narrativ ist seit den Euromaidan-Protesten 2013–2014 ein Grundpfeiler der Kreml-Propaganda, als der Kreml versuchte, die proeuropäischen Proteste in Kyjiw und später die westliche Orientierung der Ukraine als einen „faschistischen Staatsstreich“ zu diskreditieren.

Denn im Kreml-Universum haben „Nazis“ und „Nazismus“ nichts mit der tatsächlichen Geschichte oder Ideologie des Nationalsozialismus oder des Faschismus zu tun, noch mit heutigen Erscheinungsformen rechtsextremer Ideen. Vielmehr wird jeder, der sich Russland oder dem Konzept des „Russkiy Mir“ – einem geopolitischen Projekt zur Vereinigung der russischsprachigen Welt unter der Kontrolle des Kremls – widersetzt, als „Nazi“ abgestempelt. An erster Stelle steht hier die Ukraine.

Geschichtsverdrehung und Verbergen der Nazi-Kontakte

Die Wirksamkeit des „Nazi“-Narrativs für das russische Publikum ist kein Zufall. Der Kreml hat dieses Narrativ über Jahre hinweg systematisch aufgebaut. Aus Kreml-Sicht ist Geschichte nicht etwas, das erinnert und studiert wird, sondern etwas, das verwaltet wird. So wurde die historische Erinnerung in ein Werkzeug zur Erfüllung der geopolitischen Ambitionen des Kremls verwandelt.

Seit Jahren hämmern russische staatskontrollierte Medien und Politiker – von Putin selbst(öffnet in einem neuen Tab) bis hin zum mittlerweile verstorbenen Rechtsextremisten Wladimir Schirinowski – die Vorstellung ein, dass nur die Sowjetunion wirklich gegen das Hitler-Regime gekämpft habe. Alle anderen im Westen hätten keinen wirklichen Beitrag geleistet, sondern Hitler auf irgendeine Weise Unterstützung gewährt. Indem sie den Westen mit geschichtsträchtigen Anschuldigungen überzogen, hat Russland die Geschichte genauso zur Waffe gemacht wie seine Medien, Energie, Lebensmittel-Exporte und den Handel im weiteren Sinne.

Doch diese Darstellung ignoriert die Tatsache, dass die Sowjetunion mit Nazi-Deutschland einen Nichtangriffspakt unterzeichnet hatte – den Molotow-Ribbentrop-Pakt, begleitet von geheimen Zusatzprotokollen und einer intensiven wirtschaftlichen Zusammenarbeit von August 1939 bis Juli 1941. Wie der Historiker Roger Moorhouse dokumentiert(öffnet in einem neuen Tab), entsprach dies einem Drittel der Dauer des Zweiten Weltkriegs, währenddessen Hitler freie Hand hatte und seine Kriegsmaschinerie mit sowjetischen Importen aufbaute.

Dennoch ist es in Russland ein Tabu, auf diese Fakten hinzuweisen, geschweige denn auf die Gräueltaten der Roten Armee oder die Besetzung weiter Teile Europas. Seit einigen Jahren ist es in Russland eine Straftat, „den Ruf der heldenhaften Taten der Roten Armee von 1941 bis 1945 zu beschmutzen“. Seit 2021 ist es außerdem strafbar(öffnet in einem neuen Tab), Kriegsveteranen zu „beleidigen“.

Mit der Kontrolle über die historische Erinnerung hat der Kreml den Heldenmythos instrumentalisiert, um sich als einzige Kraft des Widerstands gegen den Nazismus darzustellen – in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Jetzt – der Nazi-Kampfruf überall

Der Kreml hat den „Kampf gegen den Nazismus“ als Schlachtruf für den Krieg in der Ukraine genutzt – mit allen schrecklichen Konsequenzen. In den Monaten vor der Invasion fuhren russische staatskontrollierte Medien ihre Bemühungen hoch, um die Ukraine als „Nazi-Staat“ darzustellen.

Dies war ein Signal an Kreml-Akteure und seine Gefolgschaft, dass ab diesem Moment alle Mittel erlaubt waren – mit der Begründung, dass sie den ultimativen Kampf für einen neuen „Sieg über den Nazismus“ führen würden, diesmal in der Ukraine. So versuchten Kreml-Propagandisten, die russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine, die sie nicht leugnen konnten, zu rechtfertigen – etwa das Bombardement einer Entbindungsstation in Mariupol. Diese Rechtfertigung wird uns weiterhin begegnen, wenn das ganze Ausmaß der unter russischer Kontrolle verübten Kriegsverbrechen in der Region Charkiw ans Licht kommt (öffnet in einem neuen Tab).

Nazi = Entmenschlichung der Ukrainer

Es ist schlimm genug, Geschichte als Waffe zu missbrauchen, doch der Kreml ist noch einen Schritt weiter gegangen. Das „Nazi“-Narrativ wird genutzt, um Ukrainer zu entmenschlichen. Die völkermordverherrlichende Rhetorik gegen alles Ukrainische hat sich von den extremistischen Rändern in die russische Mainstream-Medienlandschaft verlagert, etwa zur russischen staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti. Und das Ergebnis ist noch mehr Brutalität auf dem Schlachtfeld und gegen Zivilisten.

Der Mangel an Erfolgen auf dem Schlachtfeld führte dazu, dass der Kreml und seine Propagandisten nicht nur dazu aufriefen, die „Nazi-Junta“ in Kyjiw zu beseitigen, sondern eine großangelegte „Entnazifizierung(öffnet in einem neuen Tab)“ der Ukraine durchzuführen, die Generationen dauern solle. Innerhalb kürzester Zeit wurde der Kreis der „Nazis“ erweitert – von der ukrainischen Regierung auf die gesamte Bevölkerung und auf jeden, der die Ukraine unterstützt. Und während die Ukraine weiterhin besetzte Gebiete befreit, wird die Rhetorik auf russischer Seite immer extremer. In den letzten Tagen haben prominente russische Stimmen gefordert(öffnet in einem neuen Tab), 20 Millionen Ukrainer aus ihren Häusern zu vertreiben, ganze Regionen in der Ukraine systematisch zu zerstören, zivile und kritische Infrastruktur ins Visier zu nehmen und die Gesetze des Krieges als bloße „Empfehlungen“ abzutun, die einen totalen Krieg nicht einschränken sollten.

Kann es eine Welt ohne Nazis geben?

Kann es eine Welt, eine Ukraine geben, in der der Kreml und die dominanten Kreise in Russland ukrainische Führungspersönlichkeiten nicht als Nazis brandmarken?

Diese Frage ist relevant angesichts der derzeitigen intensiven Debatte in Russland, einschließlich in führenden Kreisen, über das Scheitern der russischen Streitkräfte in der Region Charkiw und Cherson. Ein paar Stimmen(öffnet in einem neuen Tab), die auf kremlnahen TV-Sendern auftreten durften(öffnet in einem neuen Tab), beginnen sich zu fragen, ob es sinnvoll ist, weiterhin zu leugnen, dass die Ukrainer als eigenständiges Volk und Nation existieren. Dass die ständige Nazi-Brandmarkung möglicherweise kontraproduktiv ist. Die Mehrheit, darunter Putin selbst, schleudert jedoch weiterhin das Nazi-Etikett auf alle – zumindest vorerst.

Wenn Sie den Spuren weiter folgen möchten, sehen Sie sich unseren Artikel von 2017 an: „Nazi-Ost, Nazi-West, Nazi über dem Kuckucksnest“ sowie eine Übersicht über die Versuche des Kremls, die Geschichte umzuschreiben: Im Schatten der revidierten Geschichte.

Weitere Informationen

Modus Trollerandi

28/07/2021

Wie die Demokratie versumpft wird: Sieben billige Tricks

Seit 2015 hat EUvsDisinfo Desinformation aus pro-Kreml Medien erfasst, dokumentiert und widerlegt. Alle einzelnen Fälle werden gesammelt und sind in einer großen und stetig wachsenden Datenbank verfügbar.

Eine Folge der jahrelangen Beobachtung pro-kremlischer Desinformationsquellen durch EUvsDisinfo ist, dass sich bestimmte Muster abzeichnen. EUvsDisinfo hat bereits zuvor Storytelling als Mittel der Überzeugung identifiziert sowie bestimmte feststehende Narrative untersucht; wir haben Ängste und Phobien analysiert, die von Desinformationskanälen ausgenutzt werden.

Die Rhetorik der Desinformation

Dieser Artikel zeigt einige der billigen Tricks der Rhetorik der Desinformation auf – wie Produzenten von Desinformation systematisch einen Austausch von Ideen, den Kern der Demokratie, durch eine Reihe praktischer Werkzeuge zum Entgleisen bringen. Kreml-Trolle versenken den öffentlichen Diskurs in einem Sumpf sinnloser Streitigkeiten. Ein schwedischer Aktivist prägte den Begriff Modus Trollerandi, um Methoden zu beschreiben, mit denen öffentliche Debatten durch billige Tricks sabotiert werden. EUvsDisinfo hat das Konzept weiterentwickelt, um zu zeigen, wie die Demokratie durch böswillige Manipulation versumpft (Englisch: SWAMPED) wird:

S: Strohmann:
Angriff auf Ansichten oder Ideen, die der Gegner nie geäußert hat.

W: Whataboutism:
Ablenkung von der eigentlichen Diskussion.

A: Angriff:
Einsatz brutaler Sprache, um den Gegner einzuschüchtern.

M: (Mockery) Spott:
Sarkasmus nutzen, um den Gegner herabzusetzen.

P: Provokationen:
Wem nützt es? Cui Bono?

E: Erschöpfung:
Den Gegner mit Details und technischen Einzelheiten überfordern.

D: (Denial) Leugnen:
Alle Beweise kategorisch abstreiten.

Allen diesen Methoden ist gemeinsam, dass sie jeden Dialog unmöglich machen. Meinungsverschiedenheiten sind der Kern der Demokratie; eine demokratische Gesellschaft entwickelt sich durch Debatte, Diskussion, Kompromiss und das Bemühen um eine gemeinsame Lösung weiter. Kreml-Trolle wollen nicht „mehr hinterfragen“ – sie wollen den Diskurs kontrollieren, unser Denken steuern und abweichende Meinungen zum Schweigen bringen. Sie greifen das Herz der Demokratie an: das Konzept eines respektvollen öffentlichen Dialogs.

Das Erkennen der billigen Tricks der Kreml-Demagogie hilft uns, eine Kultur des Widerspruchs und der kritischen Reflexion im demokratischen Diskurs zu bewahren. So können wir beim eigentlichen Thema bleiben und weiterhin über dringende Fragen sprechen, statt in die Fallen der Kreml-Spin-Doktoren zu tappen.

S für Strohmann

Der Strohmann ist ein rhetorisches Mittel, bei dem der Troll Ansichten oder Ideen angreift, die der Gegner nie geäußert hat. EUvsDisinfo hat diese Methode bereits in mehreren Artikeln beleuchtet: manchmal wird „Neoliberalismus“ als Strohmann verwendet; manchmal werden hinter Aktivisten düstere Mächte vermutet. Der russische Staatssender RT behauptete etwa, die schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg wolle „die Weltbevölkerung reduzieren“ und warnte lautstark vor solchen angeblichen malthusianischen Plänen.

Der Modus Trollerandi des Strohmanns ist bequem und effektiv. In der klassischen Rhetorik gilt er als informeller Fehlschluss – sowohl logisch als auch faktisch falsch. Dennoch ist er wirksam, weil er die Emotionen des Publikums anspricht: „Wollt ihr wirklich zulassen, dass Greta Thunberg euch und eure Kinder tötet, um die Reichen der Welt zu retten?“

Die EUvsDisinfo-Datenbank enthält zahlreiche Beispiele für das Strohmann-Prinzip. Der oben erwähnte „malthusianische Strohmann“ war während der Pandemie besonders beliebt. Auch Anschuldigungen des „Satanismus“ tauchen gelegentlich auf und suggerieren, Demokratie sei ein Plan, um Europäer von Gott, Anstand und soliden Traditionen abzubringen.

Der prominenteste Strohmann, den pro-Kreml Medien einsetzen, sind Anschuldigungen des Nazismus/Faschismus. Jede Kritik an der Politik des Kremls kann als „faschistisch“ bezeichnet werden. Tatsächlicher Faschismus – wie in Italien unter Mussolini oder Spanien unter Franco – wird dagegen oft mit Verständnis oder gar Sympathie behandelt. Die EUvsDisinfo-Datenbank enthält zahlreiche Beispiele dafür, dass praktisch jeder als „Nazi/Faschist“ abgestempelt wird. So nennt das russische Portal SouthFront die deutsche Kanzlerkandidatin der Grünen und Kreml-Kritikerin „eine amerikanische Nazi“. Früher wurde die Ukraine als „Nazi“ bezeichnet, die USA als „faschistisch“, Frankreich sei ein Verbündeter Hitlers gewesen, die baltischen Staaten und Polen würden von Nazi-Sympathisanten regiert.

Ein weiterer beliebter Strohmann ist der „Neoliberalismus“. Ein vager, unangenehm klingender Begriff, der auf jede Form des Widerspruchs geklebt werden kann.

Das Gegenmittel gegen dieses Mittel: Bleib auf Kurs! Lass dich nicht ködern! Bestehe darauf, über das eigentliche Thema zu sprechen.

W für Whataboutism

Diese Technik wurde häufig im Zusammenhang mit dem Akt der Luftpiraterie des belarussischen Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka Ende Mai eingesetzt. Die pro-Kreml-Spin-Doktoren unternahmen wütende Versuche, von dem Vorfall abzulenken, indem sie behaupteten, dass der Einsatz von Kampfjets zum Abfangen ziviler Flugzeuge und das Weiterleiten falscher Bombendrohungen gängige Praxis seien. Diese Behauptung wurde ad nauseam (eine Technik, die in einem späteren Artikel behandelt wird) wiederholt. Beispiele finden sich hier, hier und hier.

Whataboutism ist ein rhetorisches Mittel, um die Aufmerksamkeit von einem unangenehmen Thema abzulenken. Das Oxford English Dictionary definiert es als:

Die Technik oder Praxis, auf eine Anschuldigung oder eine schwierige Frage mit einer Gegenanschuldigung oder einem anderen Thema zu reagieren.

Diese Methode ist im pro-Kreml-Desinformationsökosystem sehr beliebt. „Russische Streitkräfte haben ein Passagierflugzeug abgeschossen? Nun, was ist mit all den Flugzeugen, die die USA abgeschossen haben?„Ostukraine? Nun, was ist mit all den Ländern, in deren Angelegenheiten sich die USA eingemischt haben?“ „Demonstranten in Russland festgenommen? Und was ist mit Polizeigewalt in Europa und den Gelbwesten? Was ist mit der Verfolgung der Teilnehmer an den friedlichen Protesten in Washington?“

Der Tu Quoque-Fehlschluss

Die klassische Rhetorik beschreibt diese Technik als eine Variante des Tu Quoque-Fehlschlusses. Auf Russisch heißt es „сам дурак“ – „du bist der Idiot!“. Diese Methode hat tiefe Wurzeln in den sowjetischen rhetorischen Traditionen, und das pro-Kreml-Desinformationsökosystem nutzt sie häufig. EUvsDisinfo hat die Methode in mehreren Artikeln beschrieben – hier, hier und hier zum Beispiel.

Whataboutism ist ein effizientes billiges Täuschungsmanöver und seit langem ein Kernelement der pro-Kreml-Desinformation. Selbst auf höchster politischer Ebene wenden russische Beamte Whataboutism anstelle eines Dialogs an, anstatt auf Fragen zu Massenfestnahmen friedlicher Demonstranten zu antworten:

Wir haben Herrn Borrell eine Sammlung von Materialien darüber geschickt, wie Festnahmen durchgeführt und friedliche Proteste in EU-Ländern aufgelöst werden, damit er und seine Delegation viele Fragen für sich selbst beantworten können, bevor sie sie uns stellen.

Whataboutism ist ein aggressives Mittel, um die Kontrolle über eine Debatte zu übernehmen. Durch Whataboutism weicht der Kreml Kritik aus und richtet die Anschuldigung gegen die Opposition. Die angegriffene Partei wird in die Defensive gedrängt, während der Kreml sich als moralisch überlegen darstellt.

Das Gegenmittel zu Whataboutism: Bleib beim Thema und bestehe darauf, über die eigentliche Angelegenheit zu sprechen.

A für Angriff

Überzogene Sprache und übertriebene Aussagen sind bis zu einem gewissen Grad Standardpraxis in jeder polemischen Debatte, z. B.: „Der Vorschlag der Opposition ist purer Wahnsinn!“; „Die Premierministerin hat ihre letzte Glaubwürdigkeit verloren“. Aber der demokratische Diskurs vermeidet in der Regel Spott, Entmenschlichung und Beleidigungen. Das demokratische Gespräch basiert idealerweise auf grundlegendem Respekt und fairem Umgang miteinander.

Während die meisten billigen Tricks des Kremls aggressiv sind, besteht das Ziel hier darin, die Opposition davon abzuhalten, die Diskussion fortzusetzen. Pro-Kreml-Medien neigen dazu, Dissidenten als „Faschisten“, „Extremisten“ und sogar „Pädophile“ zu bezeichnen. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, macht dies regelmäßig in ihren Erklärungen:

Der russophobe epileptische Anfall im schwedischen Parlament.

Aussage von Maria Sacharowa, Facebook, 2. Juni 2021

Und

Unsere westlichen Partner leben in einer Fantasiewelt. Ich glaube, sie sehen nur das, was nicht existiert, und sehen nicht, was direkt vor ihnen steht. Dies ist eine seltsame Fähigkeit – in einer Welt der Illusionen zu leben. Mein Eindruck ist, dass der kollektive Westen in einer Welt der Illusionen lebt.

RT, 23. April 2021

Laut Frau Sacharowa handelt Russland einwandfrei, pragmatisch und ist über jeden Vorwurf erhaben. Kritik an russischen Aktivitäten ist nichts anderes als eine geistige Abweichung, eine Krankheit. Eine seltsame Art von Epilepsie. Fantasien.

Die EUvsDisinfo-Datenbank enthält zahlreiche Beispiele für diesen Trick. Pro-Kreml-Kanäle bezeichnen den Westen als „Satanisten“ und „Perversion“. Russische Staatsmedien behaupten, politische Entscheidungen basierten auf „Geisteskrankheit“. Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg sei ein „Opfer politischer Pädophilie“.

Wie bei den meisten anderen billigen Tricks des Kremls besteht das Ziel darin, abzulenken. Anstatt sich mit der eigentlichen Angelegenheit auseinanderzusetzen, wird der Gegner angegriffen und entmenschlicht. Das Ziel ist es, den Gegner einzuschüchtern. Das Gespräch zu beenden.

Das Gegenmittel gegen diese Technik: Ignoriere den Angriff. Bestehe darauf, Antworten zu den Kernfragen zu erhalten, da ein solcher Angriff klar das Fehlen tragfähiger Argumente demonstriert.

M (Mockery) für Spott

Wie ein Verrückter, der tödliche, brennende Pfeile abschießt, ist derjenige, der seinen Nachbarn täuscht und sagt: „Hey, ich habe doch nur gescherzt!“

Sprüche 26:18

Sarkasmus, Spott, Lächerlichmachen – „Hahaganda“ – sind effektive Mittel, um sich in einer Debatte einen Vorteil zu verschaffen. EUvsDisinfo hat diese Technik bereits in mehreren früheren Artikeln beschrieben: hier und hier, zum Beispiel.

Sarkasmus, Witze und Übertreibungen sind in einer Debatte grundsätzlich akzeptabel, doch im Fall des Kremls sind sie ein zentrales Element der Rhetorik. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, nutzt diese Technik regelmäßig in ihren wöchentlichen Briefings, indem sie ironische Bemerkungen über „unsere westlichen Partner“ und „unseren geschätzten Kollegen“ macht – mit der offensichtlichen Absicht, zu verunglimpfen und zu diffamieren.

„Das ist nicht das erste Mal, dass diese Tageszeitung offensichtlichen Unsinn veröffentlicht.“

Briefing von Außenministeriumssprecherin Maria Sacharowa, Moskau, 4. März 2021

„All der Unsinn, der jetzt öffentlich oder über die sozialen Medienkonten der EU-Institutionen verbreitet wird, werden wir mit klarer Argumentation und wahrheitsgetreuen Fakten beantworten.“

Briefing von Außenministeriumssprecherin Maria Sacharowa, Moskau, 4. März 2021

„Viele glauben leider immer noch an diesen eingeimpften Unsinn.“

Briefing von Außenministeriumssprecherin Maria Sacharowa, Moskau, 10. Dezember 2020

„Die wiederholten, donnernden Erklärungen, dass niemand außer Moskau diesen Cyberangriff durchgeführt haben könne, weil eine solche Attacke ohne spezielle staatliche Ressourcen unmöglich sei, sind absurd. Das ist eine pseudorechtliche Position und Unsinn.“

Briefing von Außenministeriumssprecherin Maria Sacharowa, Moskau, 4. Juni 2020

„Die britische Regierung ist zu der richtigen Erkenntnis gelangt, dass der Ausdruck ‘höchstwahrscheinlich’ keinen Sinn mehr ergibt.“

Briefing von Außenministeriumssprecherin Maria Sacharowa, Moskau, 16. Juli 2020

„Am wahrscheinlichsten ist, dass diese Fantasien (und so sollten sie qualifiziert werden) im Zusammenhang mit der britischen Taktik gesehen werden sollten, Russland in ihrem bevorzugten ‘höchstwahrscheinlich’-Stil, den wir alle gut kennen, zu beschuldigen.“

Briefing von Außenministeriumssprecherin Maria Sacharowa, Moskau, 16. Juli 2020

Im Jahr 2017 veröffentlichte das NATO Strategic Communications Centre of Excellence in Riga einen Bericht über die systematische Verunglimpfung ausländischer politischer Führungspersönlichkeiten im russischen Staatsfernsehen. Während Satire und Humor ein grundlegender Bestandteil des öffentlichen Diskurses in einer demokratischen Gesellschaft sind, dient die Satire in russischen Fernsehprogrammen gezielt der Verunglimpfung und Demütigung. Dieselbe Methode wurde während der Demonstrationen in Russland im Januar 2021 angewandt: Pro-Kreml-Medien und Kommentatoren bezeichneten die Hunderttausenden von Demonstranten herablassend als „Nawalny-Jungtiere und Mamas Revoluzzer“.

Spott ist ein mächtiges Mittel und schwer abzuwehren. Er muss ertragen werden, ohne sich vom eigentlichen Thema ablenken zu lassen. Kreml-Humor ist kein Spaß.

P für Provokationen

Manchmal dient ein rhetorisches Mittel dazu, den Informationsraum zu besetzen. Dies entspricht militärischer Theorie, die im Journal des Russischen Instituts für Strategische Studien beschrieben wird:

„Ein präventiv geformtes Narrativ, das den nationalen Interessen des Staates entspricht, kann die Auswirkungen ausländischer Akteure in der Informationssphäre erheblich verringern, da sie in der Regel versuchen, ‘Lücken’ [im Informationsfluss] zu füllen.“

Das russische Militär in Syrien verbreitet regelmäßig Behauptungen, dass Anti-Assad-Gruppen chemische Angriffe gegen Zivilisten vorbereiten, um „eine Provokation zu inszenieren“, also die syrischen Regierungstruppen zu beschuldigen.

Moskau, 23. Mai. INTERFAX. „Am Vorabend der Präsidentschaftswahlen in Syrien bereiten Kämpfer der Terrorgruppe Hayat Tahrir Al-Sham (in Russland verboten) Provokationen mit giftigen Substanzen in den westlichen Teilen der Provinz Idlib vor“, berichtet der stellvertretende Leiter des russischen Versöhnungszentrums für Syrien, Konteradmiral Alexander Karpow.

Provokationen sind im Werkzeugkasten der pro-Kreml-Desinformation ein Standardinstrument. Das Ziel: Verwirrung stiften, Zweifel säen und den Informationsraum manipulieren.

E für Erschöpfung

Eine effektive Methode, eine Debatte zu zerstören, besteht darin, endlos technische Details, nebensächliche Elemente früherer Aussagen vorzubringen und einfach alles daran zu setzen, das Kernthema zu vermeiden. Der Begriff „Sealioning“ tauchte erstmals 2014 in einem Comic auf, in dem ein Seehund mit übertrieben höflichen Manieren in eine Unterhaltung eindringt und Erklärungen zu einer früheren Aussage verlangt. Das Ziel dieser Technik ist es, als beharrlicher Jäger der Wahrheit aufzutreten.

Diese Methode wurde im Zusammenhang mit dem Akt der Luftpiraterie des belarussischen Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka sichtbar. Pro-Kreml-Medien verglichen ihn mit einem Vorfall aus dem Jahr 2013, als die US-Behörden die Landung eines Flugzeugs mit dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales in Wien forderten. In diesem Fall gab es jedoch keine falschen Bombendrohungen, und keine Kampfjets fingen das Flugzeug ab. Dennoch wird der Vorfall in Wien weiterhin als Vergleich herangezogen, während die einzigartigen Merkmale des Lukaschenka-Falles völlig ignoriert werden. Beispiele finden sich hier, hier und hier.

138 und steigend

Eine weitere Möglichkeit, den Gegner in einer Debatte zu erschöpfen, besteht darin, den Informationsraum einfach mit verschiedenen Versionen, widersprüchlichen Theorien und gefälschten Details zu fluten. Zum Beispiel hat das King’s College London 138 separate und widersprüchliche Narrative über die Vergiftung der Skripals gesammelt. Eine ähnliche Methode wird bei der versuchten Ermordung von Nawalny und dem Abschuss von MH17 angewendet: neue Lügen, neue Ablenkungsmanöver… Irgendwann ist man erschöpft und hat keine Lust mehr, sich auf eine Debatte über die tatsächlichen Ereignisse einzulassen.

Darin liegt das Ziel der Kreml-Methoden: Je weniger über die Fakten zu MH17, den Skripals und Nawalny gesprochen wird, desto besser für den Kreml. Ständige Angriffe und hartnäckiges Leugnen offensichtlicher Beweise entmutigen letztlich jede Kritik.

D (Denial) für Leugnen

Unter den ablenkenden Methoden der pro-Kreml-Desinformationsmedien ist das Leugnen vermutlich die beliebteste. EUvsDisinfo hat über 500 Beispiele für Aussagen in pro-Kreml-Medien dokumentiert, die die Worte „Es gibt keine Beweise“ enthalten. Im pro-Kreml-Ökosystem bedeutet „keine Beweise“ eigentlich „keine Beweise, die wir akzeptieren“. Jegliche Beweise, die nicht den Kreml-Narrativen entsprechen, existieren einfach nicht. Beweise, ob Augenzeugenberichte, harte Fakten, Giftspuren, Fotos oder Videos oder sogar festgenommene Verdächtige, sind „keine Beweise“. Jede Person, NGO oder Behörde, die Daten vorlegt, die Fragen zur Verantwortung der russischen Behörden aufwerfen oder sie mit Verbrechen in Verbindung bringen, ist laut Kreml voreingenommen, und die Beweise sind wertlos. Sogar die Vereinten Nationen sind voreingenommen gegenüber Russland und Belarus.

Ein besonderer Fall des Leugnens ist Russlands hartnäckige Zurückweisung der Entsendung militärischer Einheiten auf die Krim im Frühjahr 2014. Es wurde behauptet, die Soldaten seien lokale Aktivisten, die ihre Ausrüstung in Armeeläden gekauft hätten. Präsident Putin gab später zu, dass es sich um reguläre russische Truppen handelte, die nach der Krim geschickt wurden, um das „Referendum“ zu kontrollieren.

Leugnen, trotz erdrückender Beweise, kann effektiv sein, besonders wenn es mit anderen Täuschungstricks kombiniert wird.

Die Grenzen des Kults des Leugnens

Der „Kult des Leugnens“ bringt dem Kreml gelegentlich Probleme. Selbst die Chefredakteurin der pro-Kreml-Desinformationsmedien Sputnik und RT, Margarita Simonjan, zweifelt am Wert des pauschalen Leugnens:

„Es gibt zwei Herangehensweisen, wie ein großes und anspruchsvolles Land sich bei einem katastrophalen Fehler verhalten sollte. Die erste besagt, dass das Land sich in einen Zustand des völligen Leugnens begeben sollte; nichts zugeben, nichts bereuen. Andernfalls wird alles noch schlimmer. So halten es die meisten verantwortlichen Genossen in den mächtigsten Ländern, einschließlich unseres eigenen.“

„Die andere Methode entspricht eher dem Vorgehen des Irans. Das liegt mir persönlich näher. Aus einfachen menschlichen Gründen. In meinem Wertesystem hat sich der Iran wie ein echter Mann verhalten.“

Der Iran gestand ein, versehentlich ein ukrainisches Passagierflugzeug abgeschossen zu haben, und entschuldigte sich schnell. Die USA handelten 1996 ähnlich, als ein US-Kriegsschiff ein iranisches Zivilflugzeug abschoss.

Die Beweise im MH17-Fall deuten auf russische Staatsstrukturen hin. Russland leugnet weiter, doch der Fall belastet die Beziehungen Russlands zur Welt massiv.

Damit endet diese Serie über die billigen Tricks des Kremls. Bleib beim Kernthema – lass nicht zu dass die Debatte versumpft!

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Warum Vertretern autoritärer Systeme die Vorstellung einer großen Verschwörung gefällt

01/02/2019

Die Idee einer Schatten-Weltregierung ist seit jeher unter Verschwörungstheoretikern äußerst beliebt. Die Erscheinungsformen mögen unterschiedlich sein, aber im Allgemeinen beschwört diese Vorstellung das Bild einer kleinen Gruppe herauf, die hinter den Kulissen über das Schicksal der Welt entscheidet; Strippenzieher, die heimlich alles kontrollieren. Herrscher der Herrscher. EUvsDisinfo hat solche Fälle schon oft beschrieben, beispielsweise hier und hier.

Der Reiz von Verschwörungstheorien ist, dass sie sich praktisch nicht widerlegen lassen. Die Prämisse, auf der sie basieren, ist, dass sich alles hinter den Kulissen abspielt, im Verborgenen, im Schatten, ausgeführt von den mächtigsten Menschen der Welt, denen unbegrenzte Ressourcen zur Verfügung stehen. Das völlige Fehlen von Beweisen für die Existenz der Schattenherrscher ist der Beweis, dass sie existieren und erfolgreich sind. Diese Logik haben wir auch in anderen Fällen beobachtet. Jedem Versuch der Widerlegung wird mit der Gegenbehauptung „Ja, natürlich leugnen Sie das. Sie sind ja selber Teil davon!“ begegnet. Da die Schattenregierung, der Deep State, per definitionem geheim ist, muss sie logischerweise böse sein. Warum würden sich die Mitglieder verstecken, wenn sie nicht etwas Schlimmes im Schilde führten?

Die Vorstellung wird in der Regel von überzeugten Verschwörungstheoretikern gepflegt, sie taucht aber auch gelegentlich in der Popkultur auf. Verschwörungstheorien rund um mächtige Menschen finden sich in James Bond-Filmen, Tim und Struppi-Comics, Romanen wie Sakrileg von Dan Brown oder Science Fiction-Thrillern mit Reptiloiden, die die Welt beherrschen. Sie sind ein wirkungsvolles Element zur Schaffung ansprechender Plots in Thrillern.

Dies gilt auch für Propaganda. Eines der abscheulichsten Beispiele für die Verwendung dieser Vorstellung zu Propagandazwecken sind die Protokolle der Weisen von Zion. In dem 1903 in Russland veröffentlichten Text wird ein Plan für die jüdische Weltherrschaft beschrieben. Es ist bewiesen, dass er von der zaristischen Geheimpolizei geschrieben wurde, aber er wird heute noch in antisemitischen Kreisen als „Beleg“ für das Streben der Juden nach der Weltherrschaft verbreitet.

Im Jahr 2016 verwies ein Kolumnist der russischen Tageszeitung Komsomolskaja Prawda in einem Artikel auf die „Weisen von Zion“ und schrieb, das Brexit-Referendum in Großbritannien und die Wahl Donald Trumps in den USA würden beweisen, dass die „Schattenregierung“ doch nicht omnipotent sei. Im selben Medium wurde mehrfach darüber geschrieben, „die Rothschilds“ würden die Welt kontrollieren.

Vor Kurzem bot dieselbe Zeitung einer umfassenden Verschwörungstheorie Raum, laut der die Gelbwestenbewegung Ausdruck eines Kampfes zwischen Donald Trump und „den Rothschilds“ ist, wobei Letztere die angebliche Gefahr durch die Erderwärmung zur Beförderung ihrer eigenen finanziellen Interessen nutzen: Trump (und die Komsomolskaja Prawda) wissen, dass das Übereinkommen von Paris eine reine Ressourcenverschwendung ist.

Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass die russischen Medien immer häufiger verschiedene Verschwörungstheorien zitieren. Und dies hat Auswirkungen auf das Publikum. Laut einer Umfrage im Sommer 2018 durch das staatliche Meinungsforschungsunternehmen WZIOM sind zwei Drittel der russischen Bevölkerung von der Existenz einer „Weltregierung“ überzeugt. Die meisten Befragten glauben außerdem, dass diese Weltregierung Russland feindlich gesinnt ist. Interessanterweise ist die Zahl der „Gläubigen“ seit der illegalen Annexion der Krim durch Russland von 45 auf 67 Prozent gestiegen.

Mehr zu Verschwörungstheorien im russischen Fernsehen

Der Reiz der Theorie einer Schattenregierung besteht darin, dass sie mit beliebigen Inhalten gefüllt werden kann. Katholiken, Banker, Juden, Feministinnen, Freimaurer, „Big Pharma“, Muslime, die Lobby der Homosexuellen, Bürokraten – je nach Zielgruppe. Es muss nichts bewiesen werden und alle Probleme der Zielgruppe lassen sich damit erklären. Die Lobby der Homosexuellen/Juden/Bürokraten/Banker haben unser Geld gestohlen, entwickeln Biowaffen, zetteln Kriege an, installieren Präsidenten

Das Ziel des Narrativs der Schattenregierung besteht darin, die Legitimität der Demokratie und unserer Institutionen in Frage zu stellen. Wozu wählen, wenn die Schattenregierung bereits die Welt regiert? Welchen Sinn hat es, gewählt zu werden, wenn der sogenannte Deep State sich allen Reformversuchen widersetzt? Wir, als Wähler, Bürger und Menschen, werden durch das Narrativ der Schattenregierung entmachtet. Letztlich soll uns das Narrativ dazu bringen, nicht mehr zu wählen oder unser Recht auf Meinungsäußerung wahrzunehmen.

Diejenigen, die das Narrativ einer Schattenregierung verbreiten, stellen sich selbst als Leute dar, die „Klartext“ reden, als Dissidenten und Helden des öffentlichen Diskurses. „Hinterfragt alles!“, fordern sie. Ironischerweise basiert ihre Verschwörungstheorie jedoch auf blindem Glauben an Autoritäten.

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Aktivitäten der EU zur Bekämpfung von Antisemitismus

Die Anti-Defamation League zu den „Protokollen der Weisen von Zion“

Überraschung im November: ein antisemitisches Jubiläum

Antisemitismus und kremlfreundliche Propaganda

Alle gegen Russland

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Wenn Worte töten – von Moskau bis Mariupol

17/06/2022

Am 18. Juni wird die Welt den ersten Internationalen Tag zur Bekämpfung von Hassreden erleben. Dieser ging aus der Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen zur „Förderung des interreligiösen und interkulturellen Dialogs und der Toleranz zur Bekämpfung von Hassreden“ im Juli 2021 hervor. Die UN lädt Regierungen, internationale Organisationen, Gruppen der Zivilgesellschaft und Einzelpersonen ein, Veranstaltungen und Initiativen zu organisieren, die Strategien zur Erkennung, Bewältigung und Bekämpfung von Hassreden fördern.

Hassrede – Wovon sprechen wir?

In den Worten der Vereinten Nationen ist Hassrede jede Art von Kommunikation über Sprache, Schrift oder Verhalten, die angreifend ist oder abwertende oder diskriminierende Sprache verwendet und sich auf eine Person oder Gruppe aufgrund deren Identität bzw. ihrer Religion, ethnischen Herkunft oder Zugehörigkeit bezieht.

Hassrede ist gefährlich. Erneut in den Worten der Vereinten Nationen:

„Ungebremst kann Hassrede sogar Frieden und Entwicklung schaden, da sie das Fundament für Konflikte und Spannungen sowie weitreichende Menschenrechtsverletzungen bildet.“

Hassrede und Entmenschlichung

Hassrede hat zwei „Reisegefährten“ – Desinformation und Medienmanipulation. Russlands Krieg gegen die Ukraine zeigt die tödlichen Auswirkungen von Hassrede: Sie diente zur Entmenschlichung des Gegners, in diesem Fall der rechtmäßigen, gewählten Regierung in Kiew und der gesamten ukrainischen Bevölkerung.

Ist der Feind erstmal entmenschlicht, kämpfen Soldaten auf dem Schlachtfeld nicht mehr gegen Menschen wie Sie und mich, sondern eine minderwertige Gruppe.

Nur wenige Menschen haben erwartet, dass Mitte 2022 wichtige russische Führungspersönlichkeiten sowie richtungsweisende Medien und Meinungsbildner öffentlich völkermörderische Ansichten annehmen und dazu aufrufen würden, dass Menschen „verschwinden“ sollen. Welche Dynamiken haben eine aufgeklärte Gesellschaft, eine reiche Kultur mit Plattformen für Informations- und Meinungsaustausch, sozialen Medien usw. auf so einen Weg geführt?

Eine offenkundige – wenn auch unangenehme – Antwort: Menschen können manipuliert werden. Ursprüngliche Gruppendynamiken setzen ein, insbesondere bei ständiger Konfrontation mit emotional aufgeladener Desinformation. Unsere Gruppe gegen „die anderen“. (Siehe unser Artikel zu 5 häufigen Narrativen.)

Leider findet man viele solcher Beispiele in der Geschichte Europas und der Welt. Hassrede war in mehreren Kriegen der Vorbote von Gräueltaten. Jüngere Beispiele sind der Holocaust, der Völkermord in Ruanda 1994, die Kriege der 1990er im ehemaligen Jugoslawien, bei denen Vukovar, Srebrenica und der Kosovo nur einige neuere Mahnungen dafür sind, wie schnell einstige Nachbarn sich gegeneinander wenden und brutale Morde begehen.

Wie Hassrede die Äußerungen des Kremls in den letzten 12 Monaten dominierte

Seit 2014 ist der Begriff „Nazi“ häufig genutzt worden, wie man in unserer Datenbank sieht, doch auch der allgemeine Tonfall ist eskaliert.

Juli 2021: Putins langer Artikel: Vor etwa einem Jahr, am 12. Juli 2021 hat der Kreml einen von Putin unterzeichneten Artikel veröffentlicht: „Über die historische Einheit Russlands und der Ukraine“. Im Kern können Putins Behauptungen wie folgt zusammengefasst werden:

– Ein Großteil der Ukraine ist Land, das vom „Historischen Russland“ geraubt wurde

– Die ukrainische Nation ist eine künstliche Idee und Ukrainer sind quasi einer Gehirnwäsche unterzogene Russen, denn

– Die Ukraine wird von „Radikalen und Neonazis“ regiert, die „Instrumente“ des Westens sind [USA, NATO, EU]

Der Slogan „Nazi/Neonazi“ kommt in fünf unterschiedlichen Teilen des Textes vor. Die Nazi-Anschuldigungen werden seit dem Euromaidan 2013 eingesetzt, um die Ukraine zu entmenschlichen und das gesamte Böse in einem Wort zusammenzufassen.

Putins Artikel wurde an Soldaten in der russischen Armee verteilt. Diese Aktion scheint eine moderne Version der politischen Bildung von Soldaten in der ehemaligen sowjetischen Armee zu sein.

24. Februar 2022: Krieg In den Wochen vor der neuen Invasion am 24. Februar sprachen Putin und die russische Regierung oft darüber, dass Kiew „den Donbas angreifen und einen Genozid an der Russisch sprechenden Bevölkerung durchführen will“. Am 24. Februar stellte Putin den Einsatz als „Selbstverteidigung“ zur „Entnazifizierung der Ukraine“ dar. „Nazi“ ist wie ein Feuerbefehl für den Soldaten mit der Waffe geworden.

16. März: Damit die Bösen keine Atomwaffen senden In Putins Rede vom 16. März ging die Denunziation einen Schritt weiter: Die „Neonazis“ in Kiew bereiten Angriffe mit chemischen und biologischen Waffen, Anthrax und Ähnlichem vor. Bald wird Kiew Atomwaffen gegen den Donbas und Russland einsetzen können. Doch Putin stellt sich als Zähmer des Neonazismus dar.

Im März nahmen die Gräueltaten in von Russland kontrollierten Gebieten zu, wie die OSZE dokumentierte.

3. April: RIA Nowosti lobpreist Genozid Russlands größte Nachrichtenagentur, das Staatsmedium RIA Nowosti, veröffentlichte einen Leitartikel des dem Kreml nahestehenden, hochrangigen Intellektuellen und Filmemachers Timofei Sergeizew, in dem er zu Maßnahmen in der Ukraine aufruft, die nur als Genozid bezeichnet werden können: Keine Gnade auf dem Schlachtfeld, Massenrepression, ethnische Säuberung à la Stalin. Diese Botschaft verbreitete sich dann in großen russischen TV-Sendern und Online-Medien.

Die Bezeichnungen „Nazi“ und „Nazismus“ werden durchweg im Artikel verwendet, um alles in Verbindung mit dem ukrainischen Staat, der Regierung in Kiew oder den ukrainischen Behörden zu benennen. Der Plan fordert zur Vernichtung und Liquidierung aller „Nazis“ und der Massenrepression der ukrainischen Bevölkerung auf. Neben strikter Zensur ukrainischer Stimmen und der Einführung russischer Gesetze und Kultur ist es das Ziel, selbst den Namen Ukraine und den Begriff ukrainisch zu verbieten. Damit die Ukraine verschwindet.

7. Juni: Dmitri Medwedew will, „dass sie verschwinden“ Der Leitartikel von RIA Nowosti ähnelt dem Gedankengut des ehemaligen Präsidenten und einstigen liberalen Reformers Dmitri Medwedew, der jetzt den stellvertretenden Vorsitz im russischen Sicherheitsrat innehat. In einem Telegram-Beitrag übertrumpfte er die vorherige scharfe und kriegerische Sprache mit dieser eindeutigen Botschaft: „Sie sind Bastarde, die den Tod Russlands wollen. Ich hasse sie und werde alles tun, sie verschwinden zu lassen“. Die Ukraine wird zwar nicht direkt genannt, doch es liegt nahe, dass Medwedew sich auf diese bezog.

“They are bastards who want death for Russia. I hate them and will do everything to make them disappear.”

DMITRY MEDVEDEV

„Sie sind Bastarde, die den Tod Russlands wollen. Ich hasse sie und werde alles tun, sie verschwinden zu lassen.”

DMITRI MEDWEDEW

HATE SPEECH HASSREDE
  1. Juni: Die Ukraine, eine „existenzielle Bedrohung für Russland“

Medwedews Worte wurden von deutlicheren Gewaltaufrufen eines weiteren hohen russischen Vertreters unterstützt: Dmitri Rogosin, ehemaliger stellvertretender Ministerpräsident, ehemaliger russischer Botschafter bei der NATO und jetzt Leiter von Roskosmos, der russischen Weltraumagentur. Auf seinem (verifizierten) Twitter-Account schlägt er vor, die ukrainische Bevölkerung „ein für alle Mal“ zu zerschlagen. Die Ukraine, oder in Rogosins Worten, „was an Stelle der Ukraine auftauchte“, stellt „eine existenzielle Bedrohung für die russische Bevölkerung, die russische Geschichte, die russische Sprache und die russische Zivilisation dar“. (Siehe auch hier).

„Existenzielle Bedrohung“ ist auch ein Schlüsselwort in der russischen Doktrin für den letztendlichen Einsatz von Atomwaffen, denn eine solche Bedrohung ist die Voraussetzung zum Erstschlag.

  1. Juni: Dmitri Medwedew (erneut): „Die Ukraine könnte in zwei Jahren nicht mehr existieren“

Am 15. Juni veröffentlichte Medwedew erneut einen Telegram-Post, in dem er Gespräche über Flüssigerdgas (LNG) aus den Vereinigten Staaten für die Ukraine in Form eines zweijährigen Leih- und Pachtvertrags verspottete. Er fragte provokativ: „Wer hat behauptet, dass die Ukraine in zwei Jahren überhaupt noch auf der Weltkarte zu finden ist?“ Dieser dauerhafte Strom an „verschwinden / nicht mehr existieren / hassen“ ist ein lauter Startschuss für Soldaten, jegliche vorstellbaren Handlungen durchzuführen.

Toxisches Fernsehen

Das russische Staatsfernsehen und kremlfreundliche Kanäle sind schon lange eine toxische Stimme mit einer militaristischen und revanchistischen Agenda. Von Talkshows wie den beliebten „60 Minuten“, in denen Experten sich gegenseitig übertreffen (Highlights finden Sie hier) zu den normalen Fernsehnachrichten, in denen stetig die „Nazi“-Geschichte wiederholt wird. Das verstärkt eine bereits hasserfüllte Atmosphäre.

Der junge Soldat auf dem Schlachtfeld – Hassrede in der Praxis

Die Hassrede gelangt direkt durch die militärische Hierarchie zum Soldaten an der Front, der wie jeder andere Nachrichten und andere Medien liest. Die meisten russischen Soldaten im Krieg in der Ukraine sind jung. Sie kennen seit ihrer Kindheit nur einen Regenten in Russland: Putin. Die Bildung in russischen Schulen und später bei der Armee erhebt ihn auf ein Podest. Acht Jahre sind seit 2014, der illegalen Annexion der Krim und dem Beginn des Krieges im Donbas vergangen. Was in Russland passiert, wird von ihm genehmigt oder befohlen. Das gleicht einem Personenkult, der am besten von den Worten aus 2014 des stellvertretenden Stabschefs des Kremls, Wjatscheslaw Wolodin, der jetzt Vorsitzender der Staatsduma ist, eingefangen wird: „Es gäbe derzeit kein Russland, wenn Putin nicht wäre.“

Nach Monaten harter Kämpfe, verlorener Schlachten und dem Rückzug aus Kiew und gelegentlichem, fast apokalyptischem atomarem Säbelrasseln werden die Worte „lasst sie verschwinden“ wohl so aufgenommen, dass jeder Mensch in der Ukraine der Feind ist; sie müssen getötet und ausgelöscht werden.

Lassen Sie uns am Internationalen Tag zur Bekämpfung von Hassrede an die Worte des Herzogs von Wellington nach der Schlacht von Waterloo 1815 denken: „Nichts außer einer verlorenen Schlacht kann halb so melancholisch stimmen wie eine gewonnene Schlacht.“ Sie zeigen, dass selbst der siegreichste Kriegsgeneral Demut und Reue für verlorene Leben fühlen kann.

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Desinformations-Strategien, -Methoden und -Abläufe

Strategien, Methoden und Abläufe (TTPs) – die Sprache der Informationsmanipulation

Jahrelang drehte sich die Arbeit gegen Desinformation um ein paar zentrale Fragen: Ist eine Information wahr oder falsch? Wenn sie falsch ist, ist sie dann zufällig oder absichtlich falsch? Wenn sie absichtlich falsch oder irreführend ist: welchen Zweck verfolgt ihr Urheber oder Verstärker? Nennen wir es einen inhaltsbasierten Ansatz für das Problem – eine Art der Überwachung, Erkennung und Analyse von Desinformationen, die sich weitgehend auf den Inhalt konzentriert.

Inhalte sind und bleiben zwar ein integraler Bestandteil aller Informationsmanipulationsoperationen, aber wenn wir uns nur auf diesen sichtbarsten Teil konzentrieren, erhalten wir kein vollständiges Bild. Aus diesem Grund sind wir zu einem Ansatz übergegangen, der auch die Analyse des Verhaltens im Informationsraum umfasst. Im Mittelpunkt des Ansatzes zur Aufdeckung, Analyse und zum Verständnis ausländischer Informationsmanipulation und -beeinflussung, einschließlich Desinformation (FIMI), steht eine sich ständig weiterentwickelnde Reihe von Strategien, Methoden und Abläufen (TTPs).

Erläuterung der Logik der TTPs:

Die Verwendung von TTPs zur Identifizierung und Analyse manipulativer Verhaltensmuster ist alles andere als neu. Angesichts ähnlicher Herausforderungen entwickelte die Gemeinschaft der Cyber- und Informationssicherheit im Jahr 2013 das Att&ck- Framework. Dieses stellt eine komplexe Herausforderung dar, indem es eine Struktur für die Organisation von gegnerischen TTPs bereitstellt, die es Analysten ermöglicht, gegnerische Verhaltensweisen zu kategorisieren und sie auf eine Weise zu kommunizieren, die für Verteidiger leicht verständlich und umsetzbar ist.

Auf der Grundlage des Att&ck-Frameworks hat die transatlantische DISARM-Stiftung  (in Zusammenarbeit mit Cognitive Security Collaborative, Alliance 4 Europe und vielen anderen) ein ähnliches Framework für Informationsmanipulation geschaffen – das DISARM-Framework. Es handelt sich um eine kostenlose und offene Ressource für die weltweite Gemeinschaft der Desinformationsgegner. Es ist nicht das einzige System auf dem Markt, aber es ist derzeit eines der fortschrittlichsten seiner Art. Vereinfacht ausgedrückt, bietet es eine einheitliche Standardsprache zur Beschreibung von Strategien, Methoden und Abläufen der Informationsmanipulation.

Beispiele für TTPS

Das DISARM-Framework fasst alle TTPs, von denen bekannt ist, dass sie bei Operationen zur Informationsmanipulation eingesetzt werden – derzeit etwa 250 – in einem leicht verständlichen System zusammen. Der Rahmen umfasst 12 taktische Schritte einer Informationsoperation, von der Planung der Strategie und der Ziele über die Entwicklung der Narrative und Inhalte bis hin zu einer abschließenden Bewertung.

Die TTPs, die in dem Framework abgebildet sind, decken alles ab, von bekannten Methoden (z. B. das Erstellen von gefälschten Konten, der Aufbau von Bot-Netzwerken, das Verbreiten von Verschwörungsnarrativen, der Einsatz von falschen Experten usw.) bis hin zu weniger bekannten Techniken (z. B. das Nutzen von Datenlücken, der Einsatz von Butterfly Attacks, Spamouflage usw.). Die Liste der TTPs im Framework ist bei weitem nicht endgültig, da bösartige Akteure immer wieder Innovationen entwickeln und sich die Bedrohungslage ständig weiterentwickelt. Dank der Tatsache, dass das DISARM-Framework ein offenes und gemeinsames Projekt ist, kann es leicht modifiziert werden, um mit den neuesten Erkenntnissen und Trends in der Informationsverarbeitung Schritt zu halten.

Es versteht sich von selbst, dass nicht alle Informationsoperationen alle Phasen umfassen, die in dem Framework aufgeführt sind, geschweige denn die rund 250 aufgelisteten TTPs. Die Idee des Frameworks ist es, ein vollständiges Bild zu zeichnen und vorzustellen, das wir dann zur Analyse und Systematisierung einer Informationsmanipulationsoperation verwenden können.

Die Analyse des Verhaltens bösartiger Akteure bedeutet keineswegs, dass der Inhalt von Informationsmanipulationsoperationen an Bedeutung verliert. Ganz im Gegenteil – wenn wir sowohl das Verhalten bösartiger Akteure als auch die bei ihren Operationen verwendeten Inhalte betrachten, erhalten wir ein viel besseres Verständnis der gesamten Bedrohungslage. Außerdem wird die Manipulation von Informationen – ein bekanntermaßen schwer zu fassendes Konzept – viel besser messbar, wenn man das Problem mit einem organisierten Bündel von TTPs angeht. Der zusätzliche Vorteil einer gemeinsamen Sprache mit klar definierten TTPs besteht darin, dass die Arbeit von Analysten weltweit vergleichbarer und interoperabler wird.

Wenn wir die Manipulation von Informationen als ein Verhaltensproblem betrachten, können wir gezielte, skalierbare und objektivere Maßnahmen ergreifen, die über die Sensibilisierung und die Entlarvung irreführender oder falscher Geschichten hinausgehen. Ein bösartiger Akteur, der die Informationsumgebung manipulieren will, muss bestimmte TTPs befolgen, die wir jetzt verstehen, erkennen und kostspieliger machen können, noch bevor reaktive Reaktionen notwendig werden.

Blödsinn erobert lärmend den Informationsraum

30/11/2020

Im Jahr 2018 haben wir bereits über eine besondere Art kremlfreundlicher Medieninhalte geschrieben: Infoshum.

Der Begriff Infoshum hat seinen Ursprung in dem international bekannten Begriff „weißes Rauschen“, also zufälliges und bedeutungsloses Rauschen, auch bekannt als „Informationsrauschen“. Es befindet sich in der Grauzone zwischen Information und Desinformation. Und wir haben Beweise dafür, dass es von kremlfreundlichen Medien aktiv vorangetrieben wird.

Ein wichtiger Begriff, der uns hilft, Infoshum zu verstehen, ist Blödsinn.

Interessanterweise gibt es tatsächlich eine Theorie des Blödsinns und sie hat Auswirkungen auf Desinformation.

Diese Theorie wurde in dem Buch „On Bullshit“ des Philosophen Harry Frankfurt dargelegt. Die allerersten Zeilen lauten:

„Eines der hervorstechendsten Merkmale unserer Kultur ist, dass es so viel Blödsinn gibt. Jeder weiß das.“

Gemäß Frankfurt ist Blödsinn etwas, das überzeugen soll, ohne sich überhaupt um die Wahrheit zu scheren. Diese Unbekümmertheit unterscheidet eine Person, die Blödsinn erzählt, von jemandem, der lügt. Der Blödsinnerzähler ist radikaler.

Menschen, die Lügen, kennen die Wahrheit und machen sich darüber Gedanken, und gerade deshalb versuchen sie, diese zu verbergen. Einer Person, die Blödsinn erzählt, ist es jedoch egal, ob sie die Wahrheit sagt oder lügt. Der Schwerpunkt liegt allein auf der Überzeugungskraft.

Frankfurt sagt nicht aus, dass es mehr Blödsinn in der Gesellschaft gibt als in der Vergangenheit. Stattdessen führt er an, dass alle Formen der Kommunikation zugenommen haben, wodurch ebenso mehr Blödsinn sichtbar wird.

Denken Sie einmal darüber nach. Frankfurt veröffentlichte dieses Buch 2005. Schon damals schrieb er über den weiter zunehmenden Blödsinn. Das war jedoch Jahre vor dem spektakulären Aufstieg der sozialen Medien. Im Jahr 2005 waren die wertvollsten Unternehmen der Welt noch im Öl- und Finanzbereich tätig, statt Informationen zu verarbeiten, und Facebook verfügte über magere 6 Millionen Nutzende, zumeist amerikanische College-Studierende.

Mit Blick ins Jahr 2020 ist der Blödsinn viel düsterer geworden, als selbst Frankfurt es möglicherweise jemals vorhergesagt hätte. Manchmal scheint es, als würden unsere Demokratien in Blödsinn ertrinken. Leider zeigt unsere Datenbank ziemlich viel Mist.

„Eines der hervorstechendsten Merkmale unserer Kultur ist, dass es so viel Blödsinn gibt. Jeder weiß das.“ Harry Frankfurt

Ein aktuelles und extravagantes Beispiel ist die Darstellung der Menschen in Dänemark als Zoophile.

Alexej Schurawlew, Mitglied des russischen Parlaments Duma, schimpfte in einer Fernsehsendung, in Dänemark wären Einrichtungen für zoophile Menschen eröffnet worden, die Personen besuchen können, um „eine Schildkröte zu vergewaltigen“. Das steht im Einklang mit früheren Narrativen, in denen die Dänen als zoophil dargestellt wurden. Es passt außerdem zu einem übergeordneten Narrativ über den moralischen Verfall des Westens.

Wir verfügen über weitere Beispiele. Was sollte man sonst von „der Zeit, als das russische Fernsehen behauptete, schwule Paare könnten ein echtes Baby auf einer Messe in Brüssel kaufen?“, oder als behauptet wurde, „der Europarat versuche, Männer und Frauen der russischen Delegation in 6 Geschlechter zu unterteilen” halten?

Besetzung des Informationsraums

Warum sollte jemand Blödsinn verbreiten? Letztendlich geht es darum, den Informationsraum zu besetzen.

Wie wir im Februar gemeldet haben, wurde vom Russischen Institut für strategische Studien, einer vom Kreml finanzierten Denkfabrik, eine Abhandlung veröffentlicht, die den Titel „Sicherung von Informationen für außenpolitische Zwecke im Kontext der digitalen Realität“ trug. In der Abhandlung wurde folgende Behauptung aufgestellt:

„Ein vorausschauend gestaltetes Narrativ, das den nationalen Interessen des Staates entspricht, kann die Auswirkungen der Aktivitäten ausländischer Kräfte im Informationsbereich erheblich verringern, da sie in der Regel versuchen, ‚Leerstellen‘ [im Informationsfluss] zu besetzen.“

Diese Strategie zeigt das Bestreben, die Aufmerksamkeit von einer bestimmten Wahrheit abzulenken. Wer diese Strategie anwendet, lügt also und erzählt nicht bloß Blödsinn.

Allerdings teilen der taktische Lügner und der Blödsinnerzähler eine gemeinsame Einstellung. Der Inhalt ist zweitrangig, das primäre Ziel ist die Überflutung des Informationssystems.

Aus diesem Blickwinkel sind selbst falsche Informationen, die nicht direkt schädlich zu sein scheinen, gefährlich, weil sie Raum einnehmen und die allgemeinen Bedingungen für die Wahrheitsfindung beeinträchtigen.

In dieser Hinsicht ist es an sich schon bezeichnend, dass in Russland fast die Hälfte aller politischen Gespräche auf Twitter von Bots geführt werden.

Forschende konnten nachweisen, dass dies auch bezüglich COVID-19 der Fall ist. Sie untersuchten mehr als 200 Millionen auf das Virus bezogene Tweets weltweit und kamen zu dem Schluss, dass seit Januar etwa 45 % der Tweets von Konten gesendet wurden, die sich eher wie computergesteuerte Roboter als wie Menschen verhalten.

Im Jahr 2018 hat Facebook 835 Millionen gefälschte Konten gelöscht – das sind fast zehn Prozent der Weltbevölkerung.

Steve Bannon hat bekanntlich einst gesagt: „Die Demokraten spielen keine Rolle. Die wahre Opposition sind die Medien. Und der Weg, mit ihnen fertig zu werden, ist, den Informationsraum mit Blödsinn zu überschwemmen.“

45 % der weltweit mehr als 200 Millionen Tweets über COVID-19 wurden von Konten gesendet, die sich wie computergesteuerte Roboter verhalten.

Die Falsifizierbarkeit von Blödsinn

Wenn man das Informationssystem überschwemmen will, ist Blödsinn ein gutes Hilfsmittel, denn er ist möglicherweise schwerer zu falsifizieren als eine Lüge.

Der bekannte Philosoph Karl Popper nannte dies Falsifizierbarkeit: die Fähigkeit, eine Behauptung durch Beweise zu widerlegen.

Zum Beispiel ist die Aussage „alle Schwäne sind weiß“ falsifizierbar. Man braucht nur einen schwarzen Schwan, um sie zu widerlegen.

Dagegen ist „dieses menschliche Verhalten ist selbstlos“ eine nicht falsifizierbare Aussage. Das liegt daran, dass wir keine Hilfsmittel besitzen, um zu entscheiden, ob eine Handlung aus Eigeninteresse zustande kommt oder nicht.

Im Kontext der Desinformation funktioniert es genauso.

Wenn Sie zum Beispiel das Narrativ, die BBC behaupte, Flug MH17 sei von einem ukrainischen Kampfjet abgeschossen worden, in den Raum stellen, kann das leicht widerlegt werden. Die Dokumentation wurde eindeutig falsch dargestellt.

Schwieriger wird es jedoch, die folgende Behauptung zu widerlegen: George Soros ist die treibende Kraft hinter einer Geheimgesellschaft, die Farbrevolutionen unterstützt. Ihre verborgene Absicht ist es, alle Nationalstaaten zu stürzen, um Platz für eine Weltregierung zu schaffen.

Sie kann nie vollständig widerlegt werden. Damit ist sie noch lange nicht wahr. Es deutet vielmehr stark darauf hin, dass wir es mit Blödsinn zu tun haben. Und wie wir wissen, ist Blödsinn nicht unschuldig.

Aber Moment mal, ist es nicht ein seltsamer Zufall, dass Soros ein Student von Karl Popper war?!?! Wirklich sehr seltsam ...

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Von Tanzvideos zu koordiniertem Playback zur Unterstützung des Krieges

01/04/2022

In sozialen Medien wird viel Desinformation verbreitet, auch in Konfliktzeiten. Mit über einer Milliarde Nutzenden weltweit stellt TikTok dabei keine Ausnahme dar. Die Plattform hat die Welt im Sturm erobert und gestattet es den Menschen, Teile des Krieges in Echtzeit zu verfolgen. Seit Russlands Invasion der Ukraine kommen auf TikTok immer mehr Videos vor, die vor Ort aufgenommen wurden: Kolonnen mit Militärfahrzeugen, Anleitungen, wie man einen verlassenen Panzer fährt, Tanzaufführungen auf dem Schlachtfeld, Kochrezepte aus Bunkern usw. Die andere Seite der Medaille sieht bedrohlicher aus: Auf TikTok wurden auch viele Videos mit Desinformation veröffentlicht, welche den „Sondereinsatz“ lobpreisen. Von selbst ernannten Kriegsexperten zu Kanälen, die Unterstützung vom Kreml erhalten – TikTok ist zum Nährboden für Kriegspropaganda geworden.

Von Desinformation zu Kriegspropaganda

In TikTok-Videos, die Unterstützung für die russische Invasion der Ukraine ausdrücken, wird häufig das toxische, kriegsbefürwortende Z verwendet und es werden Demonstrationen für den „Sondereinsatz“ gezeigt. Viele Videos rechtfertigen den „Sondereinsatz“ damit, dass die Russisch sprechende Bevölkerung im Donbas vor einem angeblichen „Genozid“ gerettet werden muss. Die russischen Soldaten werden als „Retter“ und „Verteidiger“ dargestellt, auf die die Menschen seit 2014 warten.

Bekannte kremlfreundliche Propagandisten äußern immer wieder irreführende Behauptungen, dass der „Sondereinsatz“ nur auf die ukrainische Militärinfrastruktur abzielt und dass von den USA finanzierte Labore in der Ukraine biologische Waffen entwickeln, um Russland anzugreifen. Andere Videos beschuldigen derweil die Ukraine, die Minsker Vereinbarungen nicht einzuhalten, und werfen der NATO, der EU und den USA vor, die Ukraine mit Atombomben zu bewaffnen, in Richtung Russland zu expandieren und sich in die innenpolitischen Angelegenheiten anderer Länder einzumischen.

Als Reaktion auf die nahezu einheitliche internationale Verurteilung der russischen Invasion der Ukraine liegt der Hashtag #мненестыдно [#Ichschämemichnicht] auf Twitter und TikTok im Trend. Viele TikTok-Videos beziehen sich auf Russlands Größe, oft im Vergleich zur UdSSR und das Russische Kaiserreich. Die Galionsfigur dieses Narrativs im kremlfreundlichen Desinformationsökosystem war Margarita Simonjan, die Chefredakteurin von RT. Sie reagierte auf #мненестыдно und das Narrativ und lamentierte dabei, dass sie sich einzig dafür schämt, dass sie [also die Russen] acht Jahre lang „nichts“ für den Donbas getan haben.

Die Rolle der Influencer

Ein Blogger erhob vor Kurzem den Vorwurf, dass russische Influencer koordiniert und angewiesen werden, dieses Skript so zu wiederholen. Neben den offensichtlichen Überschneidungen der Videos verleiht die Tatsache, dass alle entsprechenden Videos mittlerweile gelöscht wurden und sechs der 13 Kanäle, die diese Videos hochgeladen haben, ihre TikTok-ID geändert haben, dieser Behauptung Glaubwürdigkeit.

Doch das waren bei Weitem nicht die einzigen koordinierten Videos, die auf TikTok kursierten. Zahlreiche nahezu identische Videos werden von bekannten Influencern verbreitet, allesamt mit den gleichen Audioausschnitten, Hashtags und Filtern. Diese Kanäle – mit zehntausenden bis millionen Followern – sehen wie gewöhnliche TikTok-Konten aus, über die Menschen Pranks, Tanzvideos und lustige Inhalte teilen. Doch mit Beginn der Invasion der Ukraine begannen diese Kanäle, politisch orientierte Videos zu veröffentlichen.

In einer Reihe von Videos beginnt die Szene mit dem Protagonisten auf einem Knie. Die Person hält ein Schild mit „Russophobie“, „Donbas“, „Hassrede“, „Unterdrückung“, „Luhansk“, „Sanktionen“, „Informationskrieg“ und „Nationalismus“ auf Englisch hoch. Dann steht die Person auf und dreht das Schild. Auf der anderen Seite steht „Russian lives matter“ (russische Leben haben Wert). Alle Videos verwenden das gleiche Lied – ein Remix von Katjuscha – und den gleichen Filter mit der Mutter-Heimat-Statue in Wolgograd. Sie alle tragen die Bildunterschrift „Russian Lives Matter“ sowie den Hashtag #RLM. Verschiedene Influencer erstellten über zwanzig identische Videos (siehe hier, hier, hier und hier für Beispiele). Einige erhielten hunderttausende Interaktionen, Gefällt-mir-Angaben und Kommentare.

Könnte dieser Trend von einer tatsächlichen Basisinitiative vorangetrieben werden? Wohl kaum. Ein weiterer russischer Influencer teilte eine Geschichte auf seinem Instagram-Konto (siehe unten) mit einer Anfrage für ein Video mit klaren Anweisungen: „Der Blogger spielt einen Anwohner des Donbas, der 2014 überlebte [...]. Jetzt ist er sicher, denn die russischen Streitkräfte helfen den Volksrepubliken Donezk und Luhansk“. Die Nachricht enthält auch den Hashtag und einen Audioclip als Playback für das Video.

Eine schnelle Suche auf TikTok ergab, dass nach diesen Anweisungen mindestens zwei Videos (eines hier, ein weiteres wurde gelöscht) erstellt wurden. Darüber hinaus wurde eines der Videos von einem Influencer veröffentlicht, der auch die oben erwähnten identischen Texte der Skripte vortrug.

Gesponserte und bezahlte Inhalte sind auf TikTok üblich – und auch in anderen sozialen Medien. Dutzende Telegram-Kanäle bieten Nutzenden auf TikTok und Instagram Geld, um bestimmte Videos aufzunehmen. Insbesondere ein Kanal, MM-Media, kündigte (Anmerkung: diese und andere Links zu Beiträgen von MM-Media sind nur für Mitglieder des Kanals sichtbar, da der Kanal kürzlich auf privat umgestellt wurde) Ende Februar an, dass es viele Anfragen zu politischen Themen für ein „großes Projekt“ geben würde, mit „mehr Geld“ von „über 20 000 Rubel“ für ein Video. Die Inhaberin des Telegram-Kanals fordert TikTok-Blogger „mit über 5 Millionen Followern“ auf, sie anzuschreiben, wenn sie „Werbung für die Regierung“ machen wollen. Seitdem hat der Kanal mehrere Aufrufe zu politischen Themen an TikTok-Blogger mit mindestens 1,5 Mio., 5 Mio. und 10 Mio. Followern veröffentlicht. In einigen dieser Aufrufe wurde ein Beispiel als Referenz angegeben. Dutzende Videos, die diesen Anweisungen folgen, kursieren auf TikTok (hier, hier und hier als Beispiel). Bei einem anderen Aufruf wurden die Influencer aufgefordert, mit ihren Fingern ein Z zu zeigen. Erneut wurden viele Videos zu dieser Anfrage auf TikTok geteilt (hier, hier und hier als Beispiel). Vor Kurzem startete der Telegram-Kanal von MM-Media einen Aufruf an Englisch sprechende Blogger: Sie sollen Videos zum Thema „dumme Sanktionen“ erstellen.

Was die Zukunft bringt

Am 4. März kündigte TikTok an, dass Inhalte von staatlichen Medienkonten als solche gekennzeichnet werden sollen. Später kündigte es an, dass alle Beiträge und Live-Streams aus Russland eingestellt werden. Das Unternehmen kündigte außerdem an, dass alle nicht-russischen Inhalte in Russland blockiert werden, sodass ein Nutzer mit russischer IP-Adresse keine nicht-russischen TikTok-Inhalte mehr sehen kann. Diese Entscheidungen haben viele russische Nutzer von ausländischen Inhalten abgeschnitten.

Dennoch werden auf TikTok Tausende Videos zum Krieg in der Ukraine veröffentlicht. Die Gier nach Bekanntheit auf TikTok sorgt für Millionen Reaktionen und die Videos werden massiv weiter geteilt. Viele von ihnen kursieren in anderen sozialen Netzwerken, traditionellen Medienkanälen und selbst im Fernsehen. Es besteht zwar kein Zweifel daran, dass die meisten Videos auf TikTok authentisch sind und persönliche Meinungen ausdrücken, doch es bedarf mehr Aufmerksamkeit, dass Influencer dafür bezahlt werden, Videos aufzunehmen, die den „Sondereinsatz“ und den Kreml unterstützen.

Auf TikTok passt Krieg gut in eine virtuelle Welt, in der Gewalt heruntergespielt wird. All das für ein paar Rubel. Bei all dem spricht viel dafür, dass die Bedeutung von TikTok auf dem Informationsschlachtfeld in der nahen Zukunft noch weiter zunehmen wird.

Weitere Informationen

Die Schattenseite der Werbung: Erzwungene Geständnisse aus Belarus auf YouTube

04/06/2021

Um ein positives Bild von Belarus zu vermitteln und für einen regierungsfreundlichen Telegram-Kanal zu werben, nutzt der YouTube-Kanal „Belarus – das Land fürs Leben“ erzwungene Geständnisse von politischen Gefangenen als bezahlte Werbung.

 

Die wichtigsten Erkenntnisse:

Alles begann mit einem beunruhigenden Tweet. Tadeusz Giczan, der Chefredakteur des größten belarussischen Telegram-Kanals NEXTA_TV, schrieb, dass Geständnisvideos von Personen, die von der belarussischen Regierung gefangen genommen worden waren, als bezahlte Werbung auf YouTube genutzt werden, um für regierungsnahe Telegram-Kanäle zu werben.

Der Mann in dem Video-Screenshot ist Raman Pratassewitsch, nachdem er am 23. Mai 2021 nach der erzwungenen Umleitung eines RyanAir-Flugs von Athen nach Vilnius auf dem Flughafen Minsk verhaftet worden war.

Pratassewitsch arbeitete als Fotograf und Journalist und ist derzeit Chefredakteur der oppositionellen Telegram-Kanäle „Nexta“ und „Nexta Live“. Nach der manipulierten Präsidentschaftswahl im Jahr 2020 sammelten und veröffentlichten diese Kanäle Videos von Massenprotesten und machten die Inhalte weltweit zugänglich. Jetzt wird Pratassewitschs erzwungenes Geständnis mit dem Titel „Der Terrorist hat alles gestanden“ anscheinend dafür genutzt, Werbung für den regierungsfreundlichen Telegram-Kanal Yellow plums (@zheltyeslivy) zu machen.

Es ist außerdem wichtig zu berücksichtigen, dass dies nicht das erste Mal ist, dass solche erzwungenen Geständnisvideos veröffentlicht wurden.

 

Der Kanal

Der Kanal, der die Videos verbreitet, heißt Беларусь – страна для жизни oder „Belarus – das Land fürs Leben“. Erwähnenswert ist, dass das offizielle Werbevideo von Belarus aus dem Jahr 2015 (ebenfalls auf YouTube zu sehen) denselben Namen trägt.

 

Eine weitere Verbindung zum belarussischen Regime zeigt sich in der Wahl des Logos dieses Kanals, da es der belarussischen Präsidentenflagge ähnelt.

Der Bereich „Kanalinfo“ des Kanals gibt keinen Aufschluss darüber, wer hinter dem Kanal steckt. Den einzigen öffentlich zugänglichen Informationen zufolge hat der Kanal 1390 Abonnenten, und die Anzahl der Aufrufe überschreitet stolze 6 Millionen.

Und nicht zuletzt wurde der Kanal am 5. August 2020 erstellt. An eben diesem Tag wurde ein Video hochgeladen, das den rechtswidrigen Präsidenten Alexander Lukaschenko bei einer Rede zeigt. Nach den Präsidentschaftswahlen am 9. August zeigten die Videos gewalttätige Demonstranten mit der Frage: „Ist das friedlich?“. Ein weiterer Clip hetzte gegen die Opposition.

 

Die Verbreitung

Um zu sehen, wie viele Menschen diese Werbekampagne wahrgenommen haben, haben wir eine Google-Suche mit dem ID-Code des Kanals durchgeführt. Wir fanden heraus, dass die Videos, die von dem Kanal hochgeladen und dann als Werbung verbreitet wurden, in mehreren Telegram-Kanälen geteilt wurden. Wir fanden auch einen Beitrag, in dem beschrieben wurde, wie Nutzer früher Werbung für Shampoo- und Englischkurse sahen, danach aber mit regierungsfreundlichen Videoclips angesprochen wurden. Der Benutzer fragte sich ferner, warum die Moderatoren von YouTube solche Anzeigen erlaubten.

Wir fanden auch eine Telegram-Nachricht mit einem Screenshot des erzwungenen Geständnisvideos von Raman Pratassewitschs Partnerin Sofia Sapega, das als Werbemittel genutzt wurde. Das Video ist mit einem Wasserzeichen in russischer Sprache mit der Aufschrift Yellow Plums versehen, die Anzeige hat einen Hyperlink zum Telegram-Kanal von Yellow Plums und derselbe Kanal hatte auch dasselbe Geständnisvideo veröffentlicht.

Die Kommentare unter dem Screenshot sprechen darüber, wie Propagandisten den Staatshaushalt für derartige Werbung nutzen und ziehen einige historische Parallelen.

Die Kosten und Videos

Da keine öffentlich zugänglichen Informationen darüber vorliegen, auf wen diese Anzeigen abzielen, haben wir versucht, herauszufinden, wie viel es den Kanal kosten würde, solche Anzeigen zu schalten, wenn sie sich nur an ein Publikum in Belarus richten würden. So haben wir den Prozess der Erstellung einer YouTube-Werbeanzeige nachgeahmt, um die voraussichtlichen Kosten pro Aufruf zu erhalten. Wir fanden heraus, dass ein Aufruf in Belarus 0,01 Euro kostet.

Für Google Ads zählt es als Aufruf, wenn ein Nutzer mit der Anzeige interagiert, das heißt sie komplett oder mindestens 30 Sekunden lang anschaut. Dabei ist zu beachten, dass YouTube keine Informationen darüber veröffentlicht, wie viele der Aufrufe das Ergebnis von bezahlter Werbung waren.

 

Die Videos

Gemäß den oben genannten Informationen und den öffentlich sichtbaren 139 000 Aufrufen des Videos von Raman Pratassewitsch dürften die Werbekosten mindestens 1390 Euro betragen. Aber das ist nur der Mindestbetrag. Wie oben erwähnt, zählt YouTube nur dann einen Aufruf, wenn ein Nutzer das Video mindestens 30 Sekunden lang anschaut, berechnet dem Betreiber des Kanals aber jedes Mal 0,01 Euro, wenn ein Nutzer mindestens 4 Sekunden des Clips gesehen hat.

Was den gesamten Kanal anbelangt, so umfasste er am 2. Juni 55 Videos. Im beliebtesten Video ist der Rapper Seryoga zu sehen, der behauptet, dass in Belarus absoluter Frieden und Ordnung herrschten und die Infrastruktur im Land funktioniere. Der Clip verzeichnet 672 000 Aufrufe, 4 Shares und 12 Likes auf Facebook und ist laut dem Medienanalyse-Tool BuzzSumo eine Werbeanzeige.

Der Kanal enthält auch mehrere Videos über die belarussische Oppositionsführerin Swjatlana Zichanouskaja. Einer davon ist ein 12 Sekunden langer Zusammenschnitt verschiedener Clips, in denen sie sagt: „Der Frühling naht und wir wissen: Diejenigen, die sich der Gewalt gegen Belarussen schuldig gemacht haben ... Ich, Swjatlana Zichanouskaja, mein Team, meine Repräsentanten werden ins Gefängnis gehen und das ist keine Übertreibung.“ Die Beschreibung des Videos ist einfach: „Это конец Света“ oder „Dies ist das Ende, Sveta“. Das Video selbst hat 196 000 Aufrufe.

Auf der anderen Seite des Spektrums finden wir ein zweiminütiges Video, das den unrechtmäßigen belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko bei einer Rede zeigt, Demonstranten, die gegen die Polizei vorgehen, und einige lächelnde Babys. In der Videobeschreibung heißt es, dass es aussagekräftig, gefühlsbetont und aufbauend ist, und es hat 171 000 Aufrufe.

 

Die Zahlen

Die Gesamtzahl der Aufrufe des Kanals beträgt 6 279 000. Teilt man dies auf alle 55 hochgeladenen Videos auf, ergibt sich ein Durchschnitt von 114 164 Aufrufen.

Wendet man den gleichen Ansatz auf den YouTube-Kanal der belarussischen Informationsagentur BelTA an, so ergibt sich eine durchschnittliche Anzahl von 7 909 Aufrufen pro Video.

Außerdem sollte ein YouTube-Kanal mit nur 1390 Abonnenten üblicherweise weniger als 1000 Aufrufe für nicht beworbene Inhalte erhalten (was durch acht Videos mit weniger als 1000 Aufrufen belegt wird). Die Zahlen darüber und darunter zeigen, dass die Inhalte entweder viral waren oder es mehr Videos gab, die als Werbeanzeigen genutzt wurden. Letzteres würde bedeuten, dass jemand YouTube Zehntausende von Euro dafür bezahlt, die Kritiker des belarussischen Regimes anzugreifen, einen regierungsfreundlichen Telegram-Kanal zu bewerben, zu zeigen, dass in Belarus alles in Ordnung ist und dass der Präsident eine vertrauenswürdige Person ist.

Von den 55 vom Kanal hochgeladenen Videos konnte BuzzSumo Informationen über 14 sammeln. Während nur zwei davon als Werbeanzeigen gekennzeichnet wurden, lagen einige der anderen (insbesondere das erzwungene Geständnis von Pratassewitsch) sehr nahe an dem Grenzwert, den BuzzSumo zur Erkennung von Werbeanzeigen verwendet. Zu beachten ist auch, dass das Video von Sofia Sapega zwar 193 600 Aufrufe hat, aber keine Shares, Likes oder Kommentare auf Facebook, Twitter, Reddit oder Pinterest aufweist.

 

Die Telegram- und YouTube-Kanäle

Um auf den Tweet von Tadeusz Giczan und die Frage zurückzukommen, welche Rolle die belarussische Informationsagentur BelTA bei der Verwendung von Raman Pratassewitschs Video zur Propagierung des regierungsfreundlichen Telegram-Kanals Yellow Plums spielt, können wir uns nur darauf verlassen, dass Internetuser die Thematik diskutieren und Screenshots von Anzeigen mit sichtbaren Hyperlinks zu dem Kanal teilen.

Oberflächlich betrachtet steht der Yellow Plums Telegram-Kanal demnach nicht in Verbindung mit BelTA. Allerdings veröffentlicht der Kanal regelmäßig exklusives Material und persönliche Daten, zu denen nur die belarussischen Sondereinheiten Zugang haben. Er verbreitet außerdem eine Menge unmenschlicher, hochgradig giftiger Inhalte, nicht nur Propaganda an sich.

YouTube hat erklärt, dass es die erzwungenen Geständnisanzeigen entfernt hat. Aber der Schaden ist bereits angerichtet, die Videos von Raman Pratassewitsch und seiner Partnerin Sofia Sapega haben bereits 139 000 beziehungsweise 191 000 Aufrufe erhalten. Während die Werbeanzeigen gestoppt wurden, sind die Videos immer noch da, unter anderem einige, in denen die Opposition als Kriminelle und die Regierung als deren Opfer dargestellt werden. Und damit scheinen die Besitzer des Kanals in der Lage zu sein, die Community-Richtlinien von YouTube zu umgehen, in denen geregelt wird, was auf der Plattform nicht erlaubt ist.

Für einige mögen diese Videos eine scharfe Erinnerung daran sein, wie ihr Land mit unabhängigen Medien umgeht. Für andere sind sie eine Erinnerung an ein autoritäres Regime, das Steuergelder und das Internet für Lügen und die Manipulation seiner Bevölkerung nutzt. Und für einige sind diese Videos einfach nur Werbeanzeigen im Wert von 0,01 Euro pro Aufruf. Mal fünf, vielleicht sechs Millionen? Und das ist nur ein Kanal.

POSTSKRIPTUM: Am 3. Juni 2021 strahlte das belarussische Staatsfernsehen ONT einen weiteren Beitrag aus, der Raman Pratassewitsch in einem sogenannten „Interview“ zeigt, allerdings sollte der anderthalbstündige Beitrag eher als ein weiteres „Geiselvideo“ betrachtet werden, das eine Person zeigt, die von den belarussischen Staatsbehörden unter großen Druck gesetzt wird.

*Dieser Artikel wurde am 7. Juni 2021 aus Gründen der Klarheit überarbeitet.

Weitere Informationen

Wie man das Europäische Parlament dazu bringt, Russia Today zu lesen

09/10/2019

47 % der Artikel stammen von RT

„Monatliches Nachrichtenmagazin für das Europäische Parlament“?

EP Today: Eine Nachrichten-Website, die 99 % ihrer Artikel nicht selbst verfasst, sich an Entscheidungsträger in der EU wendet und die Öffentlichkeit über die Herkunft der meisten ihrer Inhalte in die Irre führt: Russia Today.

EP Today“ (Kurzform für “Europäisches Parlament heute”) ist ein selbsternanntes „monatliches Nachrichtenmagazin für das Europäische Parlament“. Mit einem Namen, der eines der wichtigsten Organe der Europäischen Union beinhaltet, und einem kursiven Logo mit 12 Sternen auf blauem Hintergrund, könnte man tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass es sich um eine seriöse Nachrichtenagentur handelt. Die 145 000 Facebook-Fans und eine durchschnittliche Zahl von 25 Artikeln pro Tag vervollständigen das Narrativ, dass es sich um einen etablierten, einflussreichen und informierten Bestandteil der EU-Politik handelt.

Problem: „EP Today“ verwendet den Namen des Europäischen Parlaments in irreführender Weise und ohne jegliche rechtliche Genehmigung.

Die Website, die Facebook-Seite und das Twitter-Konto suggerieren, dass „EP Today“ eine Verbindung zum Europäischen Parlament aufweist, was aber nicht der Fall ist. Das Europäische Parlament wandte sich wegen der unerlaubten Verwendung seines Namens im September diesen Jahres an „EP Today“ und schlug Möglichkeiten vor, die Situation zu bereinigen und die Irreführung der Öffentlichkeit zu beenden.

Auf der Seite „Über uns“, heißt es, dass „EP Today“ „ausschließlich für die Mitglieder des Europäischen Parlaments gedacht ist, um Artikel über Themen zu schreiben, die sie für aktuell wichtig halten und die die Aufmerksamkeit ihrer Amtskollegen und anderer politischer Entscheidungsträger erfordern“. [sic]

Mehr als 99 % der Artikel, die auf eptoday.com erscheinen, stammen jedoch nicht von „EP Today“. Seit dem 24. Oktober 2018 sind 47 % der Artikel wortwörtliche Kopien der Artikel von RT.com. Oft ist die gesamte Homepage mit exakten Kopien von RT-Artikeln gespickt. Derselbe Artikel kann sogar mehrmals auf derselben Seite erscheinen.

Wir haben alle verfügbaren 17 697 Artikel analysiert, die von eptoday.com unter der Rubrik „Nachrichten“ veröffentlicht wurden. Dieser Datensatz erstreckt sich über mehr als zwei Jahre, vom 6. April 2017 bis zum 23. August 2019. Wir fanden lediglich 25 Beiträge von Mitgliedern des Europäischen Parlaments oder anderen Entscheidungsträger zu einer Vielzahl von Themen, die in dieser Zeit veröffentlicht wurden. Das sind bloß 0,14 %. „EP Today“ ist eindeutig nicht „nur für die Mitglieder des Europäischen Parlaments“ bestimmt.

 

Täglich veröffentlichte Artikel auf eptoday.com. Die Veröffentlichung vor dem 24. Oktober 2018 weist einen hohen Automatisierungsgrad auf (30 bis maximal 50 Artikel pro Tag)

Täglich veröffentlichte Artikel auf eptoday.com. Die Veröffentlichung vor dem 24. Oktober 2018 weist einen hohen Automatisierungsgrad auf (30 bis maximal 50 Artikel pro Tag)

Die Website scheint eine Plattform für Lobbyarbeit zu sein, die sich als seriöse Nachrichtenquelle präsentiert und sich an Entscheidungsträger in der EU wendet. Das Konzept ist einfach: „EP Today“ bietet Publicity (bzw. eine Illusion davon) im Gegenzug für Aufmerksamkeit.

Für ein solches Angebot muss eine Website wie eine seriöse Nachrichtenagentur erscheinen, die regelmäßig relevante Inhalte bietet, die viel Publikum anlocken. Wenn „EP Today mit seinem wichtigsten Personal aus Brüssel heraus agiert“ [sic], aber lediglich eine Postfachadresse in Brüssel hat, ohne Redaktionsmitglieder auf LinkedIn oder Twitter, und allen 4 Administratoren für Facebook-Seiten in Indien, ist es schwierig, genügend relevante Inhalte bereitzustellen, um als attraktives Medium für Beiträge von Entscheidungsträgern zu wirken. Die Antwort auf die Frage, wie man größer, aktiver und nicht wie eine Ein-Themen-Lobbygruppe auftreten kann, lautet: Inhalts-Syndikation.

Die Syndikation von Inhalten stellt Inhalte einer Website für andere Websites zur Verfügung. Wikipedia erklärt die Motivation dahinter: Websites, die Inhalte anderer Seiten erneut veröffentlichen (abonnierende Websites) werden für die Leserschaft interessanter, während Websites, die Inhalte zur Veröffentlichung bereitstellen (anbietende Websites) im Wesentlichen von kostenloser Werbung profitieren.

Seit dem 24. Oktober 2018 nutzt EP Today eine Vielzahl von Quellen, um automatisch Inhalte auf seiner Website bereitzustellen. Vor dem 24. Oktober wurde nur „Voice of America“ verbreitet, später RT.com zusammen mit einer Reihe von EU-Quellen.

Seit dem 24. Oktober 2018 nutzt EP Today eine Vielzahl von Quellen, um automatisch Inhalte auf seiner Website bereitzustellen. Vor dem 24. Oktober wurde nur „Voice of America“ verbreitet, später RT.com zusammen mit einer Reihe von EU-Quellen.

Vor dem 24. Oktober 2018 syndizierte „EP Today“ exklusiv „Voice of America“ (VOA). Bis zu 50 Artikel pro Tag wurden automatisch eingebettet, was dazu führte, dass mehr als 99 % der „EP Today“-Inhalte von VOA stammten. Wie kam 2018 der Wechsel von einem syndizierten Medium zum anderen zustande und vor welchem Hintergrund wurden diese ausgewählt?

Ein Grund dafür könnte sein, dass RT.com, weltweit auf Platz 299 bei Alexa, eine größere internationale Leserschaft hat als voanews.com, das Alexa derzeit weltweit auf Platz 2831 sieht. Doch es gibt viele andere Nachrichtenkanäle, die viel höher im Ranking stehen und für das EU-Publikum, das „EP Today“ anspricht, relevanter sind.

Sowohl „Voice of America“ als auch „Russia Today“ bieten sehr freizügige Nutzungsbedingungen, die die Wiederverwendung ihrer Inhalte auf anderen Websites ausdrücklich erlauben. Während zum Beispiel bbc.com, weltweit auf Platz 81, eine Einzelfallgenehmigung für die Einbettung seiner Inhalte benötigt, ist der Inhalt von „Voice of America“ lizenzfrei und kann daher wiederverwendet werden – allerdings gelten Ausnahmen für Inhalte, die nicht von ihnen selbst produziert wurden. RT.com geht sogar so weit, dass es „die freie Wiederverwendung seiner Materialien für nicht-kommerzielle Zwecke fördert“, unter der Bedingung, dass ein Link zur Originalseite bereitgestellt wird. VOA verlangt lediglich, dass die abonnierten Websites seinen Namen nennen.

Soziale Medien interessieren sich nicht für die Namensnennung

„EP Today“ verfügt über mindestens ein Twitter-Profil mit fast 6 000 Followern und eine Facebook-Seite mit 145 000 Followern.

Unten sehen Sie den genauen Moment vor und nach dem Wechsel von VOA zu RT auf dem Twitter-Profil von „EP Today“. Ohne Ankündigung oder Transparenz wirbt das Twitter-Konto plötzlich für RT-Nachrichten. Ironischerweise während der Debatte über den INF-Vertrag. Der letzte VOA-Artikel unter @eptoday beleuchtet die beiden Seiten der Debatte, während der erste Artikel von RT die Vereinigten Staaten als nach der Weltherrschaft strebend verurteilt. Ein bemerkenswerter Wechsel in Ton und Perspektive.

 

Für die 6 000 Follower fand dieser Wechsel unsichtbar statt, da Twitter nicht die Originalquelle des Artikels anzeigt, sondern nur die bereitstellende Website: eptoday.com.

Eine ähnliche „Informationswäsche“ von RT-Inhalten konnten wir in den USA, Deutschland und Belarus beobachten. Das Ergebnis (und manchmal auch das Ziel) ist immer eine Irreführung der Leserschaft.

Weitere Informationen

Filmemacher fälscht Fälschung

30/09/2020

DESINFORMATION: Die Bilder von den in Belarus protestierenden Menschenansammlungen wurden am Computer erstellt

FAKTEN: Das Bild wurde von dem Filmemacher Nikita Michalkow gefälscht, um zu beweisen, dass gefälschte Bilder verwendet werden, um im Hinblick auf die Anzahl der Demonstranten in Belarus zu übertreiben.

LINKS: Das Bild, das in der Fernsehsendung von Michalkow gezeigt wurde

RECHTS: Das Originalbild

Es ist gefälscht, gefälscht, gefälscht! Der Filmemacher Nikita Michalkow ließ sein Publikum nicht im Zweifel darüber, dass die riesige Menge der Demonstrierenden in Belarus nichts anderes als am Computer erstellte Bilder waren. Die Bilder, auf denen angeblich „riesige Menschenansammlungen“ zu sehen sind, wurden gefälscht – „vertrauen Sie mir“, sagte Michalkow, „ich bin ein Profi“.

An der Professionalität von Herrn Michalkow kann niemand zweifeln. Er ist sicherlich einer der international anerkanntesten Filmschaffenden Russlands. Sein Gesamtwerk ist beeindruckend: Seit seinem Debüt Mitte der 1970er Jahre wurden seine Filme auf den internationalen Filmfestspielen in Cannes, Venedig und Berlin ausgezeichnet. 1995 gewann er einen Oscar für „Die Sonne, die uns täuscht“, eine Geschichte, die zu Zeiten Stalins spielt und in der er selbst die Hauptrolle eines sowjetischen Offiziers spielt, der bei den Kreml-Machthabern in Ungnade gefallen ist. Ein großartiges Kunstwerk; ein großartiger Spielfilm.

Der Heilige

Michalkow ist weiterhin ein hervorragender Geschichtenerzähler und moderiert eine YouTube-Show namens „Besogon“ – der Titel spielt auf die Vertreibung von Dämonen an. Am 28. September ehrt die russische Kirche einen Heiligen aus dem 4. Jahrhundert mit dem Namen Nikita Besogon (in westlicher Tradition: Niketas der Gote). Michailow hat die Ikone von Nikita Besogon als Markenzeichen angemeldet.

Die Fernsehsendung Michalkows wurde früher im russischen Staatsfernsehen ausgestrahlt, jedoch abgesetzt, als der Moderator ein wenig zu weit ging und Impfgegner-Verschwörungstheorien verbreitete und behauptete, der Milliardär Bill Gates wolle die Menschheit unter dem Deckmantel der Impfung mit Mikrochips versehen. Peng, und die Sendung wurde abgesetzt. Schließlich investiert Russland sehr viel in die Werbung für einen COVID-19-Impfstoff auf dem Weltmarkt. Lügen ist in Ordnung, Verschwörungstheorien zu verbreiten – kein Problem ... aber potenzielle Gewinne zu schmälern – da zieht der Kreml eine Grenze.

Der Erlöser

Unbeirrt hat Michalkow seine Show fortgesetzt, die jetzt auf YouTube zu sehen ist, die Sendung vom 12. September war der Situation in Belarus gewidmet. Michalkow tritt entschieden für Lukaschenko ein.

Er hat das Land gerettet. Er hat das Land wirklich gerettet ... Er war stark, jung, charismatisch. Ich habe Belarus und seine Dörfer mit gepflasterten Straßen gesehen, mit funktionierendem elektrischem Licht überall ... Ein wunderbarer Eindruck von enormem Wohlstand ...

Michalkow zeigt Bilder von schönen, aufgeräumten Dörfern und deutet damit an, dass nur Alexander Lukaschenko in der Lage ist, Belarus auf dem Land mit gepflasterten Straßen und Strom zu versorgen. Wie kann jemand unglücklich sein, wenn es Strom gibt? Michalkow meint, dass trotz der Bilder von großen Menschenmengen nicht viele Menschen in Belarus protestieren:

Sehen Sie sich diese Bilder an. Eine riesige Menschenmenge! Aber sehen Sie sich die Abstände zwischen den Menschen auf dem Bild an! Es ist unmöglich, dass eine solche Menschenmenge solche Abstände zwischen den Beinen der Menschen haben kann. Es sollte überhaupt kein Platz vorhanden sein. Erste, zweite, dritte Reihe ... Das ist offensichtlich Computergrafik. Und hier ein noch deutlicheres Beispiel: Unabhängigkeitsplatz in Minsk. So sieht es in „Friedenszeiten“ aus. Und sehen Sie hier, wie voll er bei einer Demonstration ist: Sehen Sie, wie sogar die Glaskuppel des Brunnens voller Menschen ist. Das ist unmöglich! Es ist gefälscht, gefälscht! „Nun gut, dann soll es wohl so sein! Das Volk wird es verdauen!“

Der Sünder

Michalkow demonstriert pädagogisch verfälschte Bilder, und er lügt nicht. Das Bild vom Unabhängigkeitsplatz in Minsk ist mit Sicherheit gefälscht. Und mit einem sichtbaren Logo des oppositionellen NEXTA-Kanals. Gefälscht! Gefälscht!

Einziges Problem: Der NEXTA-Telegram-Kanal hat das gefälschte Bild nicht gesendet, sondern die Sendung von Michalkow. Und das nicht sehr professionell, muss man sagen. Die Fälschung wurde von russischen Journalisten aufgedeckt, sie verglichen das von NEXTA veröffentlichte Originalbild mit dem Bild, das der Oscar-Preisträger Michalkow – völlig zurecht – als gefälscht darstellt.

Fiktion in der Kunst kann etwas Schönes sein, und Fiktion kann Wahrheit vermitteln. Aber für Lügen und Fälschungen wird es keine Oscars geben.

Weitere Informationen

Das Kremlfreundlichee Medienökosystem

Russlands Versuche, den Informationsraum zu desinformieren und zu manipulieren, sind eine globale Operation. Es handelt sich um ein Ökosystem staatlich finanzierter weltweiter Nachrichtenübermittlungen, in dem Vertreter des Regimes im Einklang mit den Medien, Organisationen, Offline- und Online-Vertretern und sogar der orthodoxen Kirche sprechen. Es handelt sich um ein ausgeklügeltes System, das eine breite Palette von Strategien, Methoden und Abläufen einsetzt und in Dutzenden von Sprachen spricht – durchweg mit dem Ziel, Zwietracht zu säen, das Publikum zu manipulieren und die Demokratie zu untergraben.

EUvsDisinfo verfolgt Russlands Desinformation schon seit Jahren. Wir sind besser darin geworden, Manipulationsversuche zu erkennen und darauf zu reagieren. Es gibt inzwischen handfeste Beweise für Desinformation und Manipulation. Nichtsdestotrotz versucht Russland weiterhin zu manipulieren und Chaos zu stiften. Und andere Akteure folgen diesem Beispiel oder entwickeln, wie im Falle Chinas, ihre eigenen Methoden der Informationsmanipulation und Einmischung, einschließlich Desinformation.

Das Ökosystem besteht aus fünf Hauptpfeilern:

  1. offizielle Mitteilungen der Regierung;
  2. staatlich finanzierte globale Nachrichtenübermittlung;
  3. der Ausbau von Proxy-Quellen;
  4. Einsatz von sozialen Median als Waffe; und
  5. cybergestützte Informationsmanipulation.

Das Ökosystem spiegelt sowohl die Quellen der Informationsmanipulation und Desinformation als auch die Taktiken dieser Kanäle wider.

[GEC, Fünf-Säulen-Bild https://www.state.gov/wp-content/uploads/2020/08/Pillars-of-Russia%E2%80%99s-Disinformation-and-Propaganda-Ecosystem_08-04-20.pdf]

RT und Sputnik

Die wichtigsten Instrumente, mit denen die Desinformationen des Kremls einem Publikum außerhalb Russlands nahegebracht werden, sind RT (in über 100 Ländern und online verfügbar) und Sputnik (eine „Nachrichten“-Website in über 30 Sprachen). Beide Kanäle werden staatlich finanziert und staatlich gelenkt. Mit einem Jahresbudget von mehreren Hundert Millionen Dollar besteht die Hauptaufgabe von RT und Sputnik in der Verbreitung von Desinformation und Propaganda-Narrativen über ihre eigenen Kanäle, Websites und zahlreichen Konten in den sozialen Medien (die jetzt in der EU aufgrund von Sanktionen im Zusammenhang mit Russlands Aggression gegen die Ukraine gesperrt sind).

RT und Sputnik interagieren auch mit anderen Säulen des Ökosystems. Sie verbreiten Inhalte des Kremls und von kremlnahen Proxy-Sites, nutzen soziale Medien, um so viele Zielgruppen wie möglich zu erreichen, und veröffentlichen cybergestützte Desinformation.

Beide Kanäle versuchen, sich mit großen unabhängigen und professionellen internationalen Medien gleichzusetzen. Sie haben versucht, auf diese Weise sowohl ihre Reichweite als auch ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Das ist auch der Grund, warum sie jede Kritik an ihnen entweder als Russophobie oder als Verstoß gegen die Medienfreiheit darstellen. Das Gleiche gilt für zahlreiche Fälle von Strafmaßnahmen und EU-Sanktionen, die RT vor dem Europäischen Gerichtshof zu bekämpfen versuchte, dabei aber scheiterte.

Darüber hinaus haben diese Kanäle keine redaktionelle Unabhängigkeit – und streben sie auch nicht an – und werden vom Kreml angewiesen, worüber und wie sie berichten sollen.

In Wirklichkeit unterscheiden sich die Organisationsstrukturen und Ziele von RT und Sputnik grundlegend von denen unabhängiger Medien. RT wurde in eine offizielle Liste von Kernorganisationen mit strategischer Bedeutung für Russland aufgenommen. Margarita Simonyan, die Chefredakteurin von RT, definiert die Aufgabe des Kanals unter militärischen Gesichtspunkten und setzt öffentlich die Notwendigkeit von RT mit der Notwendigkeit eines Verteidigungsministeriums gleich. Simonyan stellte auch klar, dass die Aufgabe von RT darin besteht, dem russischen Staat als „Informationswaffe“ in Zeiten des Konflikts zu dienen.

Die Fangarme werden ausgestreckt

Die Fangarme des Kremls im Informationsraum gehen weit über RT und Sputnik hinaus. RT ist mit Rossiya Segodnya durch Margarita Simonyan, die Chefredakteurin von RT und Rossiya Segodnya, verbunden. Darüber hinaus wurde TV-Novosti, die Muttergesellschaft von RT, von RIA Novosti gegründet. Die Rechte des Gründers von RIA Novosti wurden 2013 durch eine Präsidialverfügung auf Rossiya Segodnya übertragen. Übrigens wurde Dmitry Kiselyov, der Chef von Rossiya Segodnya, bereits 2014 von der EU sanktioniert wegen seiner Rolle als „zentrale Figur der Regierungspropaganda zur Unterstützung des Einsatzes russischer Streitkräfte in der Ukraine“.

Öffentliche Aufzeichnungen zeigen, dass einige Mitarbeiter sowohl für RT als auch für Rossiya Segodnya arbeiten, obwohl die beiden Organisationen behaupten, getrennt zu sein. In einigen Fällen haben Mitarbeiter von Rossiya Segodnya gleichzeitig für andere, dem Kreml nahestehende Nachrichtenagenturen gearbeitet.

Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt eine gut dokumentierte Verbindung zwischen RT und anderen Säulen des russischen Desinformations-Ökosystems: eine Sammlung offizieller, stellvertretender und nicht autorisierter Kommunikationskanäle und Plattformen, die Russland nutzt, um Narrative zu schaffen und zu verstärken. Dazu gehören unter anderem:

  • audiovisuelle Dienste wie Ruptly (Tochtergesellschaft von RT);
  • Redfish, ein Medien kollektiv;
  • Maffick Media, ein Unternehmen, das verschiedene Fernsehsendungen anbietet (im Besitz von Ruptly);
  • ICYMI und In The Now, TV-Kanäle für soziale Medien;
  • eine Reihe von Websites, von denen einige mit russischen Geheimdiensten in Verbindung stehen, wie z. B. News Front, South Front, InfoRos, und die Strategic Culture Foundation;
  • die Internet Research Agency, eine Troll-Farm, die mit Yevgeniy Prigozhin verbunden ist, der auch hinter der Wagner-Gruppe, eine russische Söldnerorganisation, steht;
  • Hunderte von unechten Konten und Seiten auf verschiedenen Social Media-Plattformen (Beispiele von Facebook und Instagram, Twitter: hier und hier);
  • Russische TV-Kanäle, die auch über Satellit in verschiedenen Teilen der Welt verfügbar sind;

... und viele, viele, viele mehr.

Ein besonderer Platz auf dieser Liste ist für Medien reserviert, die mit dem belarussischen Regime in Verbindung stehen und von diesem geleitet werden, und die nun in Abstimmung mit dem russischen Ökosystem handeln (Beispiele hier, hier und hier).

[Bild von Clint Watts: https://miburo.substack.com/p/russias-propaganda-and-disinformation]

In Russlands Ökosystem der Desinformation und Informationsmanipulation geht es darum, Desinformation und Propaganda laut von allen Dächern zu rufen und Desinformation so weit wie möglich zu verbreiten, indem verschiedene Strategien, Methoden und Abläufe eingesetzt werden.

DIE MANIPULATIONSKANÄLE DES KREMLS: SIEBEN DINGE, DIE SIE ÜBER RT UND SPUTNIK WISSEN SOLLTEN

04/03/2022

Die Europäische Union hat Sanktionen gegen die Manipulationskanäle des Kremls verhängt: Sputnik und RT. Deren EU-weite Sendetätigkeit wurde umgehend ausgesetzt, bis die Aggression des Kremls gegen die Ukraine ein Ende hat, und Russland seine Propaganda und Manipulationen gegen die EU und ihre Mitgliedstaaten einstellt.

Das sind außergewöhnliche, gezielte und befristete Maßnahmen, die in einem sehr spezifischen, beispiellosen Kontext – der militärischen Aggression Russlands gegen die Ukraine – ergriffen werden.

Sie sind weder „Zensur“ noch „grundsätzliches Verbot“, sondern zielen auf Ausgewogenheit ab: Sie achten die Grundrechte und beschränken sie nur verhältnismäßig im Rahmen der gesetzlichen Sanktionsregelung. Sie sind Teil der EU-Reaktion auf eine eindeutige Bedrohung von Frieden und Sicherheit in Europa.

Die EU-Sanktionen hindern die Mitarbeiter/innen dieser Sender nicht an der Ausübung ihrer Tätigkeit. Allerdings haben weltweit nicht wenige RT-Mitarbeiter/innen im Zuge der russischen Invasion in der Ukraine von sich aus gekündigt.

Die EU-Sanktionen gegen RT und Sputnik bewirken eine vorübergehende Aussetzung von Rundfunk- oder Senderechten, um die Instrumente des Kreml-Informationskriegs zu beschneiden – jetzt, wo der Kreml einen brutalen Krieg gegen die Ukraine führt.

RT und Sputnik mögen wie internationale Sender aussehen oder klingen, sind es aber nicht. Sie verfolgen ein übergeordnetes Ziel: die Kreml-Politik im Ausland durch Propaganda und Manipulation salonfähig zu machen und zu unterstützen. RT und Sputnik zielen ebenso wie ihre Social-Media-Ableger darauf ab, zu spalten und zu polarisieren, das Demokratieverständnis zu untergraben, Fakten zu Völkerrechtsverstößen des Kremls zu verschleiern und Putins Krieg zu unterstützen.

 

Sieben Dinge, die Sie über RT und Sputnik wissen sollten:

RT und Sputnik sind keine Sender, sondern Manipulationskanäle des Kremls.

RT hat seinen Sendeauftrag mit militärischen Begriffen definiert. Chefredakteurin Margarita Simonjan verglich den Stellenwert von RT öffentlich mit der Notwendigkeit eines russischen Verteidigungsministeriums. Glaubt man ihr, kann RT mit der „Informationswaffe“ einen „Informationskrieg gegen die gesamte westliche Welt führen“. RTs Strategie ist es, ein Publikum zu „erobern“ und zu „vergrößern“, um in „kritischen Momenten“ darauf zugreifen zu können.

RT wird in einem offiziellen Verzeichnis der zentralen Organisationen geführt, die für Russland von strategischer Bedeutung sind. Sputnik wurde per Präsidialdekret mit dem Ziel gegründet, „über die staatliche Politik Russlands im Ausland zu berichten.“ Jahr für Jahr erhält RT Millionen von Rubeln vom russischen Staat. So wurden im Entwurf des russischen Staatshaushalts für 2020 fast 23 Mrd. Rubel zum damaligen Wert von 325 Mio. EUR für RT vorgemerkt. Das russische Gesamtbudget für Staatsmedien betrug 2021 fast 1,3 Mrd. EUR.

 

RT und Sputnik sind nicht objektiv — und wollen es auch gar nicht sein.

Unabhängige journalistische Recherchen zeigen, dass RT- und Sputnik-Chefredakteurin Margarita Simonjan eine zentrale Rolle im Medienkontrollnetz spielt; dieses schreibt staatlich kontrollierten Medien vor, worüber sie berichten dürfen — und worüber nicht. Sie räumte ein, per „gelbem Telefon“ direkt und abhörsicher mit dem Kreml verbunden zu sein.

Sie unterstützt die Einschränkung des Zugangs zu Informationen in Russland durch das Verbot ausländischer Social Media und bekundete ihre Sympathie für das brutale Vorgehen des Lukaschenko-Regimes gegen belarussische Journalisten.

Der 2014 von der EU mit Sanktionen belegte Generaldirektor von „Rossija Sewodnja“, Dmitri Kisseljow, ließ seine Mitarbeiter wissen, dass „die Zeit des unparteiischen Journalismus vorbei“ und „Objektivität ein Mythos“ sei.

 

RT stellt zwar Personal mit journalistischem Hintergrund ein, hält sich aber NICHT an internationale journalistische Standards.

RT hat der Kreml-Agenda im Westen unter dem Deckmantel des „alternativen“ Journalismus als Gegengewicht zu den angeblich voreingenommenen „Massenmedien“ gedient. Auftritte westlicher Politiker, Hochschullehrer, Journalisten und anderer Prominenter sollten der eigenen Glaubwürdigkeit dienen. Das Leitartikel-Format wird regelmäßig ausgenutzt, um Desinformation als „Meinung“ zu verkaufen .

Aber das ist genau der Punkt – RT kann sein grundlegendes Manko an öffentlicher Rechenschaftspflicht, Transparenz und redaktioneller Unabhängigkeit nicht verbergen. Entgegen internationalen Medienstandards, denen sich öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten weltweit verschrieben haben, ist RT undurchsichtig in puncto Budget, Aufsichtsstruktur und Aufsichtsmechanismen.

 

RT und Sputnik sind Teil eines größeren Desinformations-Ökosystems.

Die Verbindung zwischen RT und Sputnik und anderen Säulen des russischen Desinformations-Ökosystems ist eindrucksvoll belegt. Es handelt sich um eine Reihe offizieller, öffiziöser und dunkler Kommunikationskanäle und -plattformen, die der Kreml nutzt, um irreführende und manipulative Narrative zu schaffen und zu verbreiten.

RT und Sputnik begünstigen und beteiligen sich an Manipulation über das Internet, auch an solchen, die dem russischen Militärnachrichtendienst GRU zugeschrieben wurden.

 

RT instrumentalisiert Online- und Soziale Medien, um ein globales Publikum zu erreichen

RT wird am besten nicht als Fernsehsender mit Präsenz in den sozialen Medien verstanden, sondern eher als ein Social-Media-Betrieb von professionellem TV-Format. Laut einer Studie der britischen Medienbehörde Ofcom von 2018 rangierte RT „bei Erwachsenen, die Fernsehen zu Nachrichtenzwecken nutzen“, mit 2 % des Gesamtzuschaueranteils in puncto Beliebtheit an vorletzter Stelle.

In den sozialen Medien erlangt RT eine weitaus größere Reichweite. Anfang 2020 prahlte RT mit 10 Milliarden Aufrufen auf mehreren YouTube-Kanälen. RTs Social-Media-Massenzulauf wurde jedoch von internationalen Medien und russischen Aktivisten bezweifelt. Untersuchungen ergaben, dass RT die Online-Zuschauerzahlen künstlich in die Höhe getrieben hat, um als Medienbetrieb mehr Bekanntheit und Bedeutung zu erlangen.

RT wollte aktiv den Informationsraum in der EU mit unzähligen Artikeln zu Themen besetzen, die für den Kreml von zentraler Bedeutung sind — wie etwa die Verschleierung von Fakten zur Vergiftung von Alexei Nawalny. Mit sensationsheischenden, irreführenden Überschriften versucht RT, Diskussionen in den sozialen Medien anzuheizen. Laxe Urheberrechte haben ein gefährliches Ökosystem entstehen lassen, in dem RT-Inhalte – absichtlich oder unabsichtlich – leicht über Proxy-Websites verstärkt werden können.

Im Laufe der Jahre sind mehrere Ableger von RT entstanden, die speziell auf die Verbreitung in den sozialen Medien zugeschnitten sind, und deren Unterhaltungsinhalte mit der „russischen Sicht der Dinge“ garniert wurden. Hinter den Rauchglasscheiben seiner Tochtergesellschaften schneidert RT seine Botschaften auf die verschiedenen Zielgruppen zu. RT und seine Satellitenkanäle haben alles dafür getan, um ihre Verbindungen untereinander und zum russischen Staat zu verschleiern.

 

RT steckte vorher schon in Schwierigkeiten.

Die EU-Sanktionen gegen RT und Sputnik sind außergewöhnliche, gezielte und befristete Maßnahmen, die in einem sehr spezifischen, beispiellosen Kontext – der militärischen Aggression Russlands gegen die Ukraine – ergriffen wurden. Das Sprachrohr des Kremls hatte aber schon vorher Probleme.

In der Ukraine ist RT seit 2014 verboten — und für Deutschland hat RT nie eine Sendelizenz erhalten. 2019 warnte der Deutsche Journalisten-Verband die Landesmedienanstalten mit den Worten „Russia Today ist für uns kein Informationsmedium, sondern ein Propagandainstrument des Kreml.“ RT DE versuchte, die deutschen Vorschriften zu umgehen und eine Sendelizenz in Luxemburg zu erhalten, aber auch die dortigen Regulierungsbehörden lehnten den Antrag ab. Nachdem RT DE versucht hatte, Ende 2021 ohne gültige Lizenz in Deutschland auf Sendung zu gehen, wurde seine Sendetätigkeit von der Kommission für Zulassung und Aufsicht der Medienanstalten ausgesetzt.

RT wurde in Lettland, Litauen und Estland verboten. In den USA musste sich RT als ausländischer Agent registrieren lassen. Die britische Medienbehörde Ofcom stufte die Sende-Inhalte von RT als „sachlich irreführend“ ein und verhängte 2019 eine Geldbuße in Höhe von 200 000 £. Im Februar 2022 leitete Ofcom 15 neue Untersuchungen zur Unparteilichkeit der Nachrichtenprogramme von RT ein. Auch die französische Rundfunkaufsichtsbehörde hat RT abgemahnt.

 

RT und Sputnik haben maßgeblich dazu beigetragen, die militärische Aggression Russlands gegen die Ukraine zu thematisieren und zu unterstützen.

RT und Sputnik pflegen kräftig ihre Lügen-Narrative zur Herabwürdigung der Ukraine und versuchen so, Putins Krieg zu rechtfertigen und Unterstützung dafür zu mobilisieren. Und das tun sie seit Jahren – so 2016, 2017, 2018, 2019, 2020, 2021, 2022

2021 rief RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan bei einer Konferenz in Donezk „Mütterchen Russland“ dazu auf, „den Donbass heimzuholen“ und forderte damit wörtlich die Verletzung der territorialen Unversehrtheit der Ukraine.

Nur wenige Wochen vor Putins Angriffsbefehl stachelte RT seine Zuschauer auf mit der Behauptung, „die Ukrainer dürste es nach russischem Blut“.

Während russische Raketen auf ukrainische Städte fallen, verbreiten RT und Sputnik weiterhin Verschwörungsideologien und verschleiern so die wahre Natur und das wahre Ausmaß von Putins Krieg gegen die Ukraine.

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Chefredakteurin: RT ist wie ein „Verteidigungsministerium“

15/01/2018

Mangelnde Offenheit über die Art des Kanals, den sie im Namen der russischen Regierung leitet, kann man Margarita Simonjan, der Chefredakteurin von RT (Russia Today), nicht vorwerfen. Laut ihren eigenen Worten wird RT „aus denselben Gründen [benötigt], aus denen ein Land ein Verteidigungsministerium braucht“. RT ist in der Lage, mithilfe der „Informationswaffe“ einen „Informationskrieg gegen die gesamte westliche Welt zu führen“, so Simonjan. Ihren Worten zufolge ist das strategische Ziel von RT, zu „erobern“ und „sich eine Zielgruppe zu schaffen“, um den Zugang zu dieser in „kritischen Momenten“ nutzen zu können.

Office of Communications: RT ist unfair und parteiisch

Simonjans Aussagen wurden für einen aktuellen Artikel des Digital Forensic Research Lab des Atlantic Council ins Englische übersetzt. Das DFRLab zog zwei Interviews heran, die Simonjan 2012 der russischen Tageszeitung Kommersant bzw. 2013 dem russischen Online-Nachrichtenportal Lenta gab. Die allgemeine Botschaft der Chefredakteurin – dass die Mission von RT darin besteht, Information und Kommunikation für Zwecke zu nutzen, die üblicherweise dem Militär überlassen werden – entspricht Aussagen mit ähnlicher Transparenz, die von hohen politischen und militärischen Führungskräften in Russland gemacht wurden.

In dem DFRLab-Artikel werden auch Behauptungen von Simonjan und anderen Vertretern russischer Staatsmedien analysiert, laut denen RT angeblich nicht besser oder schlechter ist als andere Medienkanäle wie beispielsweise BBC. In seine Analyse hat das DFRLab eine Reihe von Entscheidungen der britischen Medienaufsichtsbehörde Ofcom (Office of Communications) einbezogen, die belegen, dass RT systematisch die Mindeststandards für faire und unvoreingenommene Berichterstattung verfehlt und damit das Privileg, seine Arbeit als Journalismus zu bezeichnen, gefährdet.

RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan zusammen mit Präsident Putin bei der Feier des zehnjährigen Jubiläums von RT im Dezember 2015.

RT nutzte Informationen schon vor dem Konflikt in der Ukraine als Waffe

Es muss darauf hingewiesen werden, dass die beiden Interviews mit Simonjan bereits im April 2012 bzw. im März 2013 veröffentlicht wurden, d. h. bevor die russischen Staatsmedien immer drastischere Botschaften rund um den Ukrainekonflikt verbreiteten. Dieser Umstand zeigt, dass die Vorstellung, RT und ähnliche Kanäle seien Waffen der Regierung, nicht als Teil der Reaktion Russlands auf die Einschätzung, die Interessen des Landes in der Ukraine seien in Gefahr, gesehen werden kann. Was Simonjan über den Einsatz von Information und Kommunikation als Waffe sagt, bestätigt, dass dieser proaktive und strategische Ansatz bereits verfolgt wurde, weit bevor der Ukrainekonflikt bekannt wurde.

RT startete einen Kanal in Frankreich, zusätzlich zu seinen englischen, spanischen und arabischen Kanälen. Dass Simonjan dem russischen Präsidenten nahesteht, wurde am Freitag bestätigt, als bekannt wurde, dass ihr Name auf der Liste der 259 „vertrauenswürdigen Personen“ steht, die bei der russischen Zentralen Wahlkommission als Unterstützer von Wladimir Putins Kandidatur für eine vierte Amtszeit als russischer Präsident registriert sind, wie Wedomosti berichtete.

Unter diesem Link können Sie den vollständigen DFRLab-Artikel lesen.

Weitere Informationen:

Sieben Dinge, die sie über RT und Sputnik wissen wollten

Zahl der Woche: 20 Millionen

Die Welt der alternativen Nachrichten von RT

KT – Kremlin Today

RT geht undercover als In The Now

Die große Geburtstagsburger-Lüge

(Bilder: Wikimedia Commons)

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Hilfreiche Unterstützung: Kremlnahe Medien verteidigen die Menschenrechtsbilanz Chinas in Xinjiang

24/05/2021

Kremlnahe Medien kopieren und verbreiten die Narrative Pekings, in denen Verstöße gegen die Menschenrechte der uigurischen Minderheit verneint werden.

„Lang gehegte Träume können nur durch ehrliche Arbeit wahr werden! […] Die Menschen in Xinjiang und alle hart arbeitenden Menschen verdienen den Respekt der ganzen Welt“, tönte die Rossijskaja Gaseta kurz nach dem Tag der Arbeit. Die Zeitung – ein offizielles Medium der russischen Regierung – nutzte die Gelegenheit, um zu erklären, die Behauptungen des Westens zu Zwangsarbeit in Xinjiang seien „absurd“ und dienten dazu, die Entwicklung der Region zu beeinträchtigen.

Dies war nur der jüngste Fall, in dem kremlnahe Medien die Menschenrechtsbilanz Chinas verteidigten, während weltweit die Sorge angesichts der Unterdrückung der uigurischen Bevölkerung in der chinesischen Provinz Xinjiang zunimmt.

Anfang des Jahres wurde in einem Kommentar der staatlichen russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti behauptet, die Provinz sei ein Schauplatz „weltweiter Lügenkampagnen“ gegen China mit dem Ziel, die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking in Verruf zu bringen. In der Vergangenheit behaupteten kremlfreundliche Medien außerdem fälschlicherweise, die Berichte über die Unterdrückung der Uiguren in China seien übertrieben und Teil einer „Propaganda“. „Fake News“ über Sklavenarbeit in Xinjiang seien von den Uiguren selbst widerlegt worden.

Solche Nachrichten, in denen Verstöße gegen die Menschenrechte in China heruntergespielt oder als westliche Propaganda verworfen werden, folgen den offiziellen Narrativen der chinesischen Regierung und sollen diesen mehr Bekanntheit sowie den Anschein internationaler Legitimation verschaffen.

Russische und chinesische Staatsmedien arbeiten Hand in Hand

Über die Jahre wurden die universellen Menschenrechte in kremlnahen Desinformationskampagnen immer wieder als „Trojanisches Pferd des Westens“ und als Mittel dargestellt, um die westliche Öffentlichkeit von internen Problemen abzulenken und Russland als geopolitischen Akteur zu eliminieren. Diese Behauptungen fanden ein offenes Ohr: Anfang des Jahres veröffentlichten Russland und China eine gemeinsame Erklärung ihrer Vorstellung der Weltordnung, in der sie die angebliche Verwendung der Menschenrechte als Vorwand für eine Einmischung des Westens in die inneren Angelegenheiten anderer Länder ablehnten – ein immer wieder von Peking vorgebrachtes Argument.

Um die Unterdrückung der Uiguren zu verteidigen und den Westen wegen der Sanktionen im Bereich der Menschenrechte anzugreifen, müssen kremlnahe Medien nur die offizielle Position Pekings wiedergeben. Kremlnahe Kanäle verbreiten in verschiedenen Sprachen die Narrative der chinesischen Behörden, die jegliche Vorwürfe eines Völkermords oder von Zwangsarbeit in Xinjiang zurückweisen, kritische Stimmen regelmäßig als „antichinesisch“ bezeichnen und auf Verschwörungstheorien verweisen, laut denen die CIA für Unruhen in der Region verantwortlich ist. Vor Kurzem schickte der staatliche russische Fernsehsender Rossiya 24 einen Journalisten nach Xinjiang, der dort Fabriken und Schulen besuchte und berichtete, dass die Menschen vor Ort „Gebet, den Geist des Kommunismus und nationale Anliegen harmonisch miteinander verbinden“. Solche „Ergebnisse“ widersprechen aktenkundigen Beweisen diametral, darunter den eigenen offiziellen Dokumenten Chinas und Augenzeugenberichten, die das Ausmaß des harten Vorgehens gegen die Uiguren und andere ethnische Minderheiten in Xinjiang belegen.

Die staatlich kontrollierten Kanäle beider Länder sind sich auch bei der Kritik an der Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang durch unabhängige Medien einig. Der englischsprachige Nachrichtensender CGTN in China hat die BBC beschuldigt, „Ausbildungsinstitute“ in Xinjiang fälschlicherweise als Camps darzustellen, in denen Vergewaltigung und Folter an der Tagesordnung sind, und behauptete, die „BBC und einige westliche Medien sind zu Boten internationaler Anti-Chinakampagnen geworden“. Darauf folgte kurze Zeit später ein Kommentar bei Sputnik News, in dem die BBC als „irreguläre britische Truppen“ und „Rädchen in der Imperialismusmaschinerie des Westens“ bezeichnet und des Versuchs beschuldigt wurde, China zu destabilisieren.

Wissenschaftler werden ebenfalls zur Zielscheibe. Im März 2021 verkündeten chinesische Staatsmedien, dass Unternehmen in der Region Xinjiang den deutschen Wissenschaftler Adrian Zenz verklagen, der Menschenrechtsverletzungen in der Region untersucht und öffentlich gemacht hat. Er wurde gemeinsam mit einer deutschen Denkfabrik und einer Reihe europäischer Politiker auf eine chinesische Sanktionsliste gesetzt und von chinesischen Medien und offiziellen Stellen systematisch verleumdet. Russische Staatsmedien und ihre Erfüllungsgehilfen stimmten ein, verbreiteten die Inhalte der chinesischen Staatsmedien weiter und bezeichneten Zenz – einen führenden Wissenschaftler und Senior Fellow der US-amerikanischen Victims of Communism Memorial Foundation – als „rechtsextremen Fundamentalisten“.

Eine neue Taktik: Whataboutismus

In der Vergangenheit verzichtete China in der Regel darauf, sich mit der Menschenrechtsbilanz Europas zu befassen, da dies gegen die goldene Regel Pekings zur „Nichteinmischung“ verstoßen hätte. Angesichts der zunehmenden internationalen Kritik an den Vorgängen in Xinjiang bedienen sich chinesische Staatskanäle nun jedoch der Methode des „Whataboutismus“. Diese von kremlnahen Medien perfektionierte Desinformationstaktik dient dazu, die Glaubwürdigkeit des Gegners zu erschüttern, indem er der Heuchelei bezichtigt wird – in der Regel ohne jeden Beweis.

Im März 2021, nachdem die EU chinesische Funktionäre wegen Menschenrechtsverstößen in Xinjiang sanktioniert hatte, veröffentlichte die chinesische staatlich kontrollierte Global Times eine Infografik, in der unter der Flagge der EU verschiedene Menschenrechts-„Verbrechen“ in der EU aufgeführt waren – vom Holocaust bis zum geschlechtsspezifischen Lohngefälle in Luxemburg. Kurz nach der Veröffentlichung wurde die Infografik heimlich geändert und die Verweise auf die EU und den Holocaust wurden entfernt.

Screenshot eines Tweets des chinesischen Staatskanals „Global Times“, 23. März 2021

Kurz danach veröffentlichte der französische Ableger von RT einen Bericht der chinesischen Regierung zu Menschenrechtsverstößen in den USA, der sich um Proteste gegen Rassismus drehte, und erwähnte Chinas „Pattsituation mit dem Westen“ hinsichtlich der Menschenrechtssituation. Dabei wurden die Argumente Pekings in Bezug auf „Einschüchterung“ und „Heuchelei“ weiterverbreitet, ohne Chinas Version zu hinterfragen.

Abstimmung, Koordination, Kooperation?

Dies ist nicht das erste Mal, dass sich russische und chinesische Staatsmedien desselben Themas annehmen und ähnliche Desinformationsnarrative verbreiten. Letztes Jahr schloss sich der vom chinesischen Staat kontrollierte Nachrichtensender CGTN der kremlnahen Desinformationskampagne über „geheime Labore“ der USA an.

Im Jahr 2017 unterzeichnete Sputnik eine Kooperationsvereinbarung mit der Global Times (eine von mehreren Kooperationsvereinbarungen zwischen russischen und chinesischen Staatskanälen), um „der internationalen Gemeinschaft die Entwicklungen Chinas und Russlands zu verdeutlichen sowie ihre Bedenken und Positionen im Hinblick auf einige wichtige internationale Themen“.

Die Abstimmung der über die Staatsmedien verbreiteten Botschaften ist jedoch nicht unbedingt ein Indiz für eine systematische Koordination der (Des-)Informationsbemühungen. Denn obwohl sowohl Russland als auch China gezielte Beeinflussungsoperationen und Desinformationskampagnen rund um COVID-19 durchgeführt haben – auf Grundlage der Behauptung, Autokratien könnten mit Notsituationen besser umgehen als Demokratien –, haben es beide Seiten vermieden, für die Impfstoffe des jeweils anderen zu werben (da sie Konkurrenten auf dem Markt für Impfstoffe sind). Laut dem Mercator Institute for China Studies (MERICS) konzentriert sich die Kooperation der chinesischen und russischen Staatsmedien weniger darauf, sich gegenseitig in einem guten Licht zu zeigen, als vielmehr auf den Aufbau gemeinsamer Bedrohungsszenarien. Es scheint, als hätten sich beim Thema Schutz der Menschenrechte beide Seiten für dasselbe zweckdienliche Ziel entschieden.

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Zahl der Woche: 1,3 Milliarden

01/10/2019

Der russische Entwurf des Bundeshaushalts für 2020 ist da, und er zeigt, dass staatliche Medien im nächsten Jahr 1,3 Milliarden Euro erhalten werden – ein großer Sprung im Vergleich zu den derzeitigen fast 1 Milliarde.

Der größte Einzelprofiteur ist der TV-Nachrichtensender RT (Russia Today), der laut Entwurf fast 23 Milliarden Rubel oder 325 Millionen Euro erhalten wird. Es versteht sich von selbst, dass die Finanzierung von RT seit Jahren wächst – ebenso wie die Anzahl der Fälle, die mit RT in unserer Datenbank für Desinformationsfälle verbunden sind.

Pervyi Kanal wird 92 Millionen Euro erhalten, die für Produktion, Erwerb und Ausstrahlung von Inhalten verwendet werden. Die Subvention wird dringend benötigt, da der Sender im vergangenen Jahr Verluste in Höhe von 96 Millionen Euro verzeichnete.

Zvezda („Der Stern“) gehört dem russischen Verteidigungsministerium und betreibt Fernsehsendungen, produziert Online-Artikel und Radioprogramme. Dieses Nachfolge-Medium der offiziellen Zeitung der sowjetischen Streitkräfte, Krasnaya Zvezda („Roter Stern“), wird 29 Millionen Euro erhalten.

Das russische Finanzministerium schlägt außerdem vor, 339 Millionen Euro zur Finanzierung der VGTRK bereitzustellen – das Kürzel für die „Allrussische staatliche Fernseh- und Rundfunkgesellschaft“. Der staatliche Medienriese besitzt unter anderem den Sender Rossiya 1.

Ein weiteres Aushängeschild in der unter Kreml-Kontrolle stehenden Medienlandschaft ist der „Rossiya Segodnya“-Konzern, der – auch wenn der Name „Russland heute“ bedeutet – nicht mit RT identisch ist. Rossiya Segodnya, dessen Geschäftsführer der von der EU sanktionierte Dmitry Kiselyov ist, umfasst die Nachrichtenagentur RIA Novosti, InoSMI und das mehrsprachige internationale Medium Sputnik. Ihre Subvention wird sich auf 106 Millionen Euro belaufen.

Schließlich wird ein staatliches Medium, das seinen sowjetischen Namen beibehalten hat, TASS, 41 Millionen Euro zur Unterstützung seiner Nachrichtenagentur-Dienste erhalten.

Alles in allem stellt Interfax fest, dass der Anteil der Medien-Subventionen im neuen russischen Haushaltsentwurf um dramatische ein Drittel gestiegen ist – eine Zahl, die bestätigt, welchen zentralen Stellenwert die Kontrolle über die Mediennarrative in den politischen Prioritäten des Kremls hat.

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Lügen, manipulieren, verbreiten, ändern und weiterverbreiten

29/07/2019

Sputnik Polska als Spitze des Eisbergs einer Desinformationskampagne.

Die Infiltration des Informationsraums durch kremlnahe Akteure geht weit über staatlich finanzierte Medien oder Trollfabriken hinaus. Wie der neue Bericht von Info Ops Polska zeigt, kann Desinformation von diversen Akteuren über verschiedene Wege verbreitet werden, sodass die Empfänger schließlich die eigentliche Quelle oder die Tatsache, dass es sich um Fake News handelt, nicht mehr erkennen. Die Verfasser des Berichts befassen sich mit einem in Polen heiß diskutierten Thema, das häufig für Desinformationskampagnen genutzt wird: der ukrainisch-polnischen Geschichte und Beziehungen. Dazu verfolgen sie die Wege kremlfreundlicher Narrative durch den Cyberspace nach.

Am Anfang war die Website

Polen und die Ukraine eint eine lange, reiche und manchmal schmerzhafte Geschichte. Die beiden Staaten haben viel gemeinsam. Laut verschiedenen Statistiken leben und arbeiten zwischen 900 000 und 1,2 Millionen ukrainische Staatsbürger in Polen. Die Einwanderung begann 2014, als sich die Lage im Osten der Ukraine durch die russische Aggression verschlechterte. Die polnische Volkswirtschaft bot zahlreiche Chancen. Angesichts dieses Hintergrunds ist das Thema nach wie vor weit oben auf der politischen Agenda – sowohl im Hinblick auf Information als auch Desinformation.

Sputnik Polska verbreitet aktiv Desinformationsnarrative zu diesem Thema. Bei einem davon geht es um gesellschaftliche und wirtschaftliche Fragen, die vielen Polen sehr am Herzen liegen. Einerseits wurde versucht, manipulative Botschaften zu senden, in denen den Ukrainern die Schuld für den geringeren Lebensstandard in Polen gegeben wird (der in den vergangenen Jahren übrigens dynamisch gestiegen und nicht gesunken ist). Andererseits wurde versucht, die Ukrainer als „Sklavenarbeiter“ darzustellen (ein Bild, das von EUvsDisinfo bereits mehrfach widerlegt wurde). Ziel dieses Narrativs ist es, Polen als Land zu schildern, in dem Menschen nicht fair behandelt werden, um die polnisch-ukrainischen Spannungen zu verschärfen und die Ukraine als Land ohne jede Zukunftsperspektive darzustellen, das seine Einwohner zwingt, als „Sklaven Polens“ ins Ausland zu gehen. Als ob das noch nicht genug wäre, befasste sich Sputnik Polska auch mit dem irreführenden Bericht des russischen Föderalen Dienstes für die Aufsicht im Bereich Verbraucherschutz und Schutz des menschlichen Wohlergehens, laut dem Ukrainer eine epidemiologische Gefahr für Polen sind. Dieses Narrativ verbreitete sich auch in den Mainstream-Medien und sein Ziel war nicht nur, Ukrainer negativ darzustellen, sondern die Einreise ohne Visum aus der Ukraine in die EU infrage zu stellen.

Wie der Bericht von Info Ops Polska zeigt, nutzt Sputnik Polska außerdem schwierige Themen aus der polnisch-ukrainischen Geschichte aus, um sein Publikum in Angst zu versetzen. Dazu wird die Ukraine als „vom Faschismus und dem Kult um Stepan Bandera besessen“ oder als verantwortlich für einen neuen atomaren Weltkrieg hingestellt.

Das Verteilungsmuster

Wenn eine Manipulations- oder Desinformationsbotschaft bei Sputnik Polska auftaucht, ist das jedoch nicht das Ende, sondern erst der Anfang einer Informationsoperation. Verschiedene Akteure und Werkzeuge werden genutzt, um die Botschaften so weit wie möglich zu verbreiten und die Gruppen und Personen anzusprechen, die die größte Chance bieten, sie effektiv zu vervielfältigen.

Die Inhalte von Sputnik werden kopiert (und in manchen Fällen leicht abgewandelt) und über verschiedene Websites weiterverbreitet. Welche das sind, hängt vom jeweiligen Narrativ ab. In der nächsten Phase taucht dasselbe Narrativ auf verschiedenen Blogs auf. An diesem Punkt wird der Inhalt geändert, damit er zum vertrauten Stil des jeweiligen Bloggers passt. Die Stoßrichtung des kremlfreundlichen Narrativs bleibt jedoch. Als Nächstes kommen soziale Medien zum Einsatz, die je nach Botschaft sowie Präferenzen und Schwachstellen der Zielgruppe ausgewählt werden. Eine andere Form der Einmischung durch kremlnahe Akteure ist die Beteiligung an Diskussionen – sowohl in Onlineforen als auch in den Kommentaren auf verschiedenen Websites. Sie schreiben Kommentare und verlinken Websites, auf denen die ursprüngliche Botschaft von Sputnik verbreitet wird, oder Blogs. Die Links führen üblicherweise nicht zum Artikel bei Sputnik Polska, da die Botschaft durch das Verbergen der Verbindung zu offiziellen, kremlnahen russischen Quellen mehr Glaubwürdigkeit erhält.

Die letzte Phase der Informationsoperation ist das Micro-Targeting. Dabei wählen kremlnahe Akteure bestimmte kleine Gruppen oder sogar Einzelpersonen in der Hoffnung aus, sie dazu zu bringen, die Botschaften über ihre eigenen Kanäle zu verbreiten, wodurch der Ursprung noch effektiver verschleiert wird. Die Ziele werden je nach Präferenzen und Schwachstellen ausgewählt, die von den kremlnahen Akteuren umfassend analysiert wurden. Wenn die Operation erfolgreich ist, gelangt die Desinformationsbotschaft so in den Mainstream – in die sozialen und traditionellen Medien. Dies dient auch als Vorbereitung für ausgefeilte psychologische Operationen sowie andere Machenschaften aus der Trickkiste des Kreml.

Die hier beschriebene Vorgehensweise ist ein weiteres Beispiel für die allgemeinere Strategie des Kreml zum „Waschen von Informationen“, die bereits in mehreren Untersuchungen in unterschiedlichen Zusammenhängen beschrieben wurde (zum Beispiel von GMF, DFRLab und Avaaz). Es geht dabei darum, die Spuren ursprünglich kremlnaher Botschaften so gut wie möglich zu verwischen, um ihnen mehr Legitimität zu verschaffen. Dazu werden Fake-Accounts erstellt, „unabhängige“, scheinbar nicht mit Russland in Verbindung stehende Websites verwendet und die von Social-Media-Accounts geposteten Inhalte verändert.

Beim Waschen geht es offensichtlich nicht immer um Sauberkeit.

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Desinformation und Philosophie

Andere Bestandteile des „Verstehens“ konzentrieren sich auf Narrative, Methoden, Akteure und technologische Aspekte ausländischer Informationsmanipulation und Einmischung, einschließlich Desinformation.

Wenn man sich dem Thema jedoch nur aus technologischer Sicht nähert, wird übersehen, dass Desinformation eine Idee ist. Und es wird zudem unbeachtet gelassen, dass Desinformation, wenn sie eingesetzt wird, andere Ideen verwendet und oft auf alten Konzepten und Metaphern beruht.

Deshalb haben wir in unserer Serie „Desinformation und Philosophie“ im Jahr 2021 die historische Entwicklung der Desinformation als Idee untersucht.

Im weiteren Sinne ist eine Idee ein Gedanke, ein Konzept, eine Empfindung oder ein Bild, das im Kopf vorhanden ist oder sein könnte. Wir haben gefragt, was die größten Denker in der Geschichte der Philosophie von Desinformation halten würden.

Weisheit, Wahrheit und Unwahrheiten: Befinden wir uns in Platons Höhle?

19/07/2021

Reihe über Desinformation und Philosophie

Wo ist Desinformation? Das ist wahrscheinlich eine etwas seltsame Frage.

Natürlich könnten wir auf die Websites von Sputnik oder anderen Desinformationsverursachern verweisen. Allerdings haben wir das Gefühl, dass uns etwas fehlt.

Wenn man sich dem Thema nur aus technologischer Sicht nähert, wird übersehen, dass Desinformation eine Idee ist. Dabei wird auch außer Acht gelassen, dass Desinformation in Aktion jedoch auch andere Ideen verwendet.

Grob gesagt ist eine Idee eine Entität (Gedanke, Konzept, Empfindung oder Bild), die dem Bewusstsein, dem Verstand, tatsächlich oder potenziell präsent ist. Deshalb haben wir gefragt, was die größten Denker in der Geschichte der Philosophie von Desinformation halten würden.

In diesem Sommer werden wir eine Reihe von Artikeln zu dieser Frage veröffentlichen. Natürlich können wir keine endgültigen Antworten versprechen, aber wir hoffen, dass wir durch das Aufwerfen besserer Fragen unser Verständnis von Desinformation dennoch verbessern werden.

Platon: Eros für Ideen

Es ist zwar ein Klischee, aber der berühmte Philosoph Whitehead sagte einmal: „Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas ist, dass sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.“ Daher halten wir es für angemessen, unsere Reihe mit diesem Geistesriesen zu beginnen.

Platon, der von 429(?) bis 347 v. Chr. lebte, ist in jeder Hinsicht einer der faszinierendsten Schriftsteller der westlichen Literaturtradition. Seine Gedanken, häufig von Sokrates vorgetragen, gelten als die tiefgründigsten, weitreichendsten und einflussreichsten in der Geschichte der Philosophie.

Der Kern seines Denkens ist das Verständnis, dass die Realität zwei Dimensionen hat: Wir können die materielle Dimension wahrnehmen (die sich ständig verändert), aber diese besteht aus bloßen Ableitungen (Schatten) der höheren Dimension, die ewig und immateriell ist und daher von uns nicht mit unseren Sinnen wahrgenommen werden kann. Platon war der Ansicht, dass diese zweite Dimension wertvoller sei und die Orientierung des menschlichen Lebens und Handelns sein sollte.

Platon, ein aristokratischer Bürger Athens, war Zeuge der turbulenten Zeiten der Stadt, und seine Werke spiegeln die politischen Ereignisse und intellektuellen Bewegungen seiner Zeit wider. Die Fragen, die er aufgeworfen hat, sind jedoch so grundlegend und die Art und Weise, wie er sie angegangen ist, dermaßen provozierend und inspirierend, dass er Philosophen, Wissenschaftler, Künstler und Ideologen fast aller Epochen nach ihm beeinflusst hat.

Desinformation in Athen

Zu Platons Zeiten war Athen ein turbulenter Ort. Wellen der technologischen Automatisierung führten zu Zeiten sozialer und politischer „Disadjustierung“', als schnelle und grundlegende Veränderungen die Institutionen unfähig machten, den sozialen Zusammenhalt zu gewährleisten. Klingt das bekannt?

Die technologische Automatisierung in Athen war das Schreiben und Lesen.

Bis dahin war alles – Gedichte, Wissenschaft, Theaterstücke – zumeist im Gedächtnis gespeichert. Das Alphabet ermöglichte eine einfache und unkomplizierte Möglichkeit, Texte zu speichern und sie anderen zugänglich zu machen.

Einige haben argumentiert, dass die Werke Platons als Reaktion auf eine „Infodemie“ im Athen des 5. Jahrhunderts interpretiert werden können, die wiederum auf die technologische Revolution der alphabetischen Schrift zurückzuführen war.

Platons Schüler und philosophischer Rivale Aristoteles erhielt von Platon nicht umsonst den Spitznamen Der Leser. Es wurde als etwas Besonderes und Gefährliches (!) angesehen, dass jemand Wissen ausschließlich aus Texten erwarb.

Platons Lösung: Aus der Höhle der Unwahrheiten heraustreten

Platon war nicht gerade glücklich über den Anstieg der Leser. Er befürchtete, dass die Menschen den Texten blindlings folgen würden.

Als Antwort auf diese Bedrohung hat er sich etwas Radikales einfallen lassen: die reinen Ideen. Hinter den Kulissen, hinter den Phänomenen, die wir wahrnehmen, strukturieren diese Ideen – metaphysische, halb-religiöse Gebilde – die materielle Welt. Diese absoluten Wahrheiten sind irgendwo „da draußen“.

Die berühmte Allegorie der Höhle symbolisiert dies. Kurz gesagt, wir Menschen befinden uns alle in einer Höhle und können nur Schatten sehen, die vom Licht der Sonne geworfen werden, das sich außerhalb der Höhle befindet und daher von uns nicht wahrgenommen werden kann. Die Wahrheit liegt hinter den Fakten, hinter den Schatten, und kann nur durch die Ausübung der Philosophie erreicht werden.

Grob gesagt könnte man sagen, dass Platon die abstrakten Ideen erfunden hat, um die Menschen zu emanzipieren, sich kritisch mit dem Text auseinanderzusetzen, um eine Dualität zwischen dem Text und dem Leser zu schaffen. In moderneren Worten: um kritisches Denken zu fördern. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er seine Ideen in Form von Dialogen präsentierte: um eine Konfrontation zwischen verschiedenen Perspektiven zu schaffen.

Probleme der platonischen Logik: Die Geburt der Verschwörung

Der Einfluss von Platon ist, wie schon gesagt, einfach unermesslich. Leider reicht sein Einfluss sogar bis zu den aktuellen Verbreitern von Desinformationen. Viele Verschwörungen basieren auf dem platonischen Antimaterialismus. Ein paar Beispiele:

  • Sie glauben, dass Sie in einer Demokratie leben, aber hinter den Kulissen regiert eine Art Agentur: die global Elite, Bill Gates, Satan, die Juden. Die Liste geht noch weiter.
  • Empirisch gesehen könnte es überwältigende Beweise dafür geben, dassRussland am Abschuss von Flug MH17 beteiligt war. Fakten sind jedoch irrelevant, wenn unser abstraktes Denken uns etwas anderes sagt.

Der Philosoph Dugin missbrauchte Platons Denken, um die Arbeit von Journalisten als nicht zur Wahrheit beitragend zu delegitimieren, wie wir im Januar schrieben.

Auch die Idee der Ewigkeit, die sich auf Platons ewige Formen stützt, ist sehr wirkungsvoll bei der Desinformation. Das ewige Russland, das Peter den Großen mit Putin verbindet, das ewige Russland, zu dem die Krim gehört. Russland bekämpft seine ewigen Gegner: die USA, der Westen, die (ewigen) Nazis.

Ist ein Philosoph an Bord?

Kürzlich verglich die Europäische Kommission die aktuellen technologischen Fortschritte mit der Erfindung der Dampfmaschine. Andere haben sie mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen. Diese Vergleiche unterstreichen den technologischen Fortschritt, enthalten aber auch eine Warnung.

Der Aufstieg des Textes verursachte Chaos in Athen. Platon versuchte, den Lesern Werkzeuge an die Hand zu geben, um kritisch zu denken. Später in der Geschichte veranlasste das Aufkommen des gedruckten Textes Kant dazu, einen Rahmen für die öffentliche Debatte zu entwerfen. Die entscheidende Frage lautet also: Welcher Philosoph wird jetzt, in den Zeiten des digitalen Textes, aufstehen?

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Aristoteles: Desinformation, Wahrheit und praktische Weisheit

23/07/2021

Der Wunsch nach Wissen

Wir haben unsere Reihe mit Platon begonnen. Heute werden wir mit Aristoteles fortfahren, seinem Schüler, Freund, intellektuellen Rivalen und ebenbürtigen philosophischen Einfluss.

Im Zeitalter der Desinformation ist es vielleicht ganz beruhigend zu hören, dass Aristoteles behauptet haben soll, der Mensch habe einen naturgegebenen Wunsch nach Wissen. Ihm zufolge sind wir Menschen prinzipiell so verdrahtet, dass wir Unwahrheiten und Lügen ablehnen. Wie kam Aristoteles zu dieser Schlussfolgerung, und welche Bedingungen sind für eine wahrhaftige Kommunikation erforderlich?

Aristoteles gilt in jeder Hinsicht als einer der größten Philosophen. Seine Texte prägten die Philosophie der Spätantike, des Mittelalters und der Renaissance. Noch heute werden sie mit eifriger, nicht-antiquarischer Aufmerksamkeit untersucht.

Aristoteles, der von 384 bis 322 v. Chr. lebte, war ein emsiger Forscher und Schriftsteller. Er schuf ein umfangreiches Werk, nach manchen Schätzungen etwa zweihundert Abhandlungen, von denen nur etwa einunddreißig erhalten geblieben sind. Sein Denken umfasst ein breites Spektrum von Disziplinen, von der Logik, der politischen Theorie, der Metaphysik und der Philosophie des Geistes bis hin zu Ethik, Ästhetik und Rhetorik, und bewegt sich sogar in nicht-philosophischen Bereichen wie der empirischen Biologie, da er sich durch detaillierte Beschreibungen von Pflanzen und Tieren auszeichnete.

Ein Detail in Aristoteles' persönlichem Leben, über das Historiker und Filmemacher gerne spekulieren, ist, dass Aristoteles im Jahr 343 auf Wunsch des mazedonischen Königs Philipp den 13-jährigen Sohn des Königs, Alexander, der später Alexander der Großewerden sollte, unterrichtete.

Platonische Beziehung zu Platon

Vor Platon und Aristoteles waren die führenden Philosophen die „Sophisten“. Sie warben für Phronesisdie praktische Wahrheit. Sie lehrten, wie man durch die Auseinandersetzung mit Gegenargumenten den stärkeren Standpunkt vertritt. Die Sophisten sahen Wahrheit als das, was eine Gesellschaft von Gleichgestellten mit unterschiedlichen Ansprüchen einander als wahr glauben ließ. Manche würden sagen, sie waren die Postmodernisten der Antike.

Wie in unserem ersten Artikel beschrieben, war Platon sehr besorgt über die „Desinformation“ seiner Zeit, die mit dem Aufkommen des Alphabets aufkam.

Im Gegensatz zu den Sophisten vertrat Platon die Ansicht, dass für eine kritische Auseinandersetzung mit der geschriebenen Sprache absolute Ideen (Sophia) erforderlich sind. Diese Ideen emanzipieren den Leser in der Konfrontation mit dem Text. Philosophen können zu diesen Ideen durch eine dialektische Methode gelangen – einen Prozess des Hinterfragens und Testens. Etwas Wichtiges, das oft übersehen wird, ist, dass die Einsicht in diese absoluten Ideen nicht dazu führt, die „Wahrheit“ zu besitzen, sondern nur dazu, dass man sich seiner eigenen Unwissenheit darüber bewusst wird.

Aufgrund seiner hohen Ideale und introspektiven Methoden war Platon kein Anhänger der Demokratie. Aus ähnlichen Gründen machte er sich nichts aus Sprachrhetorik. Er befürchtete, dass Menschen, die die Wahrheit nicht kennen, mit Manipulation und „niederer Rhetorik“ ein Publikum überzeugen, das den Unterschied nicht erkennen kann.

In einem charakteristischen Mittelweg verband Aristoteles das Denken von Platon und den Sophisten. Nach Aristoteles ist die Rhetorik das Gegenstück zur Dialektik. Beide Methoden der Wahrheitssuche sind notwendig, um (politische) Probleme zu lösen und die Wahrheit zu erkennen. Gleichzeitig haben beide Methoden ihre Tücken, wenn es um Desinformation geht. Der Verzicht auf abstrakte Ideen könnte eine kritische Auseinandersetzung mit dem Text verhindern, wie Platon argumentierte. Andererseits könnte ein Zuviel dieser Medizin zu einer Kluft zwischen empirischer und abstrakter Wahrheit führen. Verschwörungen sind das beste Beispiel.

Vielleicht hätte der praktische Aristoteles auch erkannt, dass das Ziel der Desinformation oft nicht Überzeugung, sondern eher Zustimmung oder Loyalität ist. Das bedeutet, dass Desinformation weder Sophia noch Phronesis einsetzt, da sie nicht an der Suche nach der Wahrheit interessiert ist. Die kremlnahen Medien arbeiten konzeptionell als „Tribüne“. Ihre Merkmale: Kommunikation von oben nach unten, Loyalität gegenüber der Hierarchie und nur zwei Arten von Äußerungen: Lob oder Verurteilung.

Klassische Rhetorik und Desinformation

Wie würde Aristoteles versuchen, der Desinformation in unserer Zeit einen Sinn zu geben? Er würde wahrscheinlich eine praktische Perspektive einnehmen.

Aristoteles hatte eine Menge über die Praxis der Kommunikation zu sagen. Sein Buch über Rhetorik hat sogar einen eigenen Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy. Seine Ideen sind immer noch relevant.

Rhetorik „ist die Fähigkeit, in jedem Fall die möglichen Wege der Überzeugung zu sehen“, so Aristoteles. Aristoteles liebte es, zu differenzieren. Unterschiedliche Kontexte erfordern jedoch unterschiedliche Techniken. Aristoteles sagte bekanntlich, dass Redner in einem bestimmten Kontext über drei Hauptüberzeugungsmittel verfügen: Ethos, Pathos und Logos. Beim Ethos geht es um den Charakter des Sprechers. Bei Pathos geht es um die emotionale Verfassung des Publikums. Beim Logos geht es um das allgemeine Argument der Rede selbst. Diese Unterscheidung teilt die Kommunikation implizit in drei Dimensionen auf: Sprecher, Botschaft und Publikum. Jeder Kommunikator weiß, dass dies der Schlüssel ist.

Sagen Sie es so, wie Sie es meinen

Bei Pathos geht es darum, die emotionale Verfassung des Publikums zu verstehen – und zu nutzen. Es geht darum, sowohl eine bestimmte Emotion im Publikum hervorzurufen als auch Emotionen beim Publikum zu wecken. So bestätigt beispielsweise eine wachsende Zahl von Forschungsergebnissen, dass das Vorhandensein von moralisch-emotionaler Sprache in politischen Botschaften deren Verbreitung innerhalb von (und weniger zwischen) ideologischen Gruppengrenzen deutlich erhöht. Emotionen verkaufen sich gut, genau wie romantische Dramen.

Pathos funktioniert bei der Kommunikation im Allgemeinen und erst recht bei der Desinformation. Ein berühmtes Beispiel aus der Vergangenheit sind die Berichte von Dr. Wakefield im Jahr 1998, der behauptete, einen Zusammenhang zwischen Autismus und Impfstoffen gefunden zu haben. Das stimmte zwar nicht, aber es schürte genügend Angst, um die Anti-Vax-Bewegung anzuheizen, was schließlich zum Wiederauftreten von Krankheiten wie Masern führte. Die Kombination aus Covid-19 und moderner Kommunikationstechnologie erwies sich als hervorragende Gelegenheit für Desinformation, um noch mehr Angst zu schüren und zu verbreiten.

Die Logik der Lüge

Beim Logos geht es um das Argument einer Aussage, unabhängig vom Sprecher oder Publikum. Wird dies auf Desinformation angewendet, erkennt man sofort, dass einige Fälschungen offensichtlich... gefälscht sind.

Denken Sie an: Bill Gates ist in Wirklichkeit (unter der Kontrolle von) Satan. Absoluter Unsinn.

In anderen Fällen ist es etwas komplizierter.

So schirmen erfolgreiche Kampagnen oft „eine Fälschung unter dem Panzer einer größeren Wahrheit ab, erklärt der Desinformationswissenschaftler Thomas Rid. Sein hochgelobtes Buch Active Measures zeigt ein spektakuläres Beispiel aus dem Zweiten Weltkrieg, das erfundeneTanaka Memorial. Dieses Dokument (angeblich aus dem Jahr 1927) trug dazu bei, viele Staaten davon zu überzeugen, dass Japan eine militärische Strategie zur Erlangung der Weltherrschaft ausgearbeitet hatte. Es war allerdings nicht authentisch.

Warum war dieses falsche Narrativ so effektiv? Es war in Japans damaliger selbstbewusster Außenpolitik verwurzelt.

Wie können Sie diese Methode der größeren Wahrheit in Zeiten der Pandemie anwenden? Letztes Jahr haben wir gesehen, dass die kremlfreundlichen Medien einen Teil der Wahrheit (der Impfstoff von AstraZeneca wurde unter Verwendung eines Schimpansen-Virusvektors entwickelt) als „Affenimpfstoff” umbenannt haben, um die Glaubwürdigkeit von Impfstoffen aus westlicher Produktion zu untergraben. Auf diese Weise konnten die kremlfreundlichen Medien suggerieren, dass der britische Impfstoff Menschen in Affen verwandelt, und auch die Kritik von Tierschützern und Anti-Vaxxern aufgreifen.

Untergrabung jeglicher Glaubwürdigkeit

Beim Ethos geht es um den Charakter des Sprechers – seine Glaubwürdigkeit. Diese Dimension ist grundlegend für das Verständnis von Desinformation.

Warum werden gefälschte Accounts erstellt, um Desinformationen zu verbreiten? Es geht nicht nur darum, eine größere Anzahl von Desinformationsverbreitern zu schaffen. In erster Linie zielen diese Accounts darauf ab, eine Gruppe von scheinbar Gleichgesinnten zu schaffen, Menschen, denen man vertrauen kann und deren Meinung man teilen kann. Ein aktuelles Beispiel ist die Studie von Graphica über russische Schauspieler, die sich als rechtsextreme Amerikaner ausgeben.

Ein wichtiges Ziel der Desinformation ist es auch, das Ethos anderer Kommunikatoren zu verletzen und so zum Misstrauen in der Gesellschaft beizutragen.

Nur ein paar Beispiele:

Aus diesem Grund gibt es viele Versuche, Nawalnys Ansehen zu untergraben.

Aus diesem Grund wird behauptet, Joe Biden sei senil.

Wir sehen die vielen verschiedenen – und sich gegenseitig ausschließenden – Behauptungen über Raman Pratasevich und die Zwangslandung seines Ryanair-Fluges in Minsk.

Ein weiteres Beispiel ist das, was Facebook „Perception Hacking“ nennt. Bedrohungsakteure versuchen, aus der Angst der Öffentlichkeit vor Beeinflussungsoperationen (engl.: IOs) Kapital zu schlagen, um den falschen Eindruck einer weit verbreiteten Manipulation von Wahlsystemen zu erwecken, auch ohne Beweise.

Desinformation zielt darauf ab, den Informationsraum mit Lügen und Manipulationen zu überfluten. Ein Philosoph aus dem Jahr 300 v. Chr. zeigt uns, wie Pathos zur effizienten Verbreitung, Logos, um die Lüge in der Wahrheit zu verbergen, und Ethos, um das Vertrauen der Menschen untereinander zu schädigen, eingesetzt wird.

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David Hume: Desinformation, der Sklave der Leidenschaften

26/07/2021

Der Philosoph des Philosophen

David Hume, der in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts lebte, war ein schottischer Philosoph und öffentlicher Intellektueller. Er ist ein Philosoph der Philosophen. Vor einigen Jahren wählten ihn Tausende von Philosophen als denjenigen, mit dem sie sich am meisten identifizierten, noch vor Platon, Spinoza und Wittgenstein. Seine Beliebtheit beruht wahrscheinlich auf seinem äußerst einflussreichen philosophischen Empirismus und Skeptizismus. Im Gegensatz zu Platon argumentierte Hume gegen die Existenz angeborener Ideen und behauptete, dass menschliches Wissen nur aus Erfahrung entstehe. Dies unterstreicht die Bedeutung der psychologischen Grundlagen der menschlichen Natur, die Hume ausgiebig studierte. Die Verursacher von Desinformation haben von seinen Erkenntnissen profitiert, aber das können wir auch.

Klassische Ideen: von der Wissenschaft zerschmettert

Hume fegte Aristoteles und vor allem Platon beiseite. Es ist nicht so, dass Hume die Antike nicht mochte, aber es war etwas Wichtiges geschehen, das in die philosophische Gleichung einbezogen werden musste.

Wissenschaft.

Erstens formulierte der polnische Astronom Kopernikus ein Modell des Universums, das die Sonne und nicht die Erde in den Mittelpunkt stellte. Zweitens entdeckte Galilei Beweise für die heliozentrische Theorie von Kopernikus, als er vier Monde in der Umlaufbahn des Jupiters beobachtete. Drittens trug Isaac Newton zu diesem Paradigmenwechsel bei, da er die Gesetze der Schwerkraft und der Bewegung entdeckte und die Infinitesimalrechnung entwickelte.

Da diese Ideen einem Großteil des Denkens von Aristoteles und Platon widersprachen, brauchte die Philosophie einen Neuanfang. Denker von Hobbes bis Descartes hatten versucht, die neuen Ideen der Naturwissenschaften in die Philosophie zu integrieren. Dies löste die Aufklärung aus, eine Bewegung, die sich auf die Idee konzentrierte, dass die Vernunft die wichtigste Quelle von Autorität und Legitimität ist. Neue Ideale wie Freiheit, Fortschritt, Toleranz, eine konstitutionelle Regierung und die Trennung von Kirche und Staat, kamen auf.

Drei skeptische Standpunkte

David Hume war einer der führenden Philosophen der Aufklärung.

Da Hume sich von Newton inspirieren ließ, folgte er der Newtonschen Maxime „Hypotheses non fingo“, grob gesagt: „Ich stelle keine Hypothesen auf.“. Er war der Meinung, dass jedes wissenschaftliche Gesetz durch Beobachtung und Experimente ermittelt werden muss, es gibt keinen Platz für die traditionelle Metaphysik a priori.

Dieser Ansatz führte zu drei skeptischen Ansichten, die zumindest unter Philosophen weithin bekannt sind.

Erstens ist unser Vertrauen in Ursache und Wirkung, auf dem alles Denken über Tatsachen beruht, weder durch Beobachtung noch durch logische Schlussfolgerung gerechtfertigt. Eigentlich sehen wir immer nur eine Sache, die auf eine andere folgt: Wir nehmen nie eine Kraft wahr, die eine Sache zu einem Ergebniszwingt.

Zweitens ist Hume für seine Argumente gegen dogmatische Aspekte der Religion bekannt, obwohl er nie für den Atheismus warb.

Sklave der Leidenschaften

Die dritte Ansicht ist das, was Hume wirklich auszeichnet. Obwohl er im „Zeitalter der Vernunft“ lebte, verkündete er bekanntermaßen, dass „die Vernunft nur die Sklavin der Leidenschaften ist und sein sollte“.

Hume sagt nicht, wie manche ihn interpretieren, dass die Rationalität durch die Leidenschaften irgendwie verzerrt wird. Vielmehr weist er auf die Leere der Rationalität hin. Rationalität ist nichts anderes als ein Werkzeug zur Optimierung bestimmter Präferenzen, die letztlich auf Emotionen beruhen. Er erklärte diese Leere mit „Es läuft der Vernunft nicht zuwider, wenn ich lieber die Zerstörung der ganzen Welt will, als einen Ritz an meinem Finger.“.

Hume zufolge liefert die Vernunft allein keine Motivation zum Handeln, geschweige denn Prinzipien, die die Moral tragen können. Jemanden als „gut“ zu bezeichnen, bedeutet also, dass wir ein grundlegendes Mitgefühl haben, das uns zu einer wohlwollenden Reaktion auf sein Leiden oder zur Freude über seinen Erfolg treibt. Kennen Sie jemanden mit einer anderen Meinung? Er ist nicht irrational, sondern herzlos.

Als Newton der Moral versuchte Hume zu erklären, wie die Wahrnehmungen des Geistes kommen und gehen und zu komplexen Wahrnehmungen verschmelzen, die zu menschlichem Denken, Glauben, Fühlen und Handeln führen. Letztlich inspirierte diese Ansicht viele Psychologen, darunter auch Freud.

Desinformation nutzt die Leidenschaften aus

Hume erlebte Desinformation. Zu seiner Zeit häuften sich die Unwahrheiten vor allem um die dynastische Nachfolge. Eine große Lüge, die Hume betraf, handelte von einer (fiktiven) Jesuitenverschwörung zur Ermordung des britischen Königs Karl II. Dies war Teil einer Kampagne der Whig-Partei, um den katholischen Bruder von Charles von der Thronfolge auszuschließen.

Heutzutage ist es ziemlich klar, dass Desinformation auch ein Sklave der Leidenschaften ist. Eine MIT-Studie fand heraus, dass sich falsche Aussagen viel schneller und weiter verbreiten als wahre. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie unterhaltsamer sind, weil sie auf die Emotionen der Nutzer abzielen. Bemerkenswerterweise schrieb Hume in A Treatise of Human Nature (Ein Traktat über die menschliche Natur, 1739) über das, was wir heute als „emotionale Ansteckung“ bezeichnen, und beschrieb, wie Zuneigungen von einem zum anderen übergehen.

Was unseren Intellekt betrifft, so hat Hume gezeigt, dass das, was wir „rational“ nennen, oft Hybris ist. Wie wir bereits beschrieben, haben die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky im 20.Jahrhundert gezeigt, dass der Mensch dazu neigt, (zu) schnell zu urteilen. Ein Beispiel dafür ist der Bestätigungsfehler: die Tendenz, Informationen so zu suchen, zu interpretieren, zu bevorzugen und abzurufen, dass sie die eigenen Überzeugungen oder Werte bestätigen. Im Jahr 2019, haben wir darüber geschrieben, wie Bestätigungsfehler dazu beitragen können, Desinformationen glaubwürdig zu machen.

Wie sollten wir mit Desinformation umgehen – und mit uns selbst? Hume mahnte, wir sollten immer misstrauisch gegenüber den Annahmen sein, die von unseren Leidenschaften begünstigt werden. Je stärker wir etwas empfinden, desto wahrscheinlicher ist es, dass unsere Gefühle unsere Argumentation beeinflussen und verzerren. Auf persönlicher Ebene bedeutet dies, dass wir mehr tun müssen, als eine Vielzahl von Quellen einzubeziehen, da wir immer Gründe finden können, um Beweise von der „anderen“ Seite abzulehnen. Bevor kritisches Denken entstehen kann, müssen wir zumindest in uns gehen und unsere emotionalen Positionen kennen.

Auf der Makroebene brauchen unsere Demokratien nicht nur Medienvielfalt, sondern vielleicht sogar Theater, Komiker, Musik und Spiritualität, die uns helfen, unsere eigenen tiefsten Gefühle und moralischen Annahmen kennenzulernen und darüber zu sprechen, damit wir hoffentlich verhindern können, dass Desinformation sie ausnutzt.

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Kant, die Philosophie der Autonomie, der Wahrheit und des Friedens

30/07/2021

Kant: Noch Fragen?

Es ist faszinierend, dass Desinformation oft mit der Idee kokettiert, selbst kritisch zu denken. Das Motto des Desinformationsdienstes RT lautet: mehr fragen. Denken Sie auch an den YouTube-Algorithmus, der Videos zum Anschauen empfiehlt, darunter auch solche, die Desinformationen und Fehlinformationen verbreiten und zugleich den Zuschauern vorgaukelt, sie würden die Videos selbst auswählen. Oder sogar Nachforschung betreiben. Die Wurzeln der Idee, dass man die Wahrheit selbst erforschen sollte, unabhängig von einer externen Autorität, gehen auf den deutschen Philosophen Immanuel Kant zurück. Die menschliche Autonomie steht im Mittelpunkt seiner Philosophie.

Wenn Kant heute noch leben würde, wäre er wahrscheinlich vorsichtig mit Desinformation. Seiner Meinung nach ist die Fähigkeit, die Wahrheit oder die ihr zugrunde liegenden gemeinsamen Vorstellungen zu ermitteln, für einen dauerhaften Frieden unerlässlich. Mit anderen Worten: Desinformation stellt ein großes Risiko dar. Es steht viel auf dem Spiel. Auch Kant verurteilte die Lüge entschieden. Wie kam er zu diesen Schlussfolgerungen?

Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?

Kant behauptete, dass alle philosophischen Lehren, einschließlich seiner eigenen, drei Fragen beantworten: 1) Was kann ich wissen? 2) Was soll ich tun? 3) Was darf ich hoffen? Kants Antworten verbanden die moderne empirische Wissenschaft (z.B. die von Newton) und ein gewisses Vertrauen in die Rationalität jenseits der Erfahrung, was ihn zur zentralen Figur der modernen Philosophie werden ließ. Seine Größe lag in seiner Fähigkeit, eine Antwort zu finden, die einerseits systematisch, rational und ganzheitlich war, andererseits aber immer noch Raum für ein gewisses Maß an Geheimnis ließ. Gleichzeitig haben seine Schlussfolgerungen weitreichende Konsequenzen, von der Metaphysik über die Ethik bis hin zur Politik und sogar zur Desinformation.

Wenn wir Kant verstehen wollen, ist es wichtig zu wissen, dass Kant auf Hume und seinen Skeptizismus antwortete, den wir in einem früheren Artikel besprochen haben. Dies bestimmte weitgehend, wie Kant an die Wahrheit heranging, und folglich auch an alles andere. Kurzum, Hume war beeindruckt von den wissenschaftlichen Durchbrüchen von Kopernikus und Newton. Deshalb plädierte er dafür, dass wir die Philosophie nach ihren empirischen Methoden betreiben sollten. Gleichzeitig glaubte Hume, dass die Aufklärung der Ratio zu viel Wert beigemessen hatte. Stattdessen müssen wir uns auf eine Weise, die manchmal mit dem Buddhismus verglichen wird, auf das konzentrieren, was wir wahrnehmen, einschließlich unserer Gefühle.

Obwohl Kant Humes Arbeit schätzte, lehnte er es höflich ab, seine Schlussfolgerungen zu akzeptieren. Stattdessen widersprach Kant ihnen in seinem vielleicht berühmtesten Werk, der Kritik der reinen Vernunft. In diesem Buch wird argumentiert, dass ein „synthetischesa-priori-Wissen“ möglich ist, also eine gewisse Rationalität, die den Erfahrungen vorausgeht. Zum Beispiel könnte man theoretisch sagen: „Ein Quadrat hat vier Seiten“, ohne jemals ein Quadrat gesehen zu haben. Grob gesagt, wies Kant darauf hin, dass wir alle unsere Erfahrung der Dinge durch den Filter unseres Geistes formen.

Kant verglich, vielleicht nicht ganz bescheiden, seine Ideen mit der kopernikanischen Revolution in dem Sinne, dass die Objekte der Sinne notwendigerweise mit unseren räumlichen und zeitlichen Formen des Verstehens übereinstimmen. Das bedeutet, dass wir die Objekte der Sinne a priori erkennen können.

Abbildung: Das heliozentrische Modell von Kopernikus (Quelle: Wikimedia Commons)

Aufklärung = Kritisches Denken = Freiheit

Kant wollte eine philosophische Grundlage für die menschliche Autonomie finden. Doch paradoxerweise verstand er Autonomie auf eine eher eingeschränkte Weise. Für Kant bedeutet Autonomie nicht, dass „man tun kann, was man will“, sondern vielmehr, dass man die Autorität über sein eigenes Handeln hat. Aufgrund seiner Vorstellung, dass unser Denken die Art und Weise prägt, wie wir die Welt erleben, entwickelte er seine Methode der „kritischen Philosophie“, um die Freiheit zu untermauern. Um frei zu werden, müssen wir sowohl die Rationalität als auch unser Denken verstehen. Und uns entsprechend anpassen.

Kants Aufklärungsphilosophie ist als „kritisches Denken“ bekannt. Kant definiert sie in seinem berühmten Essay Was ist Aufklärung als „die Befreiung der Menschheit von ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit; Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich des eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Kant begann, unsere Erkenntnisfähigkeiten kritisch zu untersuchen. Er stellte Fragen wie: Was können wir wissen? Welche Bedingungen ermöglichen unser Wissen? Und wo liegen die Grenzen unseres Wissens? Alle Ansprüche müssen dann kritisch geprüft werden. Sie sind nur glaubwürdig, wenn sie mit Argumenten untermauert werden können. Da alle Menschen in der Lage sein sollten, die Wahrheit unabhängig zu erkennen, wird Kants Ansatz oft mit Freiheit und Gleichheit für alle verbunden.

Obwohl die Menschen in der Lage sein sollten, die Wahrheit unabhängig voneinander zu erkennen, bedeutet die Tatsache, dass die Möglichkeit eines direkten Zugangs zur Wahrheit seit Kants „kopernikanischer Revolution“ nicht mehr gegeben ist, dass wir zur Wahrheitsfindung eine intersubjektive Methode benötigen. Um es einfach auszudrücken: Wir brauchen die öffentliche Vernunft, um unsere blinden Flecken zu kompensieren.

Ganz grob gesagt ist dieses kritische Denken auf einer Makroebene das, was Kant als öffentliche Vernunft bezeichnet. Ohne diese kann der Staat nicht legitim sein. Wir werden dies kurz erklären. Nach Kant erfordert die politische Autorität die Einrichtung politischer Institutionen im Zivilstaat. Rationale Menschen haben sogar eine moralische Verpflichtung, dies zu tun. Der Staat leitet seine Legitimität jedoch von der „Übereinstimmung eines jeden öffentlichen Gesetzes mit dem Recht“ ab. Das bedeutet, dass hypothetisch gesehen jedes Gesetz die Zustimmung eines jeden vernünftigen Menschen haben könnte.

Folglich muss das Staatsoberhaupt, um legitim zu sein, der öffentlichen Vernunft gehorchen und solche Gesetze schaffen Der öffentlichen Vernunft zu gehorchen setzt voraus, dass der freie Fluss von Informationen erleichtert wird. Daher verteidigt Kant nachdrücklich die „Freiheit der Feder“ und die Möglichkeit, seine Meinung kundzutun. Da die freie Meinungsäußerung als ultimativer Schutz der Volksrechte anerkannt wird, können diese Rechte paradoxerweise auch als Argument für eine Einschränkung der freien Meinungsäußerung angesehen werden. Ohne einen legitimen Staat, der öffentliche Vernunft erfordert, kann es keinen Schutz der Rechte geben. So kann die Meinungsäußerung, die darauf abzielt, den rechtmäßigen Staat zu stürzen, eingeschränkt werden. Kant dachte dabei an revolutionäre Bewegungen, aber wir können diese Argumentation leicht auf Desinformation anwenden, die darauf abzielt, die Polarisierung zu fördern und letztlich Demokratien zu zerstören.

Abbildung: Kant bei einer Vorlesung (Quelle: Wikimedia Commons)

Niemals, niemals, niemals lügen!

Einer der Gründe, warum Kant aus der Perspektive der Desinformation so interessant ist, bezieht sich darauf, dass er die moralischen Verbote gegen absichtliche Unwahrheiten untersucht hat: Lügen. Kant vertrat die berühmte Ansicht, dass alle Lügen schädlich sind, weil sie die Würde anderer untergraben. Lügen verhindern, dass Menschen frei und rational handeln. Wenn jemand lügt, beeinträchtigt er das Recht seiner Zuhörer, korrekte Informationen zu erhalten. Außerdem verzerren Lügen die Fähigkeit, fundierte Entscheidungen zu treffen. Kant geht noch weiter und argumentiert, dass Lügen einen größeren Schaden verursachen, indem sie die Glaubwürdigkeit eines Sprechers untergraben, was wiederum dazu führt, dass die Menschen den Behauptungen der anderen misstrauen. Kant geht sogar so weit zu sagen, dass Lügen unmoralisch sind, und zwar unter allen Bedingungen. In einem berühmten Beispiel argumentiert Kant, dass dies sogar der Fall ist, wenn ein Mörder an Ihre Tür klopft und nach einem Mann sucht, der in Ihrem Haus Schutz sucht. Niemand darf eine Geschichte erfinden, selbst wenn es darum geht, ein Leben zu retten!

Kant versuchte, die menschliche Autonomie philosophisch zu untermauern, und beschrieb ganz praktisch die für die Freiheit notwendigen sozialen Bedingungen. Nach Kant braucht es einen legitimen Staat, der der öffentlichen Vernunft gehorcht und sie schützt. Das könnte bedeuten, dass Kant politische Maßnahmen zur Schaffung einer vielfältigen Medienlandschaft unterstützt und Maßnahmen zur Eindämmung antidemokratischer Bewegungen verteidigt, einschließlich Maßnahmen gegen die Verbreiter von Desinformationen. Kant wendet sich entschieden gegen die Lüge und damit gegen die Desinformation, denn sie ist nicht nur unmoralisch, weil sie andere manipuliert und ihre Würde untergräbt, sondern sie untergräbt auch die Grundlagen für einen dauerhaften Frieden. Wenn es um Desinformation geht, ist Kants Denken sowohl eine sehr gründliche als auch eine sehr ernste Warnung.

Im Jahr 1945 annektierte Russland die alte preußische Stadt Königsberg, das heutige Kaliningrad. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass Kants Grab in Russland zu finden ist, während der Kreml versucht, alle Formen des kritischen Denkens zu vernichten.

Abbildung: Denkmal für Immanuel Kant in Kaliningrad (Quelle: Wikimedia Commons)

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Mill und der Tugendkreis des Vertrauens durch Selbstkorrektur

02/08/2021

Die Argumentation von John Stuart Mill wird in Debatten über Desinformation oft angeführt, sowohl von Menschen, die Misstrauen gegenüber den staatlichen Eingriffen empfinden, als auch von denen, die den freien Informationsfluss schützen wollen. Es ist sinnvoll, Mill einzubeziehen, der einer der großen Verteidiger der Freiheit im Kanon der Philosophie ist. Der freie Fluss von Informationen ist ein zentraler Bestandteil seiner wissenschaftlichen und praktischen Philosophie. Mill untersuchte die Konsequenzen einer durch und durch empirischen Sichtweise, verband sie aber mit der romantischen Bewegung der Dichter des 19. Jahrhunderts, die zu dieser Zeit jung und neu war, da die Poesie sein Leben neu belebt hatte. Mill wurde streng, vielleicht sogar tyrannisch, von seinem Vater erzogen, der einen großen Geist schaffen wollte. Sein 1859 veröffentlichtes Buch On Liberty (Über die Freiheit) ist nach wie vor die überzeugendste Darstellung der liberalen Idee, dass individuelle Freiheit der beste Weg zu einer glücklichen und gerechten Gesellschaft ist. Die Auswirkungen auf die Desinformation sind weniger eindeutig, als viele erwarten würden.

Mill und Mill

John Stuart Mill wurde im Jahr 1806 in Pentonville (England) geboren und entwickelte sich zu einem der Väter des modernen Liberalismus. Wir wissen viel über seine Jugend, denn er hat sie in einer Autobiographie ausführlich dokumentiert. John war der Sohn von James Mill, der zusammen mit Jeremy Bentham ein einflussreicher Verfechter der damals aufkommenden Bewegung des Utilitarismus war. Grob gesagt sind sie der Meinung, dass die moralisch richtige Handlung diejenige ist, die das meiste Gute hervorbringt. Sie setzten das Gute mit dem Vergnügen gleich und waren daher wie Epikur hedonistisch, was den Wert angeht.

Obwohl James Mill das Vergnügen propagierte, gab er John eine außergewöhnlich strenge Erziehung mit auf den Weg. Sein ausdrückliches Ziel war es, ein Genie zu schaffen, das die Sache des Utilitarismus voranbringen konnte. Sein Vater hat ihm nicht erlaubt, mit anderen Kindern zu spielen. Seit seinem dritten Lebensjahr wurde er in Griechisch unterrichtet. Im Alter von acht Jahren hatte er bereits einen großen Teil der griechischen Klassiker gelesen und kannte sich in Geschichte, Arithmetik, Physik und Astronomie aus. Später litt Mill unter großen Phasen der Traurigkeit und dachte sogar an Selbstmord. Da seine Genesung von der Poesie der Romantiker inspiriert war, erkannte Mill, dass die Philosophie der Aufklärung nur „eine Seite der Wahrheit“ enthielt. Von diesem Moment an war es sein Ziel, die Kultur der Gefühle und einer gerechten Gesellschaft zusammenzubringen.

Die Wahrheit existiert nicht außerhalb der Kritik

Im Gegensatz zu Kant vertritt Mill die Auffassung, dass ein A-priori-Wissen über objektive Fakten nicht möglich ist. Der Geist hat keinen erhabenen Platz in der Ordnung der Dinge, sondern ist Teil der Natur. Daher argumentiert Mill, dass Wissen nur durch empirische Beobachtung und durch die Schlussfolgerungen, die auf der Grundlage solcher Beobachtungen erfolgen, erlangt werden kann. Aus diesem Grund wird Mill als Naturalist betrachtet, dessen Ideen über das Denken näher an Hume als an Kant oder Platon sind.

Im Gegensatz zu Hume hat Mills Denken einen gewissen Optimismus. Mill charakterisiert die Geschichte der Wissenschaft als die Zusammenstellung unseres Wissens durch die induktive Vernunft, aber auch als das Wachstum unseres Wissens über die induktive Vernunft. Wissen verdichtet sich, und zwar immer effizienter. Je mehr der Mensch über das Universum erfährt, desto mehr wird die Induktion in unserem Wesen verankert. Nach und nach wird der Mensch selbstkritischer und systematischer. Da Induktion jedoch immer auf empirischer Beobachtung beruht, bedeuten neue Beweise potenziell immer, dass wir unser Denken korrigieren müssen. Die Wahrheit ist vorläufig, denn wir könnten schon morgen feststellen, dass wir uns die ganze Zeit geirrt haben!

Diese prinzipielle Bereitschaft, Fehler zuzugeben und Ansichten zu korrigieren, macht die Stärke der Moderne aus. Wenn eine bestimmte Position viele (intellektuelle) Angriffe überstanden hat, muss sie solide sein, denn wir hängen nicht grundsätzlich an ihr. Paradoxerweise hat man eher Recht, gerade weil man unsicher ist!

Meinungsfreiheit – klug, nützlich und gerecht

Dieses provisorische Element verbindet Mills theoretische Philosophie mit seiner praktischen Philosophie. Diese Offenheit ist in der Tat der Eckpfeiler von Mills politischen Ansichten, die in seinem Werk On Liberty (Über die Freiheit) zum Ausdruck kommen. Im Mittelpunkt des Buches steht das so genannte „Schadensprinzip“. Sie besagt, dass die Handlungen von Einzelpersonen nur begrenzt werden sollten, um Schaden von anderen Personen abzuwenden:

„Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gemeinschaft rechtmäßig ausüben darf, der ist: die Schädigung anderer zu verhüten.“

On Liberty enthält auch eine starke Verteidigung der Meinungsfreiheit. Mill bietet im Wesentlichen drei Argumente für Freiheit und gegen Zensur. Erstens, ein erkenntnistheoretisches Argument. Man kann nie ganz sicher sein, dass ein zum Schweigen gebrachter Mensch (teilweise) Recht haben könnte. Es ist auch nützlich, mit fehlerhaftem Denken konfrontiert zu werden, da es einen dazu zwingt, die eigenen Ansichten zu überprüfen und zu verhindern, dass sie zu Dogmen werden. Außerdem ist es wahrscheinlicher, dass Menschen in einem offenen Gespräch ihre irrtümlichen Meinungen fallen lassen. Zweitens, ein utilitaristisches Argument. Mill zufolge ist es für die Gesellschaft von Vorteil, wenn es konkurrierende Ideen gibt. Das wird letztendlich zu den besten Lösungen für die Gesellschaft führen. Dies wird oft mit der Idee des „Marktplatzes der Ideen“; in Verbindung gebracht; aus konkurrierenden Ideen wird sich die Wahrheit ergeben. Drittens gibt es einen romantischen Aspekt in Mills Denken. Eine Person zu zensieren ist falsch, denn sie hat ein Recht auf Selbstdarstellung und Selbstentfaltung.

Freiheit – ja, aber wie?

Mill war sich bewusst, dass die Freiheit mehr als nur Institutionen braucht, um Freiheit zu garantieren. Für ihn war es nicht nur der Staat, sondern auch die Gesellschaft, die dem freien Fluss der Ideen schaden konnte. Er sah zu Recht voraus, dass in demokratischen Massengesellschaften das informelle Wirken von sozialem Druck und Erwartungen auch tyrannisch sein kann. Aus diesem Grund verteidigte Mill die individuelle Freiheit vor staatlichen Eingriffen, aber auch vor dem Diktat der Gesellschaft, der Tradition und der Sitte, von denen Mill befürchtete, dass sie die Individualität ersticken würden. Tatsächlich war für Mill die größte Gefahr nicht die staatliche Zensur, sondern die gesellschaftliche Zensur. Mit anderen Worten, eine Kultur der Intoleranz gegenüber Menschen, die es wagen, anders zu denken.

Was bedeutet das für die Welt der Desinformation? Offensichtlich hat Mill nicht direkt darüber geschrieben. Er schrieb jedoch, dass einige Arten, ein Argument dennoch durchzusetzen, „zu Recht eine schwere Zensur nach sich ziehen können.“ Er dachte an Reden, die „Fakten oder Argumente unterdrücken, die Fallelemente falsch darstellen oder die gegnerische Meinung falsch wiedergeben.“ Bewusst falsche Informationen können unter diese Kategorien fallen. Mill war also nicht kategorisch dagegen, diejenigen zu zensieren, die in böser Absicht handeln, obwohl er davor warnte, dass es schwierig ist, zu entscheiden, wer wirklich in böser Absicht handelt. Mill würde es wahrscheinlich nicht kategorisch ablehnen, ausländische Einmischung durch Falschinformationen zu katalogisieren, die von einem staatlichen Akteur ausgeführt, finanziert oder unterstützt werden, wie es EUvsDisinfo tut.

Ein weiterer Aspekt der Bedrohung durch Desinformation ist die Technologie und wer sie kontrolliert. Aus wettbewerbsrechtlicher Sicht ist es nicht abwegig, sich vorzustellen, dass Mill über die Machtkonzentration bei den Plattformen besorgt sein könnte.

Darüber hinaus wird die Anwendung von Mills Konzepten der Freiheit und des Schadens im Bereich der Informationstechnologie zu einer schlüpfrigen Angelegenheit. Da Plattformen Umgebungen schaffen, die darauf abzielen (und erfolgreich sind), die Aufmerksamkeit der Nutzer so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, während sie Daten auswerten von denen die Nutzer möglicherweise gar nicht wissen, dass sie sie zur Verfügung stellen für ein effektiveres Ad-Targeting, und in einigen Fällen zu bekannten böswilligen Verbreitern von Falschinformationen geführt werden, ist die Freiwilligkeit der Nutzer eher zweifelhaft.

Es ist ein vergeblicher Versuch, die Gedanken eines großen Philosophen aus der Vergangenheit auf die Probleme von heute zu projizieren. Dennoch ist es für viele verlockend, On Liberty als ein endgültiges Argument gegen jegliches staatliche Handeln im Angesicht von Desinformation zu lesen. Wir können jedoch Mills Verteidigung eines offenen Prozesses der Wahrheitssuche, seine Warnungen vor staatlicher und gesellschaftlicher Zensur und seine Wertschätzung für das exzentrische Individuum nicht auf eine so enge Position reduzieren. Seine Ideen sind einfach zu wichtig und interessant, um das zu tun.

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Nietzsche: Jenseits des Zeitalters der Post-Wahrheit?

06/08/2021

Jenseits des Zeitalters der Post-Wahrheit?

Bislang haben wir in unserer Reihe fünf Titanen des Denkens in Bezug auf Desinformation vorgestellt. Nun wollen wir uns einem zuwenden, der ebenfalls zu einer Art kulturellem Superstar wurde: Friedrich Nietzsche. Für die einen ist dieser tragische Prophet des Zeitalters der Post-Wahrheit ein Befreier von jeglichem Dogmatismus, für die anderen ein gefährlicher Türöffner für den Nihilismus. Wir werden argumentieren, dass sein „Perspektivismus“ weniger tödlich für das Überleben der Wahrheit sein könnte, als manche denken.

Nietzsche – die Geburt der Tragödie

Für Nietzsche ist die Philosophie nicht vom Philosophen zu trennen. Nietzsches eigenes Leben war hart und traurig, aber auch von tragischem Ruhm erfüllt. Er wurde 1844 in Röcken, Deutschland, als Sohn eines Pastors geboren. Als Sohn eines Wunderkindes erwartete seine Familie, dass er auch eines werden würde. Sein Vater starb, als er fünf Jahre alt war, und der junge Friedrich wurde in eine äußerst strenge Schule geschickt. Nachdem er der jüngste Professor für klassische Philologie in Basel überhaupt geworden war, verfasste er Die Geburt der Tragödie. Das Buch legt nahe, dass gesunde Kulturen eine Mitte zwischen apollinischen (logischen, harmonischen) und dionysischen (chaotischen, ekstatischen) Kräften finden sollten. In einer Zeit, die zutiefst apollinisch war, kam das nicht gut an. Viel später wuchs der Einfluss in der Psychiatrie (Jung), der Philosophie (Foucault) und der Kunst (Rothko). Nach diesem Rückschlag zog sich Nietzsche jedoch langsam aus der akademischen Welt zurück. Von 1879 bis 1889 lebte er ohne festen Wohnsitz und wanderte in den Alpen und Italien. Da er die meiste Zeit von schweren gesundheitlichen Problemen geplagt war, schrieb er in den kurzen Perioden, in denen es ihm gut ging, eine ganze Reihe von Büchern.

Tod und Desinformation führen zu Empfang in Braun

1889, im Alter von nur 44 Jahren, brach Nietzsche in Turin zusammen, woraufhin er seine geistigen Fähigkeiten vollständig verlor. Die verbleibenden zehn Jahre seines Lebens – er starb im Jahr 1900 – lebte er in der Obhut seiner Mutter und seiner Schwester Elisabeth, während sein Werk allmählich mehr Aufmerksamkeit erregte, was Nietzsche selbst nicht bewusst war.

Ein Foto von Nietzsche mit seiner Mutter nach seinem Zusammenbruch. Quelle: Wikimedia

Ein großer Teil von Nietzsches schlechtem Ruf stammt aus dieser Zeit, in der Elisabeth intensiv daran arbeitete, das Werk ihres Bruders in den Kreisen der aufkommenden extremen Rechten bekannt zu machen, was praktischerweise auch ihr eigenes gesellschaftliches Ansehen steigerte. In einer Aktion der Desinformation avant la lettre hat sie sogar fast 30 Briefe gefälscht und viele Passagen seiner Bücher umgeschrieben. Ein Begriff, der in den falschen Händen verzerrt wurde, war zum Beispiel das des Übermenschen. Für Nietzsche verweist dieser Begriff auf eine mögliche Zukunft und signalisiert, dass der Mensch, so wie er gegenwärtig existiert, nur eine Phase in einem evolutionären Prozess ist, der sich von Bakterien zu Bach in Richtung einer unbekannten Zukunft bewegt. Zu glauben, dass man das Ergebnis dieses Prozesses bereits kenne, ja sogar, dass die eigene Rasse das Ergebnis sei, widerspricht Nietzsche völlig. Unter Philosophen wurde er ab den 1950er Jahren rehabilitiert. 2019 stellte eine neue Biographie fest, dass Nietzsches politisches Denken eher europäisch als nationalistisch war, dass er die Gewalt des deutsch-französischen Krieges zutiefst bedauerte, dass er mehrere jüdische Freunde hatte und dass er zu den ganz wenigen Professoren an der Universität Basel gehörte, die für die Zulassung von Frauen stimmten. Doch da die Entführung seiner Ideen niemals rückgängig gemacht werden kann und die Entführer die Welt in eine beispiellose Katastrophe geführt haben, bleibt der Schatten bestehen.

Die Unmöglichkeit des Nietzscheanismus

Es ist schwer, einen kurzen Überblick über Nietzsches Denken zu geben; Nietzsche hat nie eine kohärente „Philosophie“, ein System des Denkens, geschaffen. Er nannte sich selbst den „Philosophen des Vielleicht“. Ein wichtiges Element ist vielmehr die Anerkennung der chaotischen und dynamischen Natur der Realität. Nietzsche zufolge muss man das Chaos bejahen: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“

Man könnte sagen, dass Nietzsche, um mehr Chaos zu schaffen, Schießpulver in den Kanon der Philosophie gestreut hat, einschließlich der Denker, die wir zuvor in unserer Reihe behandelt haben.

Nietzsche nannte Platon selbst einen Sophisten. Zudem sind Platons objektive Ideen hinter den Phänomenen, die wir wahrnehmen, lebensfeindlich, da sie nur die psychologische Schwäche widerspiegeln, die Wahrheit nicht akzeptieren zu können. Indem er diese Unfähigkeit auf die Religion projizierte, bezeichnete er das Christentum als „Platon für die Massen“.

Obwohl Nietzsche Aristoteles mehr schätzte als Platon, würde er Aristoteles' teleologische Ideen (alles hat seine feste Funktion) als Märchen abtun.

Die empirische Tradition von Hume und Mill ist in Nietzsches Augen philosophisch naiv: „Das ist kein philosophisches Rennen – diese Engländer.“

Nietzsche ist auch gegenüber Kant sehr hart. In vorschnellen Worten nannte er ihn intellektuell feige, da er versuchte, die Idee der menschlichen Autonomie vor der empirischen Wissenschaft zu retten.

Gleichzeitig ist seine Schrift so reich an unterschiedlichen Perspektiven, dass Nietzsche nicht auf eine Position oder seine offensichtliche Bestürzung über andere Philosophen reduziert werden kann. Es gibt immer eine andere Seite.

Obwohl Nietzsche Kant scharf angreift, könnte man auch sagen, dass Nietzsche sein Denken nicht weggewischt, sondern fortgeführt, ja sogar radikalisiert hat. Wie geht das? Wie wir bereits geschrieben haben, erklärte Kant, dass wir niemals direkten Zugang zu den Dingen an sich haben können (Ding an sich), sondern nur durch ein Medium (unser Bewusstsein). Ein Beispiel: Wenn Sie von Ihrem Bildschirm nach oben schauen, sehen Sie die Decke (wenn Sie sich in einem Raum befinden). Dies ist jedoch eine fiktive Geschichte, die in Ihrem Gehirn entstanden ist. Stattdessen ist etwas anderes passiert: Die Netzhaut hinter Ihren Augen fängt Lichtreflexe ein, die von einem Objekt abprallen. Ihr Gehirn macht aus der Bedeutung dieses Prozesses ein statisches Bild: die Decke. Dazu benötigt es den Begriff der „Decke“.

Während Kant eine gewisse Rationalität in der Verwendung dieser Begriffe erkannte, kam Nietzsche, inspiriert von Arthur Schopenhauer, zu einer anderen Interpretation. Ganz grob würden sowohl Nietzsche als auch Schopenhauer sagen, dass sich alles im Beispiel des Licht-Folien-Retina-Bewusstseins so verhält, wie es sich verhält, weil es den Wunsch hat, zu wollen. Nietzsche sagt in Zur Genealogie der Moral, dass der Mensch lieber nichts will, als gar nicht zu wollen. Nietzsche weicht jedoch von Schopenhauer ab, wenn er argumentiert, dass der Wille gerichtet ist und ständig strebt, während Schopenhauer behauptete, der Wille habe keinen Sinn für ein Ziel.

Die Neuerfindung des Heiligen in postreligiösen Zeiten

Nietzsche kritisierte die moderne Kultur ausgehend von seinen Ideen über das Chaos und den Willen. In Die fröhliche Wissenschaft präsentiert er eine Parabel, die zeigt, wie weit er seiner Zeit voraus ist. Die Geschichte handelt von einem Marktplatz, auf dem ein Verrückter mit einer Laterne auftaucht. Er schreit laut, dass er nach Gott suche. Die Leute auf dem Markt sind amüsiert und verspotten ihn: „Warum? Ist er denn verloren gegangen?, fragte einer. Hat er sich verirrt wie ein Kind? sagte ein anderer. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? Ausgewandert?... Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. 'Wo ist Gott hin?', rief er. 'Ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet - ihr und ich!’”

Diese Geschichte erzählt uns zwei Dinge. Erstens: Gott ist tot, das heißt, wir leben jetzt im Zeitalter des Skeptizismus, des intellektuellen Chaos. Das ist jedoch nichts, was Nietzsche gutheißt. Denn zweitens will er zeigen, dass die Menschen die Tragweite dessen, was geschehen ist, nicht verstehen. Der moderne Mensch hat lediglich das Bild Gottes durch etwas anderes ersetzt (den Markt, die Würde des Menschen, den Fortschritt), aber die Denkweise, die Grammatik Gottes, bleibt bestehen. Nach Nietzsche haben wir uns die Freiheit gegeben, aber uns fehlt die geistige Kraft, sie zu nutzen. Er will Raum schaffen für eine moderne sakrale Haltung in Dualität mit moderner Skepsis.

Porträt von Friedrich Nietzsche“ von Edvard Munch. Quelle: Wikimedia

Jenseits der Post-Wahrheit...ist die Wahrheit!

Für Nietzsche ist jeder Teil der Realität Chaos oder Auseinandersetzung. Das bedeutet, dass jeder, der Ansprüche auf die Wahrheit erhebt, sich darüber im Klaren sein sollte, dass er niemals die Wahrheit anbietet, sondern nur eine Interpretation von ihr. Im Gegensatz zu den Interpretationen einiger Autoren bedeutet dies nicht, dass Nietzsche nicht an der Wahrheit interessiert ist. Sie liegt ihm so sehr am Herzen, dass er vor wissenschaftlicher Hybris warnt, die behauptet, die Wahrheit zu kennen.

Nietzsche zufolge muss dies nicht zu einem Geisteszustand führen, in dem alles sinnlos oder moralisch akzeptabel ist. Sein Werk legt nahe, dass es möglich und notwendig ist, den Nihilismus zu überwinden, indem man eine Haltung der starken Skepsis einnimmt. Dies bezieht sich auf eine Wahrheitspraxis, die auf dem Perspektivismus basiert: Es geht nicht darum, statische Wahrheiten über die Realität zu finden, sondern darum, ein wahrhaftiger Mensch zu werden.

Fake News und Desinformation

Weil Wahrhaftigkeit für Nietzsche wichtig ist, würde er die Verbreiter von Desinformationen verachten. Jemand, der Desinformationen verbreitet, gibt implizit zu, dass er schwach ist. Nietzsche warnt auch davor, dass man einen Wahrheitsanspruch nicht von der Person trennen kann, die diesen Anspruch erhebt. Das bedeutet nicht, dass wir uns dem totalen Relativismus hingeben müssen. Es bedeutet nicht, dass alle Gründe gleich wertvoll sind und somit auch keiner wirklich wertvoll ist. Nietzsche ist in seinem Denken gnadenlos logisch. Stattdessen müssen wir wachsam sein und immer Fragen stellen: Wer erhebt diesen Anspruch? Welche Interessen haben sie? Vielleicht ist es generell gesund für eine Gesellschaft, denen, die Macht haben, etwas skeptisch gegenüberzustehen. Genau das tut EUvsDisinfo mit den staatlich geförderten Medien, von denen wir mit gutem Grund annehmen, dass sie darauf abzielen, Spannungen in unseren Demokratien zu erzeugen oder zu schüren und die Interessen des Kremls zu fördern.

Allerdings könnte Nietzsche Fehlinformationen oder „Fake News“ gegenüber gelassener sein. Natürlich gibt es viele falsche Informationen oder Behauptungen, die falsch zu sein scheinen oder sich im Nachhinein als falsch erweisen. Das ist angesichts der chaotischen Natur der Welt (und all der Krachmacher, die uns umgeben) unvermeidlich. Die Tatsache, dass sich die Menschen darüber aufregen, verrät vielleicht auch unangemessene Erwartungen an die Wahrheit und die öffentliche Debatte. Sie scheint die Realität zu leugnen, dass die Wahrheit chaotisch sein kann. Desinformation hingegen nutzt oft dieses Durcheinander und die Enttäuschung darüber aus. Das bedeutet nicht, dass wir die Gefahr der Verbreitung von Fehlinformationen nicht ernst nehmen sollten. Dennoch sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass das Phänomen selbst ein fester Bestandteil der Realität ist.

Ist alles erlaubt? Wahrscheinlich nicht.

Wenn wir also Nietzsches Vorhersage eines Zeitalters der Post-Wahrheit erleben, wie besorgt sollten wir dann sein? Seiner Meinung nach muss es nicht so düster oder dumpf zu sein, wie man es sich vorstellt. Wenn Nietzsche mit seiner Behauptung Recht hatte, dass unsere Positionen nur Perspektiven auf die Wahrheit sind, bedeutet das nicht, dass wir innerhalb der Grenzen dieser Perspektiven leben müssen. Alexis Papazoglou, der über Nietzsche und die Post-Wahrheit geschrieben hat, argumentiert, dass es wahrscheinlicher wird, dass wir in der Lage sind, etwas zu erreichen, das der „Objektivität“ nahe kommt, wenn wir unser Bewusstsein für unterschiedliche Ansichten schärfen. Psychologisch gesehen ist es vielleicht einfacher, wenn wir den Begriff der Objektivität fallen lassen, der die Menschen permanent dazu verleitet, zu glauben, dass der eine Recht hat und der andere Unrecht. In seinem Buch Zur Genealogie der Moral schrieb Nietzsche:

Je mehr Augen, verschiedene Augen, wir auf ein und dieselbe Sache richten können, umso vollständiger wird unser „Begriff“ dieser Sache, unsere „Objektivität“ sein.

In diesen Zeiten, die sowohl vernetzt als auch einsamer sind, scheint es von entscheidender Bedeutung zu sein, Menschen mit unterschiedlichen Ansichten ernsthaft zuzuhören – wie Nietzsche so viele Ansichten wie möglich zu integrieren.

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Hannah Arendt und die Fragilität der Fakten

10/08/2021

Der Faktor Einsamkeit

Heutzutage ist den meisten Menschen intuitiv klar, dass Einsamkeit zu psychischen Problemen führt. Als COVID-19 die Gesellschaften in Lockdowns getrieben hatte, wurde vielen klar, dass auch wir Menschen Säugetiere sind. Sind wir allein, leiden wir.

Eine Studie der Princeton University zeigt, dass Menschen zudem eher bereit sind, Desinformationen zu glauben, wenn sie sich ausgeschlossen fühlen. Außerdem erklären einige Experten, warum ältere Menschen aufgrund ihrer Einsamkeit eher dazu neigen, Desinformationen weiterzugeben.

Hannah Arendt, eine der außergewöhnlichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts, stellte erstmals die These auf, dass Einsamkeit politischen Extremismus begünstigt. Sie selbst hatte beides erlebt.

Im Jahr 1933 musste sie als junge Jüdin aus Deutschland fliehen. Nach dem 2. Weltkrieg schrieb sie ausführlich darüber, warum Lügen, Populismus und schließlich Totalitarismus entstehen konnten.

In ihrem Klassiker Die Ursprünge des Totalitarismus erklärt Arendt, dass der Totalitarismus historisch etwas Neues war. Er „unterscheidet sich wesentlich von anderen Formen politischer Unterdrückung“ (man denke an Despotie, Tyrannei und Diktatur), da er Terror zur Unterwerfung von Massenbevölkerungen und nicht nur von politischen Gegnern einsetzt. Am Ende ihres Buches geht sie auf einen bemerkenswerten Faktor seines Erfolgs ein: die Einsamkeit.

Aus und vorbei in Berlin

Jeder kennt die Geschichte. Der New Yorker Aktienmarkt stürzte 1929 ab und traf die Weltwirtschaft und Deutschland gnadenlos. Infolgedessen lagen Handel und Wirtschaft in Trümmern, es herrschte hohe Arbeitslosigkeit, die Gesellschaft brach auseinander. Schon vor dem Zusammenbruch hatte das Land nach dem 1. Weltkrieg zu kämpfen, doch der Wirtschaftsboom der wilden Zwanziger Jahre hatte einige sehr reich gemacht. Perfekte Bedingungen für den Aufstieg des „Massenmenschen“, der sich verlassen, isoliert und überflüssig fühlt: einsam.

Für Arendt ist Einsamkeit nicht in erster Linie der Mangel an sozialer Interaktion mit anderen Menschen, sondern vielmehr der Mangel an Selbstidentität, die ein Produkt des Zusammenseins, der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ist: „Die Erfahrung, überhaupt nicht zur Welt zu gehören“, behindert die Fähigkeit zur Identitätsbildung und lässt Raum für Terror und Totalitarismus. Das ideale Subjekt totalitärer Herrschaft ist nicht jemand mit ideologischen Überzeugungen, „sondern Menschen, für die die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion ... und die Unterscheidung zwischen wahr und falsch ... nicht mehr existiert.“

Wer die Wahrheit ausspricht, hat keine Freunde

Wie Arendt selbst erfahren hat, kann es auch einsam machen, in der öffentlichen Debatte die Wahrheit zu sagen. Sie war der Meinung, dass sie ihre Erfahrungen dokumentiert und ihre Ansichten in ihrem Schreiben über den Eichmann-Prozess mitgeteilt hatte. Im Gegenzug wurde sie jedoch persönlich angegriffen. Diese Erfahrung, so schmerzlich sie auch war, bestärkte sie darin, sich gegen Lügen in der Politik zu wenden. Arendt zufolge kann es die gemeinsame Faser der Menschheit – die Welt, die wir gemeinsam erschaffen – zerstören, wenn man akzeptiert, dass jemand lügt oder jemandem den Raum verweigert, sich seine Meinung zu bilden oder seine Erfahrung der Realität zu machen.

Titelblatt von „Eichmann in Jerusalem“. Quelle: Wikimedia

Die Inflation der Fakten

In ihrem Essay, Wahrheit und Politik aus dem Jahr 1967 stellt sie fest, dass die Wahrheit in der modernen Zeit nicht mehr als etwas Gegebenes betrachtet wird, das darauf wartet, vom Menschen entdeckt zu werden, sondern dass sie vom Geist produziert wird. Arendt unterscheidet verschiedene Grade von Wahrheiten: mathematische Wahrheiten, wissenschaftliche Wahrheiten, philosophische Wahrheiten und Fakten.

Fakten und Ereignisse sind das, was Arendt „faktische Wahrheit“ nennt; sie sind das Produkt einer Gemeinschaft, die zusammen lebt und handelt. Fakten und Ereignisse werden im kollektiven Gedächtnis und in der Geschichte festgehalten, während die kollektiven Narrative und Traditionen in Frage gestellt oder aufrechterhalten werden. Was ist ihre Funktion? Sie sollen als gemeinsame Basis dienen, auf der jeder Mensch die Möglichkeit hat, seine Erfahrungen zu machen und Sinn zu schaffen. Die Schwierigkeit bei Fakten ist jedoch, dass sie im Vergleich zu Mathematik, Wissenschaft und Philosophie zerbrechlicher sind, wie Arendt schreibt:

„Tatsachen und Ereignisse sind unendlich viel zerbrechlicher als Grundsätze, Entdeckungen, Theorien, selbst die wildesten Spekulationen, die der menschliche Geist hervorbringt. Sie ereignen sich im Bereich der sich ständig verändernden Angelegenheiten der Menschen, in deren Fluss es nichts Dauerhafteres gibt als die zugegebenermaßen relative Beständigkeit der Struktur des menschlichen Geistes. Wenn sie einmal verloren sind, kann keine rationale Anstrengung sie jemals zurückbringen.“

Fakten sind, so Arendt, immer von der Politik bedroht, da es in der Politik nicht primär um Wahrheit, sondern um Handeln geht. Doch jenseits der normalen politischen Praxis droht und ist noch gefährlicher – das, was Arendt die „organisierte Lüge“ nennt. Organisierte Lügner zielen nicht nur darauf ab, einen Teil der Wahrheit durch eine Unwahrheit zu ersetzen. Sie gehen sogar noch weiter, denn sie wollen das faktische Gefüge der Realität untergraben. Weniger philosophisch ausgedrückt: „das System mit Scheiße überschwemmen“ (in den Worten von Steve Bannon).

Durch organisiertes Lügen werden Fakten nach und nach zu reinen Meinungsäußerungen degradiert. Bei der Lektüre von Arendt wird noch deutlicher, wie das aktuelle Konzept der „alternativen Fakten“ dazu beiträgt, eine Inflation der Fakten zu erreichen.

Die vielen Fälle von revisionistischer Desinformation, die wir festgestellt haben, unterstreichen dies. Man denke nur an die Erzählungen über den 2. Weltkrieg, das Massaker von Katyn oder die falschen Geschichten über das Versprechen der NATO, niemals nach Osten zu „erweitern“.

Sogar Putin selbst hat ein bemerkenswertes Interesse an der Umschreibung der Geschichte gezeigt und mehrere geschichtsverfälschende Schriften veröffentlicht. Zum Beispiel eine, die Polen die Schuld am Ausbruch des 2. Weltkriegs gibt, eine andere, die die historische Einheit Russlands und der Ukraine beansprucht, und wieder eine andere, die den amerikanischen Machthunger als Ursache für die „Osterweiterung“ der NATO und den verfassungswidrigen Putsch in der Ukraine nennt.

Arendt zufolge verleiht die erfolgreiche Desinformation durch die Machthaber dem organisierten Lügner drei Fähigkeiten. Erstens: etwas sagen und dann behaupten, dass sie es nie getan haben. Zweitens: die Geschichte umschreiben, um ihren Interessen zu dienen. Drittens: bestimmte Gruppen (Minderheiten, politische Rivalen) als Bedrohung bezeichnen, ohne dass dies durch Beweise untermauert werden muss. Da die Fragilität der faktischen Wahrheit nicht dauerhaft behoben werden kann, müssen moderne Demokratien mit dieser inhärenten Unsicherheit leben.

All dies spricht für die enorme Bedeutung von öffentlichen Einrichtungen wie Bibliotheken, Museen, Universitäten, Gerichten und Tageszeitungen. Dies sind Orte, an denen Fakten bewahrt werden und das öffentliche Register gepflegt wird. Ohne sie würden wir eine wichtige Säule zum Schutz der faktischen Wahrheit verlieren.

Der Vorteil der Lüge

Warum haben Lügen eine Wirkung im öffentlichen Raum? Eine Antwort lautet, dass dies daran liegt, dass die Wahrheit oft unklar und unbeständig ist. Die Menschen bevorzugen Geschichten, die ihnen die Unsicherheit nehmen. Als COVID-19 vor einem Jahr die Welt erschütterte, wollten einige wirklich glauben, dass es sich um nichts Ernstes handelte, denn die Menschen haben Angst vor Veränderungen. Dies wurde von Desinformationsakteuren ausgenutzt. Im gleichen Zeitraum haben andere Narrative die Gefahren zwar anerkannt, sie aber anschließend mit bereits bestehenden Überzeugungen erklärt, wie die Bedrohung durch die globalen Eliten, böse Milliardäre oder China.

Hannah Arendt erläuterte dieses Phänomen 1971 in einem anderen aktuellen Essay: Lügen in der Politik:

„Es ist diese Zerbrechlichkeit, die die Täuschung bis zu einem gewissen Punkt so einfach und verlockend macht. Sie gerät nie in einen Konflikt mit der Vernunft, denn die Dinge könnten tatsächlich so gewesen sein, wie der Lügner behauptet, dass sie waren. Lügen sind oft viel plausibler, attraktiver für die Vernunft als die Realität, da der Lügner den großen Vorteil hat, im Voraus zu wissen, was das Publikum zu hören wünscht oder erwartet. Er hat seine Geschichte für die Öffentlichkeit so aufbereitet, dass sie glaubwürdig ist, während die Realität die beunruhigende Angewohnheit hat, uns mit dem Unerwarteten zu konfrontieren, auf das wir nicht vorbereitet waren.“

Wenn es um die Gefahren der Desinformation für die Gesellschaft geht, ist Hannah Arendt immer noch eine uneingeschränkte Autorität. Sie erkannte, dass Einsamkeit Menschen anfällig für Desinformation und Extremismus macht, und erklärte, warum Fakten so brüchig sind und Menschen anfällig für Lügen sind.

Hannah Arendt. Quelle: Wikimedia

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Karl Popper und die Nicht-Falsifizierbarkeit des Blödsinns

13/08/2021

Aufpoppende Fälschungen

Karl Popper, der 1902 in Wien geboren wurde, ist weiterhin als einer der größten Wissenschaftsphilosophen anerkannt. Er war auch ein einflussreicher sozialer und politischer Philosoph, ein selbsternannter Kämpfer gegen alle Formen von Skepsis und Relativismus in der Wissenschaft und in menschlichen Angelegenheiten im Allgemeinen. Er war ein entschiedener Verteidiger der so genannten „Offenen Gesellschaft“. Poppers Einfluss ist kaum zu überschätzen. Hermann Bondi, ein bekannter Mathematiker, drückte dies mit den Worten aus: „Die Wissenschaft ist nicht mehr als ihre Methode, und ihre Methode ist nicht mehr, als Popper gesagt hat.“

Poppers eigene Erfahrungen hatten einen starken Einfluss auf sein Denken. Als Student in den 1920er Jahren hörte Popper eine Vorlesung von Einstein. Diese Erfahrung hat ihn sehr inspiriert. Zuvor, als Teenager, hatte er mit dem Marxismus und später mit den psychoanalytischen Werken Freuds geliebäugelt. Als er jedoch Einstein zuhörte, wurde ihm klar, dass seine Theorie „riskant“ war. Das war eine positive Entwicklung. Laut Popper war Einstein wagemutig, denn es war möglich, aus seiner Theorie Konsequenzen abzuleiten, die, wenn sie sich als falsch herausstellten, die gesamte Theorie wiederlegen würden. Dieser „kritische Geist“ bei Einstein, der sowohl bei Marx (kritische Theorie ist etwas ganz anderes) als auch bei Freud völlig fehlte, war für Popper von entscheidender Bedeutung. Freud und Marx, so dachte Popper, entwickelten Theorien in Begriffen, die nur bestätigt werden konnten. Im Gegensatz dazu lieferte Einstein überprüfbare Implikationen, die, wenn sie falsch wären, die gesamte Theorie falsifizieren würden. Wie wir sehen werden, wurde dies später der Kern von Poppers Wissenschaftsphilosophie.

Natürlich haben ihn auch die Dramen des 20. Jahrhunderts stark beeinflusst. Er war bestürzt darüber, dass es den demokratischen Parteien nicht gelungen war, den Aufstieg des Faschismus aufzuhalten, und dass die Marxisten ihn förmlich willkommen hießen, da sie den Faschismus als einen dialektischen Schritt sahen, der zur Implosion des Kapitalismus führte. Später führte dies dazu, dass Popper das „Toleranzparadoxon“ aufstellte. Grob ausgedrückt bedeutet das, dass Demokraten intolerant gegen Intoleranz sein sollten. Ein starkes Argument für das Eingreifen der Regierung in Prozesse und Einrichtungen, die darauf abzielen, die Demokratie zu untergraben, wie z.B. die Verbreiter von Desinformationen.

Popper, jüdischer Abstammung, nahm 1937 eine Stelle als Philosophieprofessor in Neuseeland an, wo er während des 2. Weltkriegs blieb. Die Annexion Österreichs, seines Geburtslandes, veranlasste Popper im Jahr 1938, sich mehr mit politischer Philosophie zu beschäftigen. Im Jahr 1945 veröffentlichte er seine Kritik am Totalitarismus, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde.

Wir haben über die Macht und die Gefahren der Geschichte der „Ewigkeit“ geschrieben. Popper würde diese Geschichte als eine Form des „Historismus“ bezeichnen. Darunter verstand er den Glauben, dass sich die Geschichte unaufhaltsam und notwendigerweise auf ein festes Ende hin entwickelt, das bestimmten Prinzipien oder Regeln folgt. Popper hatte vor allem Platon als einen Philosophen im Sinn, der den Weg für diese Konzepte ebnete. Diese Ideen, so argumentiert Popper, haben ihren Ursprung in dem, was er wie folgt beschriebt:

einer der ältesten Träume der Menschheit — der Traum von der Prophezeiung, die Vorstellung, dass wir wissen können, was die Zukunft für uns bereithält, und dass wir von diesem Wissen profitieren können, indem wir unsere Politik danach ausrichten.

Eine Reihe von Poppers Werken, insbesondere Die Logik der Forschung (1959), sind heute weithin als wegweisende Klassiker auf dem Gebiet der Wissenschaftstheorie anerkannt. Der Kern des Buches ist recht einfach: eine universelle Behauptung wird durch eine einzige echte Gegenbehauptung falsifiziert. Sie hat die Entwicklung der modernen Wissenschaft stark beeinflusst und hat auch wichtige Auswirkungen auf uns, die wir uns mit Desinformation beschäftigen.

Infoshum = Blödsinn

Und nun zurück in unsere Zeit. Im Jahr 2018 schrieb EUvsDisinfo über eine besondere Art von kremlfreundlichen Medieninhalten: infoshum. Sie ist tiefgründiger, effektiver und dunkler als das Konzept der Ewigkeit.

Das Wort Infoshum hat seine Wurzeln in dem international bekannten Begriff „white noise“ (dt.: weißes Rauschen), d.h. zufälliges und bedeutungsloses Rauschen, auch bekannt als „Info-Rauschen“. Es befindet sich in der Grauzone zwischen Information und Desinformation. Wir haben Beweise dafür, dass Infoshum aktiv von kremlnahen Medien vorangetrieben wird.

Ein wichtiges Konzept, das uns hilft, Infoshum zu verstehen, ist Blödsinn.

Interessanterweise gibt es tatsächlich eine Theorie des Blödsinns, sie hat Auswirkungen auf die Desinformation. Diese Theorie wurde in dem Buch "On Bullshit" des Philosophen Harry Frankfurt vorgestellt. Die allerersten Zeilen lauten:

„Eines der hervorstechendsten Merkmale unserer Kultur ist, dass es so viel Blödsinn gibt. Jeder weiß das."

Gemäß Frankfurt ist Blödsinn etwas, das überzeugen soll, ohne sich überhaupt um die Wahrheit zu kümmern. Diese Unbekümmertheit unterscheidet eine Person, die Blödsinn erzählt, von jemandem, der lügt. Der Blödsinnerzähler ist radikaler. Menschen, die Lügen, kennen die Wahrheit und machen sich darüber Gedanken, und gerade deshalb versuchen sie, die Lüge zu verbergen. Einer Person, die Blödsinn erzählt, ist es jedoch egal, ob sie die Wahrheit sagt oder lügt. Ihr Schwerpunkt liegt allein auf der Überzeugungskraft.

Frankfurt behauptet nicht, dass es in der Gesellschaft mehr Bullshit gibt als früher. Stattdessen führt er an, dass alle Formen der Kommunikation zugenommen haben, wodurch ebenso mehr Blödsinn sichtbar wird. Als Frankfurt sein Buch im Jahr 2005 veröffentlichte, verwalteten die wertvollsten Unternehmen der Welt noch Öl und Geld statt Informationen; Facebook hatte gerade mal 6 Millionen Nutzer. Wir waren noch Jahre vom spektakulären Aufstieg der sozialen Medien entfernt.

Spulen Sie vor ins Jahr 2021, und der Blödsinn ist noch düsterer geworden, als selbst Frankfurt vorausgesagt hat. Manchmal scheint es so, als würden unsere Demokratien in Blödsinn ertrinken. Leider deckt unsere Datenbank eine ganze Menge Blödsinn.


„Eines der hervorstechendsten Merkmale unserer Kultur ist, dass es so viel Blödsinn gibt. Jeder weiß das." - Harry Frankfurt

Besetzung des Informationsraums

Warum sollte jemand Blödsinn verbreiten? Letztendlich geht es darum, den Informationsraum zu besetzen.

Wie wir bereits berichtet haben, hat eine vom Kreml finanzierte Denkfabrik eine Abhandlung veröffentlicht mit dem Titel „Sicherung von Informationen für außenpolitische Zwecke im Kontext der digitalen Realität“, in der folgende Behauptung aufgestellt wird:

„Ein vorausschauend gestaltetes Narrativ, das den nationalen Interessen des Staates entspricht, kann die Auswirkungen der Aktivitäten ausländischer Kräfte im Informationsbereich erheblich verringern, da sie in der Regel versuchen, „Leerstellen“ [im Informationsfluss] zu besetzen.“

Diese Strategie zeigt das Bestreben, die Aufmerksamkeit von einer bestimmten Wahrheit abzulenken. Wer diese Strategie anwendet, lügt also und erzählt nicht bloß Blödsinn.

Allerdings teilen der taktische Lügner und der Blödsinnerzähler eine gemeinsame Einstellung. Der Inhalt ist zweitrangig, das primäre Ziel ist die Überflutung des Informationssystems.

Aus diesem Blickwinkel sind selbst falsche Informationen, die nicht direkt schädlich zu sein scheinen, gefährlich, weil sie Raum einnehmen und die allgemeinen Bedingungen für die Wahrheitsfindung beeinträchtigen. In dieser Hinsicht ist es an sich schon bezeichnend, dass in Russland fast die Hälfte aller politischen Gespräche auf Twitter von Bots geführt werden.

Forscher konnten nachweisen, dass dies auch bezüglich COVID-19 der Fall ist. Sie untersuchten mehr als 200 Millionen virenbezogene Tweets weltweit und kamen zu dem Schluss, dass seit Januar etwa 45 Prozent dieser Tweets von Konten gesendet wurden, die sich eher wie computergesteuerte Roboter als wie Menschen verhalten.

Im Jahr 2018 hat Facebook 835 Millionen gefälschte Konten gelöscht – das sind fast zehn Prozent der Weltbevölkerung.

Steve Bannon hat bekanntlich einst gesagt: „Die Demokraten spielen keine Rolle. Die wahre Opposition sind die Medien. Und der Weg, mit ihnen fertig zu werden, ist, den Informationsraum mit Blödsinn zu überschwemmen.“


45 % der weltweit mehr als 200 Millionen Tweets über COVID-19 wurden von Konten gesendet, die sich wie computergesteuerte Roboter verhalten.

Die Falsifizierbarkeit von Bullshit

Wenn man das Informationssystem überschwemmen will, ist Blödsinn ein gutes Hilfsmittel, denn er ist möglicherweise schwerer zu falsifizieren als eine Lüge. Hier kommen wir wieder auf Karl Popper zurück, denn genau das hat er mit Falsifizierbarkeit gemeint: die Fähigkeit, eine Behauptung durch Beweise zu widerlegen.

Zum Beispiel ist die Aussage: „alle Schwäne sind weiß“ falsifizierbar. Man braucht nur einen schwarzen Schwan, um sie zu widerlegen. Dagegen ist „dieses menschliche Verhalten ist selbstlos“ eine nicht falsifizierbare Aussage. Das liegt daran, dass wir keine Hilfsmittel besitzen, um zu entscheiden, ob eine Handlung aus Eigeninteresse zustande kommt oder nicht.

Im Kontext der Desinformation funktioniert es genauso.

Wenn Sie zum Beispiel die Behauptung der BBC, der MH17-Flug sei von einem ukrainischen Kampfjet abgeschossen worden, in die Welt setzen, kann dies leicht widerlegt werden. Die betreffende BBC-Dokumentation wurde eindeutig falsch dargestellt. Schwieriger wird es jedoch, die folgende (von uns erfundene) Behauptung zu widerlegen: „George Soros ist die treibende Kraft hinter einer Geheimgesellschaft, die Farbrevolutionen unterstützt. Ihre verborgene Absicht ist es, alle Nationalstaaten zu stürzen, um Platz für eine Weltregierung zu schaffen.“

Sie kann nie vollständig widerlegt werden. Popped und Frankfurt haben jedoch gezeigt, dass auch das nicht der Wahrheit entspricht: Es deutet vielmehr stark darauf hin, dass wir es mit Blödsinn zu tun haben. Und wie wir wissen, ist Blödsinn nicht unschuldig.

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Heidegger und das Zeitalter der Weltanschauung

16/08/2021

Die unterdrückten Philosophen

Im letzten Sommer entdeckte EUvsDisinfo einen Fall, in dem behauptet wurde, dass „der Liberalismus die westliche Kultur auslöscht“ und nannte dies symptomatisch für einen „beginnenden Totalitarismus“, wenn die Ideen großer Philosophen unterdrückt werden. Dieser Fall erinnert an ein typisches, nicht falsifizierbares Metanarrativ, das besagt, dass sich die westliche Kultur von ihren Wurzeln abgekoppelt hat. Ähnliche Fälle sagen voraus, dass Europa kollabieren wird, wenn Russland ihm nicht zu Hilfe kommt. Sicherlich kann man nicht falsifizieren, dass der Liberalismus die westliche Kultur auslöscht. Es ist jedoch sicher, dass drei der fünf Denker, deren Ideen angeblich unterdrückt wurden, bereits in unserer Reihe über Desinformation und Philosophie besprochen wurden (Platon, Aristoteles, Nietzsche).

Heute wollen wir uns auf den vierten in der Liste konzentrieren: Heidegger, eine wichtige Figur der Philosophie, der selbst die westliche Kultur kritisiert hat. Von Platon bis Descartes hat er festgestellt, dass im westlichen Denken das Wissen oft mit Kontrolle gleichgesetzt wird. Er warnte davor, dass wissenschaftliches oder technisches Denken seine Grenzen hat und argumentierte, dass wissenschaftliche Strenge paradoxerweise zu Subjektivismus (und Desinformation) führen kann.

Sein und Zeit

Heidegger widmete sein Hauptwerk Sein und Zeit seinem Lehrer Edmund Husserl. Dieser Philosoph und Mathematiker wollte die Philosophie erneuern. Nach Husserls Ansicht behindert die Macht der Ideen, grob ausgedrückt, den Zugang zu den Dingen selbst, den Phänomenen. Sein philosophisches Projekt zielte darauf ab, eine Rückkehr zu den Phänomenen zu ermöglichen, was im Laufe der Zeit zu der (heutigen) Bewegung der „Phänomenologie“ führte. Diese Wissenschaft befasste sich mit den Erscheinungen der Dinge, oder mit den Dingen, wie sie in unserer Erfahrung erscheinen.

Um die Philosophie zu erneuern, fegte Husserl das Werk von Descartes beiseite. Wie einige vielleicht wissen, schuf der Franzose eine neue Grundlage der Philosophie, die nicht mehr von Gott, dem allmächtigen Schöpfer, abhängig ist, sondern vom menschlichen Subjekt, das sich die Welt vorstellt. Das Problem von Descartes war jedoch, dass das Subjekt, oder das Bewusstsein, abgetrennt war. Woher wissen wir, dass die Außenwelt mit unserem Denken übereinstimmt?

Husserl entschlüsselt das. Obwohl er ein echter Philosoph ist, hat er keine Antwort gegeben. Stattdessen argumentiert Husserl, dass die Frage auf falschen Annahmen beruht, da das Bewusstsein nicht abgetrennt, sondern intentional ist. Die Erfahrung richtet sich auf die Dinge in der Außenwelt. Bewusst zu sein, bedeutet immer, sich etwas bewusst zu machen. Die neue Frage lautet: Woher wissen wir, dass es überhaupt ein Innenleben gibt?

Heidegger formuliert die Idee von Husserl noch radikaler. Er wendet sie nicht nur auf den Bereich des Wissens an, sondern auch auf die Existenz selbst. Vor Heidegger, bei Kant, Descartes und sogar Husserl, lautete die Frage: Was kann ich wissen? Heidegger geht über das Wissen hinaus. Für ihn ist es seltsam zu behaupten: Ich denke, also bin ich. Vielmehr ist es umgekehrt: Ich bin, und das Denken ist nur eine der Seinsweisen.

Um sich von den Konnotationen zu befreien, die mit alten Begriffen wie Bewusstsein, Mensch, Seele verbunden sind, führt Heidegger einen neuen Begriff ein, um das Lebewesen, das wir selbst sind, oder die menschliche Erfahrung zu bezeichnen: das Dasein. Es bezieht sich auf eine gewisse „Offenheit“, eine pre-intellektuelle Einstellung zum Sein, die erforderlich ist, damit wir den Lebewesen auf bestimmte Weise (praktisch, theoretisch, ästhetisch) als Lebewesen begegnen können. Dramatisch ausgedrückt: Sie können ein anderes Lebewesen nicht lieben, wenn Sie nicht wissen, dass Sie selbst auch ein Lebewesen sind.

Heidegger erklärt bekanntlich, dass die Angst ein wichtiges Tor zur Selbsterkenntnis ist, weil sie uns mit unserem Ende, mit dem Nichts konfrontiert. Wenn wir diese schmerzhafte Konfrontation zulassen, können wir eine authentische Antwort auf dieses unausweichliche Defizit des Seins finden.

Das Zeitalter der Weltanschauung

Heidegger zufolge besteht das Problem der modernen Kultur darin, dass sie uns vergessen lässt, dass das Leben endlich ist. Grob gesagt, wenn wir vergessen, dass wir sterben, ignorieren wir die Totalität des Seins (Seinsvergessenheit). Heidegger stellt auf kreative Weise Begriffe in Frage, die wir tagtäglich verwenden, um zu zeigen, dass wir diese normalerweise übersehen.

„Weltanschauung“ ist ein solches Konzept. In seinem Text Zeit des Weltbildes von 1938 stellt er die moderne Zeit, die moderne Kultur und die Art, wie wir Informationen bewerten, in Frage. Dies hat Auswirkungen auf unser Denken über Desinformation.

Kurz gesagt, Heidegger charakterisiert die Moderne als von der Wissenschaft dominiert und definiert, deren Modell die experimentelle Wissenschaft ist: „Das grundlegende Ereignis der Moderne ist die Eroberung der Welt als Bild.“

Was soll das bedeuten? Heidegger zufolge geht diese Eroberung wiederum auf Descartes zurück, der vorschlug, dass der Mensch ein Subjekt ist, das auf ein getrenntes Objekt (die Welt) schaut. Das Ergebnis dieser Suche: ein Bild oder eine Sicht auf die Welt. Die Formulierung Weltanschauung impliziert eine Sichtweise, die im Gegensatz zur Welt steht. Nach Heidegger ist dies jedoch niemals möglich, da der Mensch auf die Welt blickt und gleichzeitig Teil von ihr ist. Was wir mit unserer wissenschaftlichen Methode zu tun glauben, ist, unsere subjektive Sichtweise hinter uns zu lassen, um die Welt zu verstehen, und dann mit der gewonnenen Weltanschauung in unsere Subjektivität zurückzukehren.

Heideggers Gedankengang wirft einige Fragen zur Desinformation auf.

Erstens könnten wir im Einklang mit den Verbreitern von Desinformationen, die Heidegger manchmal als Rechtfertigung für ihr Ignorieren von Beweisen benutzen, fragen: Ist Heidegger gegen die Wissenschaft oder die Technologie? Das ist definitiv nicht der Fall. Heidegger wendet sich nicht gegen die Wissenschaft, sondern gegen die Erhebung von Forschungsergebnissen zu absoluten Wahrheiten, mit anderen Worten, gegen den Szientismus.

Zweitens stellt Heidegger in seinem Denken die Dinge oft auf den Kopf und zwingt einen, in den Spiegel zu schauen. Vielleicht zeigt unsere Angst vor Desinformation auch, wie sehr uns Informationen am Herzen liegen. Vielleicht sind wir sogar ein bisschen süchtig danach, wie nach Junk Food. Denken Sie nur an die wachsende Datenmenge, die gespeichert wird. Die Informationstechnologie als Informationslogistik hat der Desinformation Auftrieb gegeben; daher ist es unwahrscheinlich, dass das Problem der Desinformation mit technischen Mitteln gelöst werden kann. Desinformation ist in erster Linie ein gesellschaftliches Problem: je weniger die Menschen bereit sind, einander zuzuhören und den Standpunkt des anderen zu respektieren, desto leichter wird es für Desinformation, dies auszunutzen. Das bedeutet auch, dass Desinformation kein Phänomen außerhalb der Moderne ist, sondern eher eine Folge davon.

Drittens warnt Heidegger davor, dass unsere objektiven Methoden in der Moderne paradoxerweise zu einem starken Subjektivismus führen können. Das klingt vielleicht kontraintuitiv. Heidegger ist der Meinung, dass der moderne Mensch, wenn er wissenschaftlich begründete Ansichten in seinen subjektiven Verstand zurücknimmt, Gefahr läuft, endlos Ansichten auf Ansichten aufzubauen, was dazu führt, dass die Ansichten völlig losgelöst von der wahrgenommenen Realität sind.

Man könnte dies mit dem biologischen Konzept der „außer Kontrolle geratenen Selektion“ vergleichen, das auf die Pfauenfedern zurückgeht. Eine Zeit lang suchten Biologen nach einer Erklärung für dieses Phänomen. Wie könnte man diese langen, extravaganten und mit Ornamenten verzierten Schwänze mit dem harten Prozess der natürlichen Selektion in Einklang bringen? Sie lösten dieses Problem mit dem Konzept der „Runaway-Selection“, der außer Kontrolle geratenen Selektion: die Evolution übertriebener männlicher Ornamente durch die anhaltende, zielgerichtete Wahl der Weibchen.

Ein Beispiel für Desinformation ist die weit verbreitete Falschmeldung, die Dänen seien „zoophil“ und Teil eines größeren moralischen Verfalls des Westens.

„Zoophilie“" ist ein schönes Beispiel für diesen Prozess in der Welt der Desinformation. Eine farbenfrohe, extravagante Geschichte, die anscheinend zu haltlos ist, um die Medienauswahl zu überstehen. Trotzdem gerät sie manchmal außer Kontrolle. Es fängt mit einer Kleinigkeit an, wie der Behauptung, dass ein dänischer Zoo unerwünschte Haustiere als Futter für Raubtiere entgegennimmt, und wird dann von Geschichte zu Geschichte maßlos aufgeblasen.

Heidegger ist ein notorisch komplizierter Gelehrter. Doch die wichtigste Lektion, die er zu bieten hat, ist vielleicht ganz einfach. Wenn wir uns der Desinformation nähern, sollten wir bedenken, dass die Personen, auf die die Desinformation abzielt, Lebewesen sind. Wie wäre es mit einem echten Gespräch bei einer Tasse Kaffee?

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Hat Foucault den Weg für die Ära der Post-Wahrheit geebnet?

20/08/2021

Wegbereiter für das Zeitalter der Post-Wahrheit?

Ideen können mächtig sein. Einigen ernsthaften Denkern zufolge haben Foucaults Ideen das Zeitalter der Desinformation und Fehlinformation oder die „Ära der Post-Wahrheit“ begünstigt.

Akademische Philosophen haben bereits in den 1980er Jahren vor der Postmoderne gewarnt, also lange vor unserem Zeitalter der Fakes. Sie versuchten sogar ernsthaft zu verhindern, dass die wichtigsten Denker dieser philosophischen Bewegung, wie Foucault und Jacques Derrida, irgendeine formale Anerkennung erhielten.

Ein Beispiel dafür war ein erbitterter Brief an die Times im Jahr 1992, in dem mehrere Philosophen gegen die Verleihung der Ehrendoktorwürde von Cambridge protestierten.

Die Betroffenheit hält bis heute an. Im Jahr 2017 bezeichnete der hochgeschätzte Philosoph Daniel Dennett die Postmodernen als „wahrhaft böse“; denn sie machten es „respektabel, zynisch gegenüber der Wahrheit und den Fakten zu sein“. Susan Neiman, eine andere bekannte Philosophin, behauptete, dass die Post-Wahrheit und die Identitätspolitik an Fahrt gewannen, weil „gebildete Menschen, die gute Universitäten besucht haben und dazu neigen, in die Medien zu gehen“, so viel Foucault gelesen haben.

Ironischerweise weckte dieser Widerstand die Neugierde auf Foucault. Was hat er gesagt, und wie schädlich war das?

Die Dekonstruktion von Michel

Michel Foucault wurde in Poitiers in Frankreich geboren und studierte Philosophie und Psychologie. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy nannte ihn einen brillanten, aber „psychisch gepeinigten“ Studenten. Im späteren Teil seines Lebens war er politisch aktiv. Oft setzte er sich in seinen Protesten für Randgruppen ein. Foucault starb 1984, ein frühes Opfer von AIDS.

Foucault wird zusammen mit Jacques Derrida allgemein als der einflussreichste postmoderne Denker anerkannt. Beide interessierten sich dafür, wie Strukturen (z. B. Institutionen und Sprache) genutzt werden, um Ordnung und Bedeutung in der menschlichen Erfahrung zu schaffen.

Nach Foucault sollte das Wissen als Struktur niemals getrennt von der Macht analysiert werden. In dieser Denkweise wurde er eindeutig von Nietzsche und, in geringerem Maße, von Heidegger beeinflusst.

Foucault wählte einen Ansatz zur Erklärung von Systemen, der sich auf Nietzsches Genealogie stützte. Er beobachtete historische Transformationen und Manifestationen von Macht und was sie für das Individuum bedeuten. Denn damit Macht wirksam ist, so argumentierte er, muss sie verborgen sein. Diese Macht lässt sich nur an den Veränderungen der sozialen und politischen Beziehungen ablesen.

In seinem viel gelesenen Werk Überwachen und Strafen untersucht Foucault die Entwicklung des Strafvollzugs. Im 18. Jahrhundert ging man von der Körperstrafe und der Todesstrafe zum Strafvollzugssystem über. Foucault betont, wie diese Reform, die das System „sanfter“ machte, auch zu einem Instrument der verschärften Kontrolle wurde: „vielleicht um weniger zu bestrafen, aber sicherlich um besser zu bestrafen“. Foucault zeigt auch, dass diese Entwicklung nicht das Ergebnis rational unvermeidlicher Entwicklungen ist, sondern das Resultat unvorhersehbarer Wendungen der Geschichte.

Panoptikum; Disziplinierung durch Technologie.

Technik stärkt die Disziplin. Foucault verwendet das Konzept des Panoptikums, um dies zu veranschaulichen.

Das Panoptikum ist der Plan des Philosophen Jeremy Bentham für das „optimale Gefängnis“. Es besteht aus einem kreisförmigen Gebäude. Jede Zelle wird nur von einem Gefangenen bewohnt und hat zwei Fenster. Das erste lässt Licht von außen herein. Das zweite zeigt auf die Mitte des kreisförmigen Gebäudes. In der Mitte befindet sich ein Turm, in dem ein Wachmann platziert werden kann, um die Gefangenen zu beobachten. Die Gefangenen – und das ist das Entscheidende – werden nie wissen, ob der Wachmann anwesend ist und ob sie beobachtet werden oder nicht. Folglich werden sie die disziplinarische Macht verinnerlichen und ihr eigenes Verhalten anpassen.

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die moderne Technologie, einschließlich der sozialen Medien, panoptische Eigenschaften aufweist.

Quelle: Wikimedia

Gleichzeitig fördert die Technologie die Subjektivität. Indem sie zum Beispiel die Illusion erweckt, dass Ihre Online-Welt ganz auf Ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist, was natürlich nicht der Fall ist, verstärkt sie die Vorstellung, dass auch die Offline-Welt nach Ihren subjektiven Bedürfnissen gestaltet werden kann.

Da ist kein Löffel

Ein Filmklassiker, der auf brillante Weise mit Ideen über Technologie, Wahrheit und Realität spielt, ist natürlich Matrix. Er hilft uns, Foucault zu verstehen.

In unserem Artikel über Heidegger haben wir geschrieben, dass die wissenschaftliche Methode paradoxerweise dazu führen kann, dass man Bilder verwendet, die auf anderen Bildern aufbauen und sich allmählich von der Realität entfernen. Die Realität wird aufgegeben. Der französische Philosoph Baudrillard nannte diese vergessene Realität bekanntlich „die Wüste des Realen“.

Das hat die Macher von Matrix inspiriert. In diesem Film ist die Realität, die die Menschen wahrnehmen, eigentlich eine Simulation, die von Computern geschaffen wurde, um die Menschen zu kontrollieren. Sie sehen nicht die Realität, sondern geschriebenen (Computer-)Text. Auch wenn sie diesen nicht als solchen erkennen.

Auf den ersten Blick erscheint dies recht postmodern: Die Realität besteht aus Text. Der Film suggeriert jedoch, dass sich hinter dieser konstruierten Realität die wirkliche Realität verbirgt.

Foucault würde die Existenz einer tieferen Realität hinter den Bildern oder unter unserer Sprache leugnen. Ihm zufolge gibt es metaphysisch gesehen keine Realität außerhalb unseres Verstandes.

Nawalny als Sprecher der Parrhesiasten

Die postmoderne Weltanschauung wird von Unsicherheit begleitet. Wie sollten wir damit umgehen? Foucaults Antwort: Lesen Sie die klassische Philosophie! Um eine gewisse Haltung der Wahrhaftigkeit im Chaos zu entwickeln, kann die Antike eine Inspiration für die Philosophie als eine der Wahrhaftigkeit verpflichtete Lebensweise sein.

Foucault entwickelte das Konzept der „Parrhesia“ als eine Art des Diskurses, in dem man offen und wahrheitsgemäß über seine Meinungen und Ideen spricht, ohne Einsatz von Rhetorik, Manipulation oder Verallgemeinerung.

Was kennzeichnet diese parrhesiastische Wahrheitserzählung? Die Kombination aus Wahrheit, Mut und Kritik. Eine Person, die die Wahrheit auf parrhesiastische Weise sagt, sagt die Wahrheit unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Der Parrhesiast spricht die „Wahrheit zur Macht“, kritisiert den oder die politischen Machthaber und geht damit bewusst das Risiko von sozialer Ausgrenzung, Exil und (in äußersten Fällen) Tod ein. Sokrates war ein Parrhesiast, ebenso wie Rosa Parks und Martin Luther King. Der ultimative Parrhesiast unserer Zeit? Es könnte Alexei Navalny sein.

Postmoderne ≠ Post-Wahrheit

Das Problem mit der postmodernen Philosophie ist vielleicht nicht die Philosophie selbst, sondern vielmehr ihre Anhänger. Einige von ihnen scheinen zu glauben, dass die Welt ein menschliches Konstrukt ist und wir sie nach Belieben umgestalten können. Diese Denkweise geht nicht von Foucault aus. Foucault würde die Ergebnisse der Wissenschaft nicht verwerfen, und sein Denken impliziert weder einen universellen Relativismus noch ein „Anything Goes“.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die behaupten, Foucault habe eine Spaltung zwischen modernistischem und postmodernistischem Denken geschaffen. Sie stellen ihn als eine Art Heranwachsenden dar, der gegen die philosophische Tradition rebelliert. Damit werden sowohl Foucault als auch diese Tradition falsch dargestellt. Wie wir gesehen haben, schrieb bereits Kant, gewiss kein Subjektivist, über die problematische Subjekt-Objekt-Beziehung und über die Schwierigkeiten für uns als Subjekt, sicher zu sein, dass wir das Objekt wirklich kennen.

Die Dekonstruktion der Konzepte, die unserer Gesellschaft zugrunde liegen, ist eine heikle Angelegenheit. Das sollte jedoch nicht zum Ausschluss von Foucault führen. Die Alternative zu diesem Risiko würde schlimmer sein, denn sie könnte dazu führen, dass das kritische Denken aufgegeben wird. Wie Arendt gesagt hat, ist „das Denken selbst gefährlich“.

Ein Blick auf die Machtverhältnisse hinter dem öffentlichen Diskurs sollte nicht zwangsläufig zu Zynismus, Desinformation und Spaltung durch Identitätspolitik führen.

Jemand, der bestimmte Wahrheiten, soziale Normen oder Institutionen dekonstruiert, muss nicht zwangsläufig als verhärteter Identitätspolitiker enden. Denn wer sich wirklich der Dekonstruktion verschrieben hat, sollte auch seine eigene Identität dekonstruieren, wie der Publizist John Gray betonte.

Mit Foucault könnten wir sagen, dass wir unsere eigene Identität nur kennen können, wenn wir erkennen, dass sie sich ständig verändert. Dieses Verständnis der Relativität der eigenen Identität sollte die Konversation mit anderen (mit ähnlichen relativen Identitäten) wesentlich erleichtern.

In der Praxis ist dies jedoch für die meisten von uns nicht einfach. Vielleicht ist es bei Foucault also genau umgekehrt. Sein Denken ist vielleicht nicht zu zynisch, sondern eher zu idealistisch in der Erwartung, dass die Menschen bereit sind, sich auf eine offene Diskussion einzulassen.

Die Frage ist vielleicht nicht, ob Foucault Recht hatte oder nicht, oder einfach nur böse war, sondern vielmehr:

Sind wir als Gesellschaft in der Lage, einen öffentlichen Diskurs zu führen und gleichzeitig bereit, unsere eigenen Positionen und Identitäten kritisch zu hinterfragen und zu dekonstruieren?

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Forum vs. Tribüne = Habermas vs. Schmitt

24/08/2021

Medien auf dem Boden der politischen Philosophie

Unsere treuesten Leser wissen, dass wir Theorien darüber aufgestellt haben, wie die kremlnahen Medien und die Medien in demokratischen Gesellschaften funktionieren. Sie werden nach zwei unterschiedlichen Konzepten gruppiert: Medien als Forum oder Medien als Tribüne. Dies ist natürlich ein theoretisches Modell, das zwei ideale Arten von Beziehungen zwischen den Medien und ihrem Publikum abbildet. Diese beiden Typen passen weitgehend in das breitere Denken zweier Gelehrter über Demokratie: Carl Schmitt und Jürgen Habermas. Schmitt nimmt Politik durch die Freund-Feind-Dichotomie wahr, während Habermas auf die Deliberation zwischen gleichberechtigten Bürgern (oder Medien) abzielt. Im Folgenden werden wir diese Beziehung aufschlüsseln.

Die Medien als Tribüne: Angriff, Schuldzuweisung und Diffamierung

Im Jahr 2019 haben wir erklärt, wie die kremlnahen Medien konzeptionell als „Tribüne“ arbeiten. Sie hat folgende Merkmale: Kommunikation von oben nach unten, Loyalität gegenüber der Hierarchie und nur zwei Arten von Äußerungen: Lob oder Verurteilung.

Das Konzept der Tribüne ist in erster Linie eine Plattform für die Verbreitung der Ideen und Werte derjenigen, die diese Plattform kontrollieren. Es ist ein Prozess von oben nach unten, bei dem vom Publikum erwartet wird, dass es die Vorstellungen passiv akzeptiert und von den Machthabern Anweisungen erhält, wie es zu handeln und was es zu denken hat. Das Konzept basiert auf der bedingungslosen Loyalität des Publikums.

Diese Idee hat sogar die institutionelle Struktur von zwei Säulen der kremlfreundlichen Desinformation durchdrungen: Sputnik und RT. Sputnik wurde durch einen Erlass des Präsidenten mit dem Ziel gegründet, „über die staatliche Politik Russlands im Ausland zu berichten“. RT wird vollständig von der russischen Regierung finanziert und wurde in eine offizielle Liste von Kernorganisationen mit strategischer Bedeutung für Russland aufgenommen. Wenn Sie mehr über die Arbeitsweise von RT und Sputnik erfahren möchten, lesen Sie diesen früheren Artikel.

Aus ihrer Sicht sind Journalisten, Richter und Politiker, die sich unabhängig von den Machthabern verhalten und kritisch schreiben, auf rechtliche Probleme der Gesetzgebung hinweisen oder alternative Politiken vorstellen, existenziell bedroht. Daher gehen die kremlfreundlichen Medien oft nicht auf ihre Inhalte ein, sondern versuchen, ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben.

Ein paar Beispiele.

Wenn investigative Organisationen wie Bellingcat bei der Untersuchung des Giftanschlags auf einen der prominentesten Oppositionsführer des Kremls wie Nawalny zu unbequemen Ergebnissen kommen, konzentrieren sich die kremlnahen Medien nicht auf die Recherche selbst. Stattdessen greifen sie das Kollektiv an und stellen es als eine Fälschungsfabrik dar. Da die kremlfreundlichen Medien ihre eigene Fabrik haben, verrät die Sprache auch ein großes Maß an Projektion.

Aus diesem Grund gibt es viele, viele, viele Versuche, Nawalnys Ansehen zu untergraben.

Die Rechtsstaatlichkeit ist auch für den Schutz der Medienfreiheit unerlässlich. Daher ist es nur logisch, dass kremlnahe Medien oft den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angreifen.

Schmitt und die existenzielle Notwendigkeit der Auseinandersetzung

Einer der größten politischen Denker unserer Zeit, der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev, hat auf den Einfluss Schmitts auf die zeitgenössische russische Staatskunst und Außenpolitik hingewiesen (mit Auswirkungen auf die russischen Desinformationsaktivitäten).

Obwohl Schmitt weithin als brillanter Denker anerkannt ist, ist sein Ruf als „Kronenjurist“ des Nationalsozialismus düster. Nachdem Hitler 1933 an die Macht kam, stellte sich Schmitt auf die Seite der Nazis. Mit der Zeit erlangte er eine einflussreiche Position und zögerte nicht, diese zu nutzen, um Verteidigungen gegen außergerichtliche Tötungen von politischen Gegnern und gegen Bemühungen zu veröffentlichen, den jüdischen Einfluss in der deutschen Rechtsprechung auszulöschen.

Was hat Schmitt also geschrieben, das uns heute noch fasziniert? Warum wird er von politischen Theoretikern immer noch ernst genommen? Die Antwort dreht sich um eine scheinbar einfache Frage. In seinem Essay Das Konzept der Politik von 1932 fragte er: Was ist das Politische?

Schmitt ist nicht auf der Suche nach einer bestimmten Lebensweise oder einer bestimmten Reihe von Institutionen, sondern nach dem Kriterium, bestimmte Arten von Entscheidungen zu treffen. Zum Vergleich: In der Ethik wären es „gut“ und „böse“, in der Ästhetik „schön“ und „hässlich“. Seine Antwort: Alle Handlungen und Motivationen in der Politik laufen letztlich auf eine Unterscheidung zwischen „Freund“ und „Feind“ hinaus. Um es klar zu sagen: Der Feind ist keine moralische Kategorie, er ist eher eine öffentliche als eine persönliche Entität. Dennoch ist der Feind für Schmitt existentiell, in dem Sinne, dass man einen Feind braucht, um sich zu definieren. „Sagen Sie mir, wer Ihr Feind ist, und ich werde Ihnen sagen, wer Sie sind“, schreibt er.

Indem er den Wert der Auseinandersetzung zwischen Gegnern verteidigt, weicht Schmitt radikal von der Tradition der politischen Philosophie ab. Nach Hobbes, der den Leviathan erfand, um die Feindschaft im Naturzustand zu überwinden, entwickelten politische Denker Modelle, um die Aggression einzudämmen.

Es ist kein Wunder, dass dies auch genau das ist, was Schmitt an der liberalen Demokratie missfällt: Sie zielt darauf ab, Konflikte zu neutralisieren. Ihm zufolge haben sich gesunde Konflikte in modernen Gesellschaften verflüchtigt. Zum Beispiel durch Transaktionen auf dem Markt, durch rechtliche Verfahren in den Justizsystemen und, was am schlimmsten ist, durch ewige öffentliche Beratschlagungen im Parlament. Das Fehlen einer Auseinandersetzung innerhalb der Demokratie, der für die Entwicklung einer Identität entscheidend ist, hat die Individuen in atomare Einheiten (Verbraucher, Kunden oder Wähler) verwandelt.

Es ist daher kein Zufall, dass Sputniks CEO und Chefredakteur Dmitri Kisseljow der Redaktion mitgeteilt hat: „Die Zeit des unparteiischen Journalismus ist vorbei. Objektivität ist ein Mythos.“

Politische Theologie, Darstellung von Schmitts Theorie der Souveränität (1922), Quelle: Wikimedia

Medien als Forum

Medien als Forum ist ein Konzept, das sich auf ein völlig anderes Verhalten bezieht als Medien als Tribüne. Sie spiegelt die Ideen von Habermas wider.

In einer Demokratie tragen die Medien zu einem Raum bei (bzw. sollten beitragen), den Habermas die herrschaftsfreie Kommunikation genannt hat, oder einen Kommunikationsraum, der frei von Herrschaft ist. In groben Zügen haben sie die folgenden Eigenschaften: Peer-to-Peer-Kommunikation und eine von Natur aus kritische Haltung. Ihre Hauptaufgabe: unabhängige Befragung. Während das Tribünenmodell vielleicht am besten durch ein Ausrufezeichen charakterisiert wird, ist dies beim Forenmodell das Fragezeichen.

Das Konzept des Forums basiert auf einem horizontalen Austausch von Ideen und Ansichten. Generell eignen sich die Medien als Raum für den öffentlichen Diskurs. Das Forum ist kein Ort, an dem Entscheidungen getroffen werden: es ist ein Ort der Debatte, des Hinterfragens, der Prüfung und der Kritik. Ein erfolgreiches Forum kann laut, rau und sogar vulgär sein. Es kann moderiert, aber niemals kontrolliert werden.

Habermas verteidigt die Deliberation

So wie das Tribünenmodell zu Schmitts Denken passt, passt das Forumsmodell zu Habermas' Denken. Er würde die tribunale Art der Argumentation wahrscheinlich als „instrumental“ bezeichnen, die er scharf von der „kommunikativen“ Art der Argumentation abgrenzt.

Wer ist Habermas, was hat er über Kommunikation gesagt und wie passt das in sein umfassenderes Konzept der Demokratie?

Jürgen Habermas, der einzige heute noch lebende Philosoph unserer Reihe, ist weithin als einer der einflussreichsten unserer Zeit anerkannt. Er verbindet auf bemerkenswerte Weise kontinentaleuropäische und anglo-amerikanische Denktraditionen. Man könnte sagen, sein philosophischer Ehrgeiz besteht darin, den traditionellen Anspruch der Philosophie auf Universalität und Rationalität in bescheidenere, fallibilistische, empirische Ansätze zur Wahrheit einzubetten. Er hat sich an Debatten mit einer Vielzahl von Denkern beteiligt (Gadamer, Putnam, Foucault, Rawls und Derrida).

Das Herzstück von Habermas' Konzept der Demokratie ist die Deliberation. Denn das Produkt der Demokratie ist die Gesetzgebung, die die Bürger potenziell unter Zwang setzt: „Nur solche Gesetze können Legitimität beanspruchen, die in einem diskursiven Prozess der Gesetzgebung, der seinerseits rechtlich konstituiert wurde, die Zustimmung aller Bürger finden können.“ Kurzum, im Idealfall sollten die Menschen in der Lage sein, sich selbst als Mitverfasser von Gesetzen zu verstehen.

Im Mittelpunkt dieses diskursiven Prozesses steht Habermas' Theorie des kommunikativen Handelns. Nach Habermas teilen die Teilnehmer am kommunikativen Handeln die gegenseitige Überzeugung, dass ihre Ziele „inhärent vernünftig“ oder „verdienstvoll“ sind. Auf dieser Grundlage können die Teilnehmer ihre kollektiven Aktionen und Ambitionen koordinieren. Dies unterscheidet sich von strategischem Handeln, das für das Erreichen persönlicher Ziele entscheidend ist. Für Habermas ist kommunikatives Handeln erfolgreich, wenn die Teilnehmer darin übereinstimmen, dass ihre Ziele vernünftig sind.

Kommunikatives Handeln ist an die „Rationalität des Diskurses“ gebunden. Was soll das bedeuten? Habermas erklärt, dass ein Sprechakt dann verstanden wird, wenn der Empfänger eine „bejahende Position“ zu der Aussage einnimmt, die gemacht wurde. Der Empfänger geht davon aus, dass die Aussage auf guten Gründen beruhen könnte. Wenn diese Bejahung jedoch nicht stattfindet, könnten die Kommunikatoren von der normalen Sprechaktivität zum „Diskurs“ übergehen, einer Praxis der Argumentation und des Dialogs. Folglich werden Aussagen (rational) als wahr, richtig oder authentisch geprüft. Auf der öffentlichen Ebene sind die Medien in diesem Prozess unverzichtbar. Für Habermas erfordert die soziale Ordnung letztlich, dass die Teilnehmer die „intersubjektive Gültigkeit“ der Aussagen konstituieren, die für die soziale Zusammenarbeit erforderlich sind.

Jürgen Habermas, Quelle: Wikimedia

Die wahre Auseinandersetzung

Schmitt behauptet, dass die liberale Demokratie die Menschen in schwache atomare Einheiten verwandelt. Sie brauchen eine Auseinandersetzung, um ihre eigene Identität zu finden. Schmitt selbst ist jedoch nicht in der Lage zu erklären, warum in der von ihm bevorzugten Situation die Individuen nicht gleichermaßen atomisiert sind, vielleicht nicht als Konsumenten, sondern diesmal als ewige Gegner.

Schmitts Theorie der Demokratie untermauert das Modell der Medien als Tribüne. Auf der anderen Seite des Spektrums erklärt Habermas' Theorie, warum Deliberation wichtig ist, um Gesetze und Entscheidungen zu legitimieren, von denen einige Menschen profitieren, andere aber nicht. Pluralistische Medien, die gleichberechtigt berichten, sorgen dafür, dass alle unterschiedlichen Positionen und Interessen gehört, geprüft und abgewogen werden.

Es ist eine Warnung erforderlich. Die Landkarte ist nicht das Territorium; das Forumsmodell entspricht nicht unbedingt der Realität in unseren Demokratien. Und selbst wenn dies der Fall wäre, wäre dies keine Selbstverständlichkeit. Schon Arendt hat uns daran erinnert, dass es ein gesundes Ökosystem von Journalisten, Anwälten, Gerichten, Wissenschaftlern und Historikern braucht. Vielleicht sogar Theater und Kunst, könnten wir hinzufügen. Inspiriert von Foucault, haben wir betont, dass es auch Teilnehmer braucht, die nicht nur bereit sind, die andere Seite zu dekonstruieren, zu untersuchen und zu kritisieren, sondern auch ihre eigene.

Vielleicht besteht die eigentliche Auseinandersetzung darin, genug Mut in sich selbst zu finden, um sich auf ein echtes Gespräch mit „der anderen Seite“ einzulassen?

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    Death of Stalin (2017)

    This comedy explores historical revisionism, and perhaps what the Kremlin fears most in historical remembrance. The film was eventually banned from screening in Russia. Pavel Pozhigaylo, a member of the Russian Culture Ministry’s advisory board said about it: “The film desecrates our historical symbols — the Soviet hymn, orders and medals, and Marshal Zhukov is portrayed as an idiot.”

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    Network (1976)

    A television network exploits a crazed former anchor’s ravings and revelations about the news media for its own profit. Quite prophetic considering this movie was made in the 70’s.

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    Operation InfeKtion: How Russia Perfected the Art of War (2018)

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  • Films

    The Great Hack (2019)

    Documentary by Netflix. It explores how a data company (Cambridge Analytica) came to symbolise the dark side of social media in the wake of the 2016 U.S. presidential election, as uncovered by journalist Carole Cadwalladr.

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  • Films

    The Hater (2020)

    Netflix’s production exploring the dark world of social media smear tactics and its violent real-life consequences. A young man searches for purpose in a net of hatred and violence that he tries to control.

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  • Films

    The Social Dilemma (2020)

    Netflix’s production is a great watch on the impact of social media on our societies and our mental health. Also interesting to crosscheck is Facebook’s responses to the creators.

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  • Films

    Truman Show (1998)

    An insurance salesman discovers his whole life is actually a reality TV show. While critically portraying the role of modern media (even before the rise of the Internet), the film plays with themes such as human autonomy and reality.

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    Wag the Dog (1997)

    This comedy is about a spin-doctor and a Hollywood producer, who shortly before an election join efforts to fabricate a war in order to cover up a Presidential sex scandal. Starring Dustin Hoffman, Robert de Niro, Willie Nelson, Kirsten Dunst and Woody Harrelson.

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    BBC Reality Check

    Role-play game for young media professionals. Your role as a BBC journalist is to cover a breaking news story to be featured on “BBC Live” site. Teaching how to balance accuracy, impact and speed in live reporting.
    Available in English

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  • Games

    Cat Park

    The game simulates the tactics and techniques of media manipulation that are used in the real world to exploit social tensions for personal or political game. For users 15+. Developed by the U.S. Department of State GEC.

    Available in English, Dutch, French and Russian

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  • Games

    Cranky Uncle

    The Cranky Uncle game uses cartoons and critical thinking to fight misinformation. Available on iPhone and Android. Teachers’ Guide to Cranky Uncle
    Available in English

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  • Games

    Cyberbullying

    Learn how to deal with cyberbullying.
    Available in Armenian, Azeri, English and Georgian

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  • Games

    Detect Fakes

    At Detect Political Fakes, we will show you a variety of media snippets (transcripts, audio, and videos). Half of the media snippets are real statements made by Joseph Biden and Donald Trump. The other half of the media snippets are fabricated. The media snippets that are fabricated are produced using deepfake technology. We are asking you to share how confident you are that a media snippet is real or fabricated.
    Available in English

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  • Games

    Disinformation Diaries

    The Disinformation Diaries is a game-based media literacy tool to help you better understand how disinformation and deepfakes can interfere with democratic elections.
    Available in Albanian, English, French and Georgian

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  • Games

    Dr Fake

    Dr. Fake has invaded the Media Literacy City! A player has to confront four of his companions: Mr. Deepfake, Mr. Troll, Mr. Clone and Mr. Phisher and answer their questions correctly.
    Available in Armenian, Azeri, English and Georgian

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  • Games

    Factitious 2020

    A game intended to help players learn how to identify fake news stories. The game shows actual news articles, without revealing their publication source until the player clicks to see it. Are they true or false?
    Available in English

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  • Games

    Fajnie, że wiesz

    Game teaching resilience to disinformation based on true / false answers. Developed by Polish NGO Demagog.
    Available in Polish

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  • Games

    Fake It To Make It

    Simulation-style social-impact game. Players take on the role of someone creating and distributing fake news for a profit.
    Available in English and German

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  • Games

    Fake News Bingo

    Bingo game on disinformation to print out.
    Available in German

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  • Games

    Fakey

    The game teaches media literacy, though differentiation and analysis of news.
    Available in English

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  • Games

    Fakt oder Fake: Das Handysektor Fake News Quiz

    Spot disinformation on social media. Can you tell the difference between facts and fakes?
    Available in German

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  • Games

    GeoGuessr

    GeoGuessr is a geography game, in which you are dropped somewhere in the world in a street view panorama and your mission is to find clues and guess your location on the world map. Great game to practice geo-location skills.
    Available in Dutch, English, French, German, Italian, Portuguese, Spanish, Swedish and Turkish

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  • Games

    Get Bad News

    In Get Bad News, you take on the role of fake news-monger. Drop all pretence of ethics and choose a path that builds your persona as an unscrupulous media magnate. For persons 14 years +.

    Includes teachers’ guide.
    Available in Bosnian, Czech, Danish, Dutch, English, German, Romanian.

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  • Games

    Get Bad News Junior

    Get Bad News version for children (8-10 years old).
    Available in English

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  • Games

    Go Viral Game

    GO VIRAL! is a 5-minute game that helps protect you against COVID-19 misinformation. You’ll learn about some of the most common strategies used to spread false and misleading information about the virus.
    Available in Croatian, English, Estonian, French, Georgian, German, Italian, Latvian, Polish, Portuguese, Russian, Spanish, Ukrainian

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  • Games

    Grandma’s Album

    A game teaching geolocation skills. Great resource for history class.
    Available in Armenian, Azeri, English and Georgian

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  • Games

    Harmony Square Game

    The game’s setting is the idyllic Harmony Square. You are hired as Chief Disinformation Officer. The goal of the game is to expose the tactics and manipulation techniques that are used to mislead people, build up a following, or exploit societal tensions for political purposes.
    Available in Arabic, Bahasa Indonesia, Czech, Dutch, English, French, German, Hungarian, Latvian, Mandarin, Portuguese, Russian, Slovenian, Spanish, Tagalog, Vietnamese

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  • Games

    Hate or Tolerate

    Imagine that you are a journalist. The game gives you an opportunity to independently build a story and publish it, seek sources, verify facts, balance opinions. It teaches tolerance.
    Available in Armenian, Azeri, English and Georgian

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  • Games

    Measure the Truth and Your Nose

    A player evaluates credibility of information and various propaganda methods. To do so, the player must select one of four alternative answers. If the answer is incorrect, player’s nose will grow in Pinocchio’s style.
    Available in Armenian, Azeri, English and Georgian

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  • Games

    Media Literacy Mission Game

    Highly engaging game with Ukraine-specific examples. Aimed at audience 18+.
    Available in English and Ukrainian

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  • Games

    Mediabattle

    Mediabattle is a media literacy game for school children.

    Available in Armenian (Ukrainian, Romanian and Belarusian versions are available on their national platforms)

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  • Games

    News Literacy Project Quizzes

    Collection of quizzes testing vetting news sources, social media behaviour, conspiracy theories thinking, the work of the newsroom and many more.
    Available in English

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  • Games

    Observation Online Challenge

    A quick visual resource to sharpen your observation skills. Each photograph contains visual clues to help you identify where it was taken.
    Available in English

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  • Games

    Online Course: Disinformation and Deepfakes

    Online course on disinformation and deepfakes in the context of election interference designed by Alliance of Democracies and Canopy LAB.
    Available in English

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  • Games

    Pilna Doma

    Pilna Doma offers three interactive media literacy trainings for high school students: ‘Reliable source of information’, ‘To share or not to share’, ‘Become a journalist’. It is a media literacy project initiated by Baltic Centre for Media Excellence in cooperation with British Council and US Embassy Riga.
    Available in English

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  • Games

    Post Facto

    Post Facto is a game where you become the fact-checker. Read the story that robot FactyPlex 5000 has been sharing on social media, and investigate the clues to determine if it is real – or fake!
    Available in English

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  • Games

    P’tit Libé

    Climate change related disinformation. Game for young audiences.
    Available in French

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  • Games

    Quack Hunter

    Distinguish false information form real. Catch the ducks and assess the information that they are carrying.
    Available in Armenian, Azeri, English and Georgian

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  • Games

    Shopping in Milan

    Learn how to avoid phishing and online scams.
    Available in Armenian, Azeri, English and Georgian

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  • Games

    The Adventures of Literatus

    The Adventures of Literatus is a fact-checking game designed for teenagers. There is a board game available. Created by Media Initiatives Center.

    Available in Armenian, Georgian, English, Polish, Ukrainian and Romanian

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  • Games

    Troll Factory

    Troll Factory shows you first-hand how information operations work on social media. The goal of the game is to illustrate how fake news, emotive content and bot armies are utilized to affect moods, opinions and decision-making.
    Available in English

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  • Games

    Troll Island

    Learn how to recognize online trolls.
    Available in Armenian, Azeri, English and Georgian

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  • Games

    Tsantsar

    Tsantsar is a digital literacy game focused on safety and data protection designed for adults.

    Available only in Armenian

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  • Games

    Verif!cation Quiz Bot

    Series of quizzes posted daily on Twitter.
    Available in English

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  • Podcasts

    Acht Milliarden

    Weekly podcast by Der Spiegel on foreign affairs.
    Available in German

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  • Podcasts

    Different Lawfare Institute Podcasts

    Lawfare currently hosts eight podcasts offering a variety of perspectives on national security. Our recommendation: The Lawfare Podcast and the Arbiters Of Truth episodes on disinformation and platform policy, #LiveFromUkraine and ChinaTalk.
    Available in English

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  • Podcasts

    DW News Show

    Podcast by Deutsche Welle with Alexander Plyushchev and Tatyana Felgenhauer. Commenting current affairs, ina particular Russia’s war in Ukraine.
    Available in Russian

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  • Podcasts

    History Keepers Podcast

    To raise awareness about Ukrainian history and to counter Russian disinformation which aims to spread falsified information about the past, Media and Communication Educational and Research Center (MCERC) teamed up with a local online media platform Publika and launched a series of “History Keepers” podcasts. The series is narrated by Olena Shevchenko from Taras Shevchenko State University.

    Available in Russian with Georgian subtitles

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  • Podcasts

    Information War

    Podcasts on the information war with Jessika Aro and Liz Wahl, who have “been on the front lines of the information war before most of the world even knew there was an information war”.
    Available in English

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  • Podcasts

    Majlis – Radio Free Europe / Radio Liberty

    Weekly podcast about significant political developments and pressing social issues affecting the nations of Central Asia. Host Bruce Pannier with his guests.
    Available in English

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  • Podcasts

    Power Corrupts

    The podcast on the intersection of power and corruption over topics such as conspiracy theories, unbelievable stories, election rigging and many more.
    Available in English

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  • Podcasts

    Radio Sweden Russian

    Podcast about current affairs in Russia and war in Ukraine by Radio Sweden.
    Available in Russian

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  • Podcasts

    Russian fake, go to ***!

    Daily podcast by Detector Media, demystifying Russian disinformation in the context of war in Ukraine. It also offers tips on how to avoid falling for disinformation. Host Vadym Misky.

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  • Podcasts

    The Naked Pravda

    The Naked Pravda highlights how our top reporting intersects with the wider research and expertise that exists about Russia. Here you’ll hear from the world’s community of Russia experts, activists, and reporters about issues that are at the heart of Meduza’s stories and crucial to major events in and around Russia.
    Available in English

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  • Podcasts

    The Week Ahead In Russia

    Radio Free Europe / Radio Liberty podcasts about weekly most important developments in Russia. It’s hosted each Monday by Steve Gutterman, and features a rotating panel of guests.
    Available in English

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  • Podcasts

    Ukrainian Spaces

    What matters for Ukrainians discussed by the Ukrainians. Amplifying their voices and topics important to them.
    Available in English

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  • Podcasts

    War on Truth

    What’s fake, what’s real? Stories from the information war over Ukraine. BBC disinformation reporter Marianna Spring speaks to people caught up in the battle for the truth. Podcast by BBC Radio 4.
    Available in English

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  • Podcasts

    Wind of Change

    8-part miniseries on the “Wind of Change” by the Scorpions. Namely, whether it was a plot by the CIA to undermine the Soviet Union. A highly enjoyable and professionally narrated entertainment.
    Available in English

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  • Podcasts

    Голос Америки (Voice of America in Russian)

    News podcast on current affairs in Russia and beyond.
    Available in Russian

    ANSEHEN
  • Podcasts

    Кавачай (Kavachay)

    Ukrainian journalist Anna Filimonova and Russian journalist Aleksey Ponomaryov discuss what is happening in Ukraine and Russia.
    Available in Russian

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  • Podcasts

    Текст недели (Text of the Week)

    Meduza’s podcast discussing most notable Meduza’s text of the week. Here you can hear the voices of the characters, a conversation with the author, details that were not included in the text, and music specially written for this story.
    Available in Russian

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  • Podcasts

    Что Нового (What’s new)

    Novaya Gazeta’s podcast about major events in Russia and around the world. The podcast has been suspended, but it is still possible to listen to the old episodes.
    Available in Russian

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  • Podcasts

    Что случилось (What happened)

    Meduza’s news podcast. Comes out Monday-Friday. Each issue is dedicated to one topic, rather than all events of the day. Host journalist Vladislav Gorin and his guests.
    Available in Russian

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  • Teaching Tools

    Better Internet for kids

    Resources for teachers, parents and children. Lessons plans, courses, games and teaching resources and discover the online world safely. Platform run by Safer Internet Centres, the European network, which informs, advises and assists children, parents, teachers and carers on digital questions and fights against online child sexual abuse.
    Multiple languages

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  • Teaching Tools

    Check or Cheat

    A collection of educational material for secondary education students and teachers to learn how to critically evaluate media content, fact check and build resilience to disinformation. Features teacher training, cards game, educational material.
    Available in English, Greek, Lithuanian and Spanish

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  • Teaching Tools

    Conspiracy Theories: what teachers need to know

    Guidebook on conspiracy theories prepared by UNESCO.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    Council of Europe

    Reference Framework of Competences for Democratic Culture. The Council of Europe has developed a set of learning activities that may be used in primary and secondary education, all of which are based directly on the disinformation challenges raised by the COVID-19 pandemic.
    Available in English and French

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  • Teaching Tools

    Council of Europe Materials

    Dealing with propaganda, misinformation and fake news, definitions, recommendations.
    Available in English and French

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  • Teaching Tools

    Countering Disinformation Guidebook

    The guide is divided into three categories, examining the roles of specific stakeholder groups in building a democratic information space, legal, normative, and research responses, as well as dimensions for addressing disinformation and other harmful forms of content targeting women and marginalized groups.
    Available in Arabic, English, French, Russian, Spanish.

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  • Teaching Tools

    CrAL

    Creative Audiovisual Lab. The aim of the project is to enhance critical thinking and media literacy among young people between 14-19 years old, parents, and educational staff. Features and online training for teachers and trainers.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    Digital resistance handbook for teachers

    Handbook for teachers by the Council of Europe on how to support their students to recognise fake news and false information found in the online environment.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    Disarming Disinformation

    List of resources by the Global Engagement Center (GEC) of the U.S. Department of State. It includes infographics, taxonomy and literature, among others.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    DO’s and DON’Ts on Twitter: Defend Democracy

    The list of basic actions to deal with disinformation and propaganda on Twitter. suitable for all twitter users and to explore in classrooms. Prepared by the Defend Democracy NGO.

    Available in English

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  • Teaching Tools

    E-learning: vaccination

    E-learning course on how to address online vaccination misinformation offered by the European Centre for Disease Control.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    eSafety Commissioner

    Australian parent guide to mental health: webinars, resources and trainings to help young people develop strategies for their mental health while they are online.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    eTwinning

    Teaching Media Literacy with eTwinning. Best practices, project ideas.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    EU Gudelines for teachers and educators

    The Guidelines for teachers and educators on tackling disinformation and promoting digital literacy through education provide hands-on guidance for teachers and educators, including practical tips, activity plans, insights on topics and cautionary notes grounded in what works as concerns digital literacy and education and training.

    Available in English, Bulgarian, German, French

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  • Teaching Tools

    EU Neighbours East

    Training opportunities for media and Civil Society Organizations across Eastern Partnership countries.
    Available in English, Armenian, Azeri, Georgian, Romanian, Russian and Ukrainian

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  • Teaching Tools

    EuroGuide Toolkit

    The guide offers teachers and social workers practical tools to respond to socio-political or religious arguments in order to prevent radicalisation in the school. Guidance is offered on how to create resilient environments and safe spaces where vulnerable young people can open up, sharpen their social and emotional skills, and improve their self-esteem.
    Available in English, Dutch, French, Hungarian, Italian and Swedish

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  • Teaching Tools

    Fact4All

    European Schoolnet has published an online MOOC to foster critical thinking and tackle online disinformation through intergenerational collaboration and community engagement. The course is targeted at primary and secondary school teachers of any subject.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    Fakescape

    Fakescape is an escape game teaching media literacy to high school students (14+). It can be played in a classroom during a 45 minutes class. Run by a Czech NGO.

    Available in English and Czech

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  • Teaching Tools

    Get Your Facts Straight

    The platform offers a 10-hour media literacy training course on disinformation on social media for 14–16-year-olds as well as their parents and grandparents. The course focuses on what disinformation is, why it is vastly present on social media, and how to recognise and respond to disinformation. The course can be implemented both in schools, as well as in non-formal educational settings such as youth clubs, libraries and NGOs. By ALL DIGITAL.
    Available in English, Bulgarian, Catalan, Croatian, German, Italian, Latvian, Romanian and Spanish

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  • Teaching Tools

    Global Media and Information Literacy Week

    Resources, best practices, events across the globe marking the Global Media and Information Literacy Week.
    Available in English, French, Spanish, Russian, Arabic and Chinese

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  • Teaching Tools

    Guide for Public Communicators

    Strategic Communications guide for public communicators with strategies development and response examples developed by EUvsDisinfo.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    ISD Explainers

    An overview of extremist narratives, movements and actors. Offers background and history of the term, related narratives and background reading. Terms include among others ‘The Manosphere’, ‘The New World Order’, ‘Accelerationism’, ‘The Great Replacement’ and ‘The Order of Nine Angels’. By Institute of Strategic Dialogue.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    milON

    Digital literacy in the MENA-region that targets young people and educators. I promotes media literacy with educational short videos filmed in the region as well as offers pedagogical material for educators.
    Available in English, French and Arabic

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  • Teaching Tools

    News Literacy Project

    News Literacy Project provides programs and resources for educators and the public to teach, learn and share the abilities needed to be smart, active consumers of news and information, and equal and engaged participants in a democracy.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    OECD Assessment rubrics

    Assessment rubrics for critical thinking (largely to be used in formative feedback).
    Available in English

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  • Teaching Tools

    Online Media Literacy Resources

    A list of online resources recommended by the UK government. The list includes tips on reporting inappropriate content, preventing online harassment, cyberbullying and much more.

    Available in English

     

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  • Teaching Tools

    RAN Collection

    More than 200 inspiring practices on preventing radicalisation to terrorism and violent extremism.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    She Persisted

    A Digital Resilience Toolkit for Women in Politics with respond and prevention techniques. Offered by She Persisted.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    The Wall of Beliefs

    Toolkit for understanding false beliefs and developing effective counter-disinformation strategies.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    The World Unplugged

    This activity requires asking a group (a classroom/a group of students) to avoid all screens, connections and media activity for 24 hours. After that, follows a guided discussion about how they have felt during that time, how dependent they are from technology, and positive and negative outcomes after being disconnected.
    Available in English

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  • Teaching Tools

    Toolkit for Teachers

    Spot and fight disinformation: presentation and introduction booklet including real life examples and group exercises for your classroom.
    Available in all EU languages

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  • Teaching Tools

    UNESCO resources

    Media Information Literacy Tools for Teachers offered by UNESCO.
    Available in multiple languages

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  • Teaching Tools

    UNESCO: Think critically, click wisely!

    A comprehensive guide by UNESCO Media and information literate citizens: Think critically, click wisely! is a curriculum for educators and learners. 2021 edition.

    Available in English

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  • Teaching Tools

    Very Verified

    Online course on Media Literacy developing critical thinking. It’s available in 3 different learning modules, and covers topics such as media landscape, types of media, social media and disinformation and manipulation. Developed by IREX.
    Available in English, Estonian, Latvian, Lithuanian and Russian

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  • Teaching Tools

    Медіапутівник: як розпізнавати якісну інформацію та чому це важливо?

    Cерія з дев’яти коротких відеолекцій, які пояснюють, що таке якісний медіапродукт, яким стандартам мають відповідати правдиві інформаційні повідомлення та як медіа часто можуть маніпулювати свідомістю споживачів інформації. Ця серія відеолекцій створена експертками Інституту демократії імені Пилипа Орлика / POID, авторитетної української організації, що спеціалізується на розвитку незалежних медіа та розширенні можливостей громадянського суспільства.

    Кожен із дев’яти епізодів цього відеокурсу присвячений одній темі та триває в середньому сім хвилин. Ця серія щодо розвитку медіаграмотності пропонує низку корисних інструментів, які допомагають навчитися відрізняти якісну інформацію від низькоякісної та вміти самостійно її перевіряти.

     

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RECHTLICHER HINWEIS

Bei den Fällen in der EUvsDisinfo-Datenbank geht es um Aussagen im internationalen Informationsraum, die als parteiische, verzerrte oder falsche Darstellung der Realität und als Verbreitung von kremlfreundlichen Kernbotschaften identifiziert wurden. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die betroffenen Medien Verbindungen zum Kreml haben oder den Kreml redaktionell unterstützen oder dass sie absichtlich Desinformation verbreiten wollten. Die Veröffentlichungen von EUvsDisinfo stellen keine offizielle Position der EU dar, da die präsentierten Informationen und vertretenen Meinungen auf Medienberichten sowie Analysen der East StratCom Task Force basieren.

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