„‚Informationskrieg‘ ist ein vom Kreml verwendeter Begriff zur Rechtfertigung von Desinformation“

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„‚Informationskrieg‘ ist ein vom Kreml verwendeter Begriff zur Rechtfertigung von Desinformation“
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Roman Dobrochotow ist ein russischer Journalist und Chefredakteur des unabhängigen Mediums The Insider.

Er hat bereits mehrmals von der russischen Regierung unterstützte Desinformationskampagnen aufgedeckt – häufig in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern – und sich dadurch weltweit Anerkennung erworben. The Insider und Bellingcat wurden dieses Jahr bei der European Press Prize-Verleihung für ihre gemeinsame Recherche zum Giftanschlag in Salisbury im März 2018 mit dem Investigative Reporting Award ausgezeichnet.

In diesem exklusiven Interview spricht Roman Dobrochotow aus seiner Sicht über die Desinformationskampagnen in Russland. Außerdem berichtet er über die Auswirkungen seiner Arbeit innerhalb und außerhalb Russlands und darüber, warum er sich keine großen Sorgen um seine Sicherheit macht.

Desinformation vs. Propaganda

F. Zunächst eine terminologische Frage. Welchen Begriff bevorzugen Sie: Propaganda, Fake News, Desinformation oder etwas ganz anderes?

A. Desinformation und Propaganda sind zwei völlig verschiedene Dinge. Durch Propaganda werden Ereignisse hervorgehoben, die für die Obrigkeit positiv sind, während durch Desinformation Unwahrheiten verbreitet werden. In der Regel ist Desinformation beabsichtigt – sie wird gezielt von jemandem verbreitet, der weiß, dass die Öffentlichkeit damit getäuscht wird.

Der Begriff „Desinformation“ verbreitete sich nach dem Kalten Krieg und er stammt aus dem sowjetischen Sprachgebrauch. Er ist ein durch und durch sowjetisches Konzept, das nicht nur im Zusammenhang mit den Medien, sondern auch mit der Arbeit des KGB verwendet wurde. Es gab spezielle Einheiten des KGB, die sich mit professioneller Desinformation befassten. Diese existieren auch heute noch, wenn auch in anderer Form. Es gibt Teile des [russischen Militärgeheimdienstes] GRU, deren offizielle Aufgabe die Durchführung von Desinformationskampagnen ist.


Im Rahmen der European Press Prize-Verleihung 2019 erhielten The Insider und Bellingcat für ihre gemeinsame Recherche „
Unmasking the Salisbury Poisoning Suspects: A Four-Part Investigation“ den Investigative Reporting Award.

Das ideologische Erbe der Sowjetunion

F. Glauben Sie, dass die Situation in Bezug auf Desinformation in Russland besonders ist, oder lässt sie sich mit der Lage in anderen Ländern vergleichen?

A. Sie kann mit der Situation in Ländern verglichen werden, die das sowjetische Erbe teilen – wie China, zum Beispiel, das viel von der UdSSR übernommen hat.

Etwas Ähnliches mag es in anderen autoritär regierten Ländern geben, auch wenn sie keinen Bezug zur Sowjetunion hatten. Das Vorhandensein solcher Staaten im modernen Informationsumfeld erfordert geradezu, dass sie den Zugang der Menschen zu Informationen beschränken sowie Diffamierendes über ihre Feinde und vorteilhafte Informationen über sich selbst verbreiten.

Die belagerte Festung

F. Welchem Zweck oder welchen Zwecken dient die Desinformation Ihrer Meinung nach? Lässt sich das allgemein sagen?

A. Das Hauptziel ist, den Feind zu diskreditieren oder im feindlichen Lager Zwietracht zu säen. Desinformation ist ein militärisches Konzept: Flugblätter mit Propaganda und Desinformation werden im Rahmen eines „Informationskriegs“ hinter den feindlichen Linien verteilt.

Der Kreml spricht gern von einem „Informationskrieg“, um die Militärterminologie zu legitimieren und so die Desinformationskampagnen zu rechtfertigen. Laut dem Kreml geht es nicht nur um aktuelle Themen, sondern um die Teilnahme an einem „Informationskrieg“, in dem alle Mittel erlaubt sind.

Ich möchte das noch einmal mit China vergleichen: Obwohl China ein totalitärer Staat ist, herrscht dort kein Gefühl eines Krieges gegen den Westen, zumindest noch nicht. In China beschreibt die Propaganda die chinesische Position in der Welt nicht als Kriegszustand, es wird nicht behauptet, dass Land sei von Feinden umzingelt. Die Chinesen haben eine andere Agenda: Sie betonen ihre Unterschiede, dass sie eine uralte Kultur haben, dass China ein großes Land ist usw. Mit anderen Worten: Sie präsentieren sich in einem positiveren Kontext.

Die Lage in Russland lässt sich am ehesten mit der in Nordkorea vergleichen, das ebenfalls eine Ideologie der „belagerten Festung“ vertritt. Auch von dort werden Hackerangriffe, Desinformationskampagnen und schamlose Propaganda gestartet.


Im Jahr 2018
erhielt Roman Dobrochotow für seine Recherche zum Giftanschlag in Salisbury den Journalism as a Profession Award in der Kategorie Investigativer Journalismus.

Internationale Recherche

F. Sie betreiben schon lange investigativen Journalismus. Können Sie uns ein Beispiel dafür geben, wie Sie Desinformation und andere Probleme aufgedeckt haben und wozu das geführt hat? Hatten Ihre Enthüllungen schon einmal konkrete Konsequenzen?

A. The Insider beschäftigt sich seit 2013 mit investigativer Berichterstattung. Wir haben eine Vielzahl verschiedener Artikel mit ganz unterschiedlicher Resonanz veröffentlicht.

Als wir über lokale Themen in Russland schrieben, kamen aufgrund unserer Artikel verschiedene Kriminelle vor Gericht. Das geschieht natürlich nur selten, aber es kam vor. Diese Berichte handelten in der Regel von gesellschaftlichen Themen. Als wir beispielsweise über ein Waisenhaus schrieben, nahmen sich die Behörden vor Ort des Problems an.

Es gibt auch politisch sensiblere Themen, aber in diesen Fällen ist klar, dass wir nicht viel ausrichten können. Würde der Staat reagieren, wäre er kein autoritäres Regime mehr.


Im Jahr 2017 erhielten Roman Dobrochotow und The Insider den Innovationspreis für Demokratie des Europarats. Foto: Europarat.

Und dann gibt es noch unsere internationalen Recherchen. Diese haben natürlich den größten Effekt. Wenn wir über Ereignisse in westlichen Ländern schreiben, sind die dortigen demokratischen Regierungen eher bereit, auf den Hype in der Presse zu reagieren. Sie lesen alle Veröffentlichungen sorgfältig und versuchen, die Situation zu verbessern.

Als wir beispielsweise herausfanden, dass einer der an dem Anschlag in Salisbury Beteiligten auch in Polen und Bulgarien war, als der Geschäftsmann Gebrev vergiftet wurde, begannen die Geheimdienste der beiden Länder, zusammenzuarbeiten. Sie tauschten Informationen aus und stellten fest, dass es um eine russische Strategie ging und es sich nicht um zwei voneinander unabhängige Fälle handelte.

Es gibt viele solcher Beispiele. Auch in Spanien haben die Strafverfolgungsbehörden die Informationen verwendet, die wir über die nach Barcelona gereisten GRU-Offiziere zur Verfügung gestellt hatten.

Aber die Reaktion ist nicht immer so ausgeprägt und nicht immer wie erwartet. In Deutschland konnten wir beispielsweise einen Attentäter mit dem russischen Geheimdienst in Verbindung bringen. Die Untersuchung erreichte jedoch nicht die politische Ebene und es wird immer noch versucht, den Fall zu vertuschen und ihn als einfachen Kriminalfall zu untersuchen.

Mit anderen Worten: Auch Demokratien unterscheiden sich und sind unterschiedlich mutig, aber in Bezug auf die Resonanz können wir uns nicht beklagen, obwohl unser Medium eher klein ist. Wenn wir uns allgemein die Erwähnung unserer Arbeit und unseren Einfluss ansehen, sind die Reaktionen ziemlich ausgeprägt.

In der 2018 gedrehten Dokumentation Factory of Lies war Roman Dobrochotow einer von mehreren russischen Journalisten, die über die Aufdeckung der verborgenen Mechanismen von Desinformationskampagnen aus Russland sprachen.

Im Wettstreit mit Desinformation

F. Glauben Sie, dass journalistische Recherche und Enthüllungen eine echte Gefahr für Desinformation sein können? Oder es mit ihr aufnehmen können?

A. Wir haben einen speziellen Bereich auf unserer Website mit dem Titel „Antifake“, in dem wir uns mit Desinformation und Propaganda befassen und Fake News beobachten und entlarven. Das Ziel ist, Propaganda entgegenzutreten und, wenn man so möchte, es mit ihr aufzunehmen.

F. Für welche Zielgruppe schreiben Sie beispielsweise über den Salisbury-Fall? Als Journalist haben Sie vermutlich bestimmte Leser vor Augen. Was können Sie über diese sagen?

A. In demografischer Hinsicht – Geschlecht, Alter und Wohnort der Leser – ist unsere Zielgruppe ziemlich gleichmäßig über Russland verteilt. Das Verhältnis von Männern zu Frauen und alten zu jungen Menschen dürfte dem russischen Durchschnitt ähneln. Natürlich lesen uns mehr Menschen aus Großstädten, aber dort leben auch mehr Menschen, daher sehe ich hier keine Abweichungen. Wir versuchen nicht, für eine irgendwie geartete Kernzielgruppe zu schreiben.

Der Bereich „Antifake“ von The Insider ist der Analyse und Widerlegung von Desinformation gewidmet, die über kremlnahe Medien verbreitet wird. Er wird mehrmals pro Woche aktualisiert.

Natürlich sind Menschen, die The Insider lesen, im Durchschnitt etwas gebildeter, fortschrittlicher und progressiver als die Leser anderer Websites. Warum sollte jemand The Insider besuchen, wenn ihn die Artikel verärgern? Wir konzentrieren uns aber nicht ausschließlich auf liberale Kreise – im Gegensatz zu Grani.ru, zum Beispiel, wo die russische Polizei in Schlagzeilen nur noch als „Bestrafungstruppe“ bezeichnet wird. Wir versuchen, in unserer Ausdrucks- und Arbeitsweise neutral zu sein.

Ich würde daher sagen, dass alle Bürgerinnen und Bürger Russlands unsere Zielgruppe sind. Wenn sie uns ideologisch nicht nahe stehen, können wir nichts machen. Vielleicht lesen sie unsere Artikel und nähern sich dann ideologisch an uns an.

F. Was können Sie uns über die Methoden sagen, die Sie nutzen, um Desinformation aufzudecken?

A. Wir recherchieren beispielsweise, von wem die Propaganda stammt. Morgen werden wir einen Artikel zu dieser Frage veröffentlichen, und zwar über [einen Berater des Kreml, Konstantin] Kostin und darüber, wie die Präsidialverwaltung Provokationen gegen [den Oppositionspolitiker und Antikorruptionsaktivisten Alexei] Nawalny organisiert. Das ist eine Art von Artikel.

Etwas anderes ist die Beobachtung von Fake News und deren Entlarvung. Das machen andere Leute bei The Insider; die Herangehensweise unterscheidet sich fundamental.

Klicken Sie hier, um sich die Erklärung von Roman Dobrochotow gegenüber Associated Press anzusehen, wie er die Identität eines der Verdächtigen im Skripal-Fall aufdeckte.

„Wie können Sie überhaupt von Russland aus arbeiten?“

F. Die letzte, eher persönliche Frage wird Ihnen vermutlich oft gestellt. Haben Sie keine Angst um Ihre Sicherheit? Haben Sie schon einmal überlegt, Ihre Recherchen einzustellen, Ihr Profil zu ändern?

A. Ich war gerade auf Geschäftsreise in den USA und hatte drei Tage lang durchschnittlich zehn Meetings pro Tag. In diesen drei Tagen wurde eine Frage immer zuerst gestellt, und zwar: Haben Sie Angst um Ihre Sicherheit und wie können Sie überhaupt von Russland aus arbeiten?

Ich denke, Journalisten sind in Russland in einer privilegierten Lage im Vergleich zu Aktivisten und Mitgliedern von NROs. Hier gibt es keine umfangreichen Repressionen gegen Journalisten, wie dies beispielsweise in der Türkei der Fall ist, wo Hunderte Menschen inhaftiert wurden – ganz zu schweigen von Ländern wie China, Iran, Ägypten.

In manchen Regionen Russlands kann es allerdings für Journalisten tatsächlich schwierig sein, ihrer Arbeit nachzugehen. Dort zählt ein Menschenleben weniger. Daher gibt es dort mehr Morde, Angriffe und inhaftierte Journalisten. In Moskau kann man mehr oder weniger unbehelligt arbeiten, daher sehe ich keinen Anlass zur Sorge.

Es ist natürlich immer eine Frage des Vergleichs. Anderswo sind die Risiken anders. Würde ich zum Beispiel in der Schweiz leben, hätte ich mir vielleicht genauer überlegt, ob sich gefährliche Recherchen wirklich lohnen. Aber wir leben in Russland und teilen die Erfahrung des Lebens in der Sowjetunion, die Erfahrung unserer Eltern. Ich erinnere mich auch noch gut daran. Verglichen mit der damaligen Zeit sind die Risiken heute kleiner, also sollten wir uns vielleicht nicht beklagen. Russland ist kein solch totalitärere Staat und selbst wenn die Risiken hoch sind … Manchmal muss man einfach akzeptieren, dass das Risiko Teil des Jobs ist.

Weitere Artikel aus unserer Reihe von Interviews mit russischen Journalistinnen und Journalisten:

Propaganda muss die Sprache der Werte entgegengesetzt werden“: Andrey Arkhangelsky ist einer der aktivsten Kommentatoren Russlands zum Thema Desinformation und Propaganda.

Distracting the audience from the real problems“: Exklusives Interview mit der russischen Journalistin Marija Borsunowa. Sie entlarvt in ihrem wöchentlichen Programm „Fake News“ des unabhängigen Fernsehsenders TV Rain kremlfreundliche Desinformation.

„The Propaganda digs a cultural ditch between Russia and Europe“: Pavel Kanygin hat als investigativer Journalist für die Nowaja Gaseta über den MH17-Fall berichtet. In diesem exklusiven Interview spricht er über seine Erfahrungen im Kampf gegen die vom Staat unterstützte Desinformation.

Erstes Foto: Roman Dobrochotow auf Facebook

RECHTLICHER HINWEIS

Bei den Fällen in der EUvsDisinfo-Datenbank geht es um Aussagen im internationalen Informationsraum, die als parteiische, verzerrte oder falsche Darstellung der Realität und als Verbreitung von kremlfreundlichen Kernbotschaften identifiziert wurden. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die betroffenen Medien Verbindungen zum Kreml haben oder den Kreml redaktionell unterstützen oder dass sie absichtlich Desinformation verbreiten wollten. Die Veröffentlichungen von EUvsDisinfo stellen keine offizielle Position der EU dar, da die präsentierten Informationen und vertretenen Meinungen auf Medienberichten sowie Analysen der East StratCom Task Force basieren.

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