Pipeline der Lügen und Fantasien
Der Winter naht, und mit ihm rücken die altbekannten Desinformationsnarrative des Kremls über die Energieversorgung der EU und die angebliche Torheit der „antirussischen“ Sanktionen erneut in den Fokus.
Seit Putin im Frühjahr 2022 die Gaslieferungen nach Europa mit der Forderung nach Aufhebung der EU-Sanktionen gekappt hat, hat sich die Situation kaum verändert. Laut kremlfreundlichen Desinformation begehen die Europäer einen massiven Akt der Selbstschädigung – ihre Volkswirtschaften brechen aufgrund des Mangels an russischen Energieressourcen zusammen, während diese Sanktionen Russland selbst kaum beeinträchtigt haben. Stattdessen schmiede Russland eine strahlende neue Zukunft und lasse seine alten EU-Kunden im Staub zurück.
EU am Rande des Zusammenbruchs?
Zwei Jahre später – was hat sich geändert? Nicht viel, aber es gab ein paar interessante Änderungen an einigen bekannten Narrativen. So zeichneten die Propagandisten des Kremls im Jahr 2022 ein apokalyptisches Bild einer EU, die wegen fehlender russischer Brennstoffe in winterliche Dunkelheit versinkt, mit frierenden Bürgern und Unruhen auf den Straßen.
Sie sagten den Sturz der EU-Regierungen und sogar den Zerfall der EU voraus. Genauso wie sie den Zusammenbruch der EU während der COVID-19-Pandemie vorausgesagt haben. Die Handlanger des Kremls lagen immer und immer wieder falsch.
Was ist tatsächlich mit den europäischen Gaspreisen passiert?
Entgegen den Träumereien des Kremls und von Gazprom, die in die Höhe schießenden Gaspreise in Europa für politische Erpressung einzusetzen, zeigt die folgende Grafik von Trading Economics, die die Preise für europäische Gas-Futures darstellt, dass Moskaus Panikmache und Marktmanipulationen durch entschlossenes und auf EU-Ebene koordiniertes Handeln erfolgreich bekämpft werden können.

- 24. Februar 2022: Der großangelegte Einmarsch in die Ukraine.
- Russland reduziert die Gasexporte in die EU und versucht, die Aufhebung der Sanktionen zu erzwingen. Die Gasexporte werden nahezu vollständig eingestellt.
Ab Juli-August 2022: Es werden alternative Gaslieferanten für die EU gefunden, während die EU eine Verordnung zur Senkung der Gasnachfrage verabschiedet, gefolgt von Notfallmaßnahmen zur Senkung der Energiepreise. - Sabotage an Nord Stream 1 und 2 am 26. September 2022: Sehr kurze und begrenzte Auswirkungen, die die Markttrends nicht verändern.
Was hat sich geändert?
In diesem Jahr scheinen die Propagandisten die Botschaft verstanden zu haben. Keine endlosen Vorhersagen mehr über Stromausfälle und soziale Unruhen in der gesamten EU. Stattdessen konzentriert man sich gnadenlos auf die Ukraine und prophezeit dort einen Winter des Elends nach der anhaltenden russischen Raketen- und Drohnenangriffskampagne gegen die ukrainische Energieinfrastruktur. Eine Kampagne, die laut UN möglicherweise „die grundlegenden Prinzipien des internationalen humanitären Völkerrechts verletzt haben könnte.“
Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass es diesmal deutlich weniger Berichte über Deutschland gibt. Kremlnahe Propagandisten waren besessen von dem vermeintlichen Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft als Hinweis auf die allgemeine wirtschaftliche Misere in der EU. Diesmal scheint es weniger derartige Behauptungen zu geben. Die Vorhersagen über den Niedergang Deutschlands waren voreilig, und es wird sogar ein Wirtschaftsaufschwung für 2025 prognostiziert.
Aber alte Gewohnheiten lassen sich schwer ablegen: der „baldige Zusammenbruch der EU“
Im September 2024 zitierten kremlnahe Propagandaplattformen ziemlich selektiv den Draghi-Bericht der Europäischen Kommission, wonach die EU aufgrund der lähmenden wirtschaftlichen Auswirkungen der Sanktionen möglicherweise aufhören könnte zu existieren. Nach Ansicht der Kreml-Propagandisten würden nur die USA davon profitieren, so ein oft wiederholtes Desinformationsnarrativ.
Der rote Faden in den Narrativen kremlnaher Medien seit Einführung der EU-Sanktionen ist, dass diese Sanktionen die EU zerstören und sie offenbar einen „energetischen Selbstmord“ begehe, während Russland angeblich gleichzeitig davon profitiere. Die Propagandisten des Kremls beharren darauf, dass letztlich doch jeder russisches Gas und Öl brauche!
Uns geht es gut, aber könntet ihr, die EU, die Sanktionen vielleicht trotzdem noch einmal überdenken?
Ein weiteres bekanntes Narrativ der Desinformation des Kremls ist, dass die Sanktionen einfach nicht wirken, oder zumindest nicht so, wie sie beabsichtigt waren. Diesem Narrativ zufolge ist Russland weit davon entfernt, bestraft zu werden, und kommt auch ohne die EU gut zurecht.
Wie wir bereits berichtet haben, fantasiert Moskau von der Schaffung einer neuen Weltordnung – der Gestaltung einer „gerechteren Zukunft für den Globalen Süden“ – und im Rahmen dessen ist es beschäftigt, Geschäfte mit Indien im Bereich Energie und eine nukleare Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern zu schließen, die in Moskau einen „zuverlässigen Partner“ sehen. Dennoch könnte sich die Realität für den Kreml als weniger rosig erweisen als die Fantasien, wie russische Wunschträume in China vermuten lassen.
Die grüne Agenda der EU ist „kaum verhüllte ‚Russophobie‘“
Russische Staatsmedien und andere kremlnahe Plattformen behaupten gerne, dass die EU eine „erzwungene“ Vorliebe für Umweltpolitik habe und was für ein Betrug diese Politik offensichtlich sei.
Die in europäischen Sprachen operierenden russischen Staatsmedien behaupten, dass Deutschland seine Zahlen zu Methanemissionen manipuliert habe, die laut den Propagandisten bis zu 220 Mal höher sein könnten, als sie eigentlich sein sollten.
In einer orchestrierten Weise, bei der Narrative und Formulierungen über verschiedene Plattformen und Medien hinweg kopiert werden, werden erneuerbare Energiequellen im kremlnahen Umfeld weitgehend verspottet und als keine ausreichenden Ersatzlösungen für Öl und Gas abgetan. Die EU, so lautet das Narrativ, habe einige schlechte Entscheidungen getroffen. Den Propagandisten zufolge wird die grüne Agenda der EU ihr Verhängnis sein und die „Russophobisierung” ihres Energiemarktes völlig unhaltbar.
Dennoch, während wir langsam in den Winter gehen, könnten gewöhnliche Russen, die außerhalb der großen Ballungszentren leben, an das letzte Jahr zurückdenken und sich an die Heizungsabschaltungen und Stromausfälle inmitten der Minusgrade erinnern, die sie in ganz Russland ertragen mussten. Vielleicht sind sie es, die in diesem Jahr zu protestieren gedenken, und nicht die Bürger der EU.