Russlands verdrehtes Spiegelkabinett
Es sind mehr als 15 Monate vergangen, seit Russland seine dreitägige „militärische Spezialoperation“ gegen die Ukraine startete. Da sich der russische Angriffskrieg in die Länge zieht, ohne dass ein Sieg für die Invasoren in Sicht ist, muss sich der Kreml immer wieder neue Ausreden dafür einfallen lassen, warum nichts nach Plan verläuft.
Eine der pikantesten Behauptungen, die kürzlich dem kremlfreundlichen Desinformations-Ökosystem entsprang, ist die Vorstellung, dass ukrainische Soldaten Drogen verwenden, die sie in moderne Berserker verwandeln: „Die Substanzen sorgen dafür, dass die Soldaten die Kugeln von Handfeuerwaffen nicht spüren. Eine Kugel kann sie von den Füßen reißen, aber sie stehen auf und laufen weiter, als fühlten sie keinen Schmerz – so stark sind diese Drogen.“ Dies ging einher mit der Behauptung, die Ukraine betreibe seit Jahren militärische pharmazeutische Programme und entwickle psychoaktive Drogen für den Kampfeinsatz.
Russlands Behauptungen über Wunderdrogen sind alles andere als neu. Im August letzten Jahres wies der russische Chef der ABC-Schutztruppe darauf hin, dass ukrainische Soldaten Drogen einnähmen, deren Nebenwirkungen zu extremer Aggressivität führen würden, womit er ihre „extreme Grausamkeit gegenüber der Zivilbevölkerung“ erklärte. Ähnliche unbegründete Anschuldigungen wurden auch während der Orangen Revolution vorgebracht.
Die Kriegsnebelmaschine
Das Stiften von Verwirrung und die Demoralisierung des Gegners sind ein wesentlicher Bestandteil der Kriegspropaganda. In ihren Bemühungen, die angebliche militärische Macht Russlands zu demonstrieren und die Ukrainer zu entmutigen, verbreiten kremlfreundliche Kanäle häufig haarsträubende Behauptungen über hochrangige Persönlichkeiten der Ukraine. Beispielsweise behaupteten kremlfreundliche Stimmen wiederholt, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj aus der Ukraine geflohen sei, Selbstmord begangen hätte oder ein Double hätte.
Kürzlich geriet Kyrylo Budanow, der Direktor des ukrainischen militärischen Nachrichtendiensts, ins Fadenkreuz. Am 3. Juni wurde auf Telegram eine Nachricht veröffentlicht, die sich auf einen angeblichen Nachrichtenartikel von telegraf.com.ua, einer ukrainischen Nachrichtenagentur, bezog, der über den vermeintlichen Tod von Budanow berichtete. Innerhalb der nachfolgenden 48 Stunden wurde der Beitrag auf Telegram von mindestens 16 Kanälen weiterverbreitet und von mindestens 20 weiteren zitiert. Die Story wurde auch auf Twitter verbreitet. Zwei Tage später, am 5. Juli, wurde von RIA Novosti ein Artikel veröffentlicht, der über das Gerücht von Budanows Tod berichtete. Der Artikel wurde wiederum von mehreren anderen bekannten, vom Kreml kontrollierten Desinformationskanälen wie News Front zitiert. Die Story wurde schnell von niemand anderem als telegraf.com.ua selbst widerlegt, doch es ist ziemlich sicher davon auszugehen, dass vom Kreml und seinen Handlangern auch künftig ähnliche Behauptungen verbreitet werden.
Nachahmer
Fälschung und Vortäuschung gehören zu den wichtigsten Instrumenten der Informationsmanipulation des Kremls. Erst diesen Dienstag deckte die französische Regierung eine umfangreiche ausgeklügelte Kampagne zur Informationsmanipulation gegen Frankreich auf, an der russische Akteure beteiligt waren. Die Kampagne bestand unter anderem darin, gefälschte Webseiten zu erstellen, mit denen die Identität nationaler Medien und von Websites der französischen Regierung gekapert wird, sowie Fake-Accounts in den sozialen Medien einzurichten. Die von Frankreich entlarvte Kampagne scheint die zweite Welle der Doppelgänger-Operation zu sein, die letztes Jahr von EU DisinfoLab, einer NRO mit Sitz in Brüssel, und Meta aufgedeckt wurde.
Kürzlich tauchte auch ein weiterer interessanter Fall auf unserem Radar auf. Am 8. Februar wurde von einer anonymen Person unter der Domain euro-press.net eine Website namens Europress registriert, die vorgibt, die „offizielle europäische Nachrichten-Website“ zu sein. Wie allzu oft in ähnlichen Fällen gibt Europress keine Informationen über Autoren, Finanzierung, Zugehörigkeit oder Standort preis.
Nur wenige Tage nach Registrierung der Website gab es jedoch eine interessante Wendung. Und zwar wurden seit dem 10. März bis heute rund 7 000 Artikel, die ursprünglich in der internationalen Ausgabe von Sputnik sputnikglobe.com (ehemals sputniknews.com) veröffentlicht worden waren, auf dieser Website erneut veröffentlicht. Derzeit scheint die Website ausschließlich Artikel von Sputnik erneut weiterzuverbreiten.
Die Website ist höchstwahrscheinlich automatisiert und hängt von Webcrawlern ab, da die meisten Artikel mehr als einmal zu verschiedenen Zeiten veröffentlicht wurden, häufig am selben Tag. Dies scheint ein Versuch zu sein, die Sichtbarkeit der Website und ihrer Inhalte in Suchergebnissen zu erhöhen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch zu früh, um sagen zu können, ob es eine direkte Verbindung zwischen Europress und dem russischen Ökosystem der Informationsmanipulation gibt, doch es lohnt sich, die Sache im Auge zu behalten, da Russland sowohl ein Motiv als auch die Mittel hat, eine derartige Operation durchzuführen.

Weitere Fälle von Desinformation in dieser Woche:
- Laut dem russischen Präsidenten Putin arbeitet Russland schrittweise und systematisch daran, die Ukraine zu entmilitarisieren. Nein, Russland führt einen uneingeschränkten Angriffskrieg gegen die Ukraine. Zudem verletzt es seit 2014 die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine.
- Die vom Kreml kontrollierten Medien beharren weiter darauf, dass die Ukraine den Kachowka-Staudamm am 6. Juni selbst angriff und beschädigte. Für diese Behauptung gibt es keinerlei Belege. Sicher ist, dass der Kachowka-Staudamm zu Beginn des Einmarsches in die Ukraine im Februar von Russland eingenommen wurde und seitdem in russischer Hand ist.