Interview mit Wim van der Weegen: Darstellung der Fakten über Flug MH17
Wim van der Weegen war Direktor für Kommunikation des niederländischen Untersuchungsrats für Sicherheit, der zur Absturzursache von Flug MH17 ermittelte. In kremlfreundlichen Medien wurde über die MH17-Tragödie anfangs falsch berichtet – sie sei ein erfolgreicher Angriff auf die ukrainische Luftwaffe gewesen. Kurz danach starteten kremlfreundliche Medien jedoch mehrere Kampagnen, um das Publikum mit einer Flut von Erklärungen darüber, was passiert war, zu verwirren. Wir haben van der Weegen gefragt, wie man in einem Informationsbereich kommuniziert, der stark von Desinformation betroffen und geopolitisch und emotional besonders sensibel aufgeladen ist. Es wurde ein faszinierendes wie auch lehrreiches Gespräch.

Quelle: Wim van der Weegen
Wo waren Sie, als Sie erstmals von der MH17-Tragödie hörten?
Am Tag bevor mein Urlaub beginnen sollte, saß ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen vom niederländischen Untersuchungsrat für Sicherheit beim Abendessen. Zunächst erhielten wir die Nachricht, dass ein Flugzeug abgestürzt sei. Später kam die Nachricht, dass das Flugzeug von Amsterdam aus abgeflogen war. Nach und nach trafen immer mehr Informationen über die Katastrophe ein.
Es war nicht sofort klar, dass wir selbst an der Untersuchung beteiligt sein würden. Das Abkommen über die internationale Zivilluftfahrt („Abkommen von Chicago“) besagt, dass im Falle eines Unfalls eines Luftfahrzeugs eines Staates, der sich in einem anderen Staat ereignet und entweder den Tod oder schwere Verletzungen zur Folge hat, der Staat, in dem sich der Unfall ereignet, eine Ermittlung der Umstände des Unfalls einleitet. In diesem Fall war das Flugzeug in der Ukraine abgestürzt, so dass wir zu diesem Zeitpunkt lediglich davon ausgingen, dass der niederländische Untersuchungsrat für Sicherheit eine unterstützende Rolle bei der Ermittlung einnehmen, nicht aber die Leitung übernehmen würde. Zwei Wochen später wurden die Niederlande jedoch von der Ukraine gebeten, die Ermittlung zu leiten.
Worum handelt es sich beim niederländischen Untersuchungsrat für Sicherheit und welche Verantwortung trägt er in Bezug auf MH17?
Jedes Land, das zu den Unterzeichnern des Übereinkommens über die internationale Zivilluftfahrt gehört, hat eine Organisation benannt, die für die Untersuchung von Flugunfällen zuständig ist. Für die Niederlande ist hier der Untersuchungsrat für Sicherheit benannt. Der niederländische Untersuchungsrat für Sicherheit ist im Vergleich zu den meisten anderen Ländern etwas Besonderes, da er befugt ist, Ermittlungen in fast allen Bereichen und Sektoren durchzuführen. Neben Ereignissen in der Luftfahrt, der Schifffahrt, im Eisenbahnsektor, der chemischen und petrochemischen Industrie untersucht der Ausschuss auch Vorfälle im Bau- und Gesundheitswesen sowie militärische Zwischenfälle im Verteidigungsministerium. So kann die Organisation bei Bedarf mehrere Fachgebiete kombinieren.
Wie ist der niederländische Untersuchungsrat für Sicherheit im Allgemeinen mit Desinformation umgegangen? Desinformation war 2014/2015 noch ein ziemlich unbekanntes Phänomen, bestand eine Strategie?
Zu diesem Zeitpunkt war noch wenig über Desinformation bekannt. Auf der Untersuchungsebene hatte Desinformation keinen Einfluss, weil es darum geht, zuerst die Fakten zu ermitteln und danach eine Theorie aufzustellen. Angesichts dieser Vorgehensweise bestand keine Gefahr, dass desinformative Theorien die Untersuchung beeinflussen würden.
Weitere Aspekte waren die Darstellung des niederländischen Untersuchungsrats für Sicherheit als unabhängig und glaubwürdig und natürlich die Kommunikation der ermittelten Fakten. Im Rückblick war vermutlich eine unserer getroffenen Entscheidungen besonders wichtig.
Der Untersuchungsprozess ist durch das Übereinkommen über die internationale Zivilluftfahrt ziemlich eindeutig geregelt. Es sieht vor, dass sich ein Bericht lediglich auf die Feststellung der Fakten konzentriert, um zu beweisen, dass eine Hypothese wahr ist. Angesichts all der weiteren Theorien, die im Umlauf waren, haben wir uns jedoch für einen etwas anderen Ansatz entschieden. Wir baten die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation um Erlaubnis, im Bericht auch erklären zu dürfen, warum konkurrierende Hypothesen durch die Beweise widerlegt wurden. Im Endeffekt haben wir alternative Erklärungen mit technischen Fakten entlarvt. Ich schätze, dies war ein wichtiger Faktor, um zu verdeutlichen, warum der Bericht auch auf Makroebene in der Lage war, alternative Theorien über die Absturzursache zu widerlegen.
Welche sind Ihrer Meinung nach weitere Faktoren für den Erfolg des niederländischen Untersuchungsrats für Sicherheit in Bezug auf Desinformation?
Die Art und Weise, wie wir den Abschlussbericht vorgelegt haben. Aufgrund der großen internationalen Aufmerksamkeit wurde uns klar, dass wir uns nicht allein auf Sprache und technische Details verlassen konnten und ein starkes Bild brauchten. Wir wollten, dass dieses Bild als „Informationsträger“ fungiert, der die Katastrophe, die Untersuchung und deren Ergebnisse symbolisch miteinander verbindet.
Dafür haben wir Monate vor der eigentlichen Präsentation einen Künstler gebeten, einen Entwurf (Bild 3) mit der Rekonstruktion des Flugzeugs, die während der Untersuchung angefertigt wurde, zu erstellen. Daraus entstand die Idee, den Bericht vor der Rekonstruktion des Flugzeugs vorzustellen (Bild 4). In der Praxis stellte sich das als ziemlich schwierig dar, denn wir mussten alles in einem eigens errichteten Zelt auf dem voll funktionsfähigen Militärstützpunkt Gilzen-Rijen aufbauen, der auch für Journalisten zugänglich sein musste. Außerdem war uns klar, dass dieses Bild für die Angehörigen der Opfer schmerzhaft sein könnte. Deshalb haben wir Zeit und Energie investiert, um sie über unsere Vorgehensweise zu informieren und ihnen die Möglichkeit zu geben, die Trümmer und die Rekonstruktion selbst zu besichtigen.
Letztendlich hat dieser Ansatz sehr gut funktioniert, da alle Medien, von der New York Times bis Le Figaro, von CNN bis Al Jazeera, über genau dieses Bild berichteten. Meiner Meinung nach hat es eine wichtige Rolle dabei gespielt, dass die Schlussfolgerungen des Berichts die Informationszone beherrschten.

Quelle: ANP und Wim van der Weegen
Was ist die wichtigste Lektion für die Kommunikation, wenn man einen Bericht in einem Bereich veröffentlicht, der unter dem Druck von Desinformation steht?
In einem von Desinformation bedrohten Bereich und wegen einer inhärenten Unsicherheit über die Ermittlungsergebnisse sollte man sicherstellen, dass der Prozess eindeutig festgelegt ist, und gegenüber Journalisten möglichst offen sein.
Eigentlich geht es hier um einfache Dinge. Man sollte sich die Zeit nehmen, zu erklären, und wenn einige Dinge nicht erklärbar sind, erläutern, warum dies der Fall ist. Wenn Journalisten E-Mails schreiben, sollte man diese beantworten oder zurückrufen. Das gilt für alle Journalisten. Ich weiß, das klingt simpel, aber wenn man regelmäßig mit Journalisten spricht, wird klar, dass sie nicht immer so behandelt werden. Genau für diese Haltung wurde die Sprecherin des niederländischen Untersuchungsrats für Sicherheit, Sara Vernooij, von der Foreign Press Association of the Netherlands als Sprecherin des Jahres ausgezeichnet.
In diesem Zusammenhang muss man mit Erwartungen umgehen. Zum Beispiel haben wir kurz vor der Veröffentlichung unseres vorläufigen Berichts erfahren, dass die Journalisten pauschale Aussagen von unserer Seite erwarteten. Wir wussten, dass wir zu diesem Zeitpunkt keine solchen Aussagen liefern konnten. Also riefen wir sie an und gaben ihnen zu verstehen, dass sie zu viel erwarteten, da wir uns nicht zum Inhalt der Untersuchung äußern durften. Dies war wichtig, um die Erwartungen im Gleichgewicht zu halten. Wir schafften es, eine Atmosphäre der Enttäuschung zu verhindern, die auf lange Sicht die Glaubwürdigkeit des abschließenden MH17-Berichts hätte untergraben können. Stattdessen lobten die Journalisten den niederländischen Untersuchungsrat für Sicherheit dafür, ein realistisches Bild zu vermitteln. Wir nahmen uns die Zeit und Mühe, den Abschlussbericht und die damit einhergehende Kommunikation so vorzubereiten, dass alle relevanten Informationen für die Angehörigen und alle anderen Interessierten zugänglich sind. Der Abschlussbericht ist eher in Fachsprache verfasst, daher hat sich der niederländische Untersuchungsrat für Sicherheit bemüht, diesen in verständliche Zusammenfassungen, visuelle Darstellungen und eine Animation in mehreren Sprachen zu „übersetzen“. Schließlich haben wir frühzeitig in die Kommunikation mit den Angehörigen investiert und ihnen den Prozess und die Ergebnisse erläutert. Während dieses Prozesses war es von entscheidender Bedeutung, alle Interessierten auf mehreren Ebenen und zu verschiedenen Zeitpunkten auf dem Laufenden zu halten.
Wenn man bloß ein einziges bestimmtes Ziel verfolgt, einen glaubwürdigen Bericht zu veröffentlichen, ist die Anwendung dieser Regeln natürlich einfacher, als wenn man ein größeres Unternehmen mit mehreren Kommunikationszielen vertreten muss. Trotzdem denke ich, dass es wichtig ist, sie im Auge zu behalten.
